Dänische und britische Archäolog:innen entdeckten 2018 in Nordjordanien, dass dort schon vor über 14.400 Jahren brotartige Speisen gegessen wurden, also weit vor dem Aufkommen von Landwirtschaft und Getreideanbau. Diese ersten Fladenbrote waren aus wildem Weizen und Strandsimse, einer Sumpfpflanze, sowie aus wildem Einkorn gemacht und wurden im Feuer gebacken. Die Verarbeitung von Getreide und Wasser zu Brei, das anschließende Formen der Fladen und Backen im Feuer können als eine der ersten elaborierteren Kulturtechniken im Zusammenhang mit Nahrung gesehen werden.
Identitätsstifter -und erhalter
Brot als Nahrungsmittel hat nicht nur eine weitreichende Geschichte, sondern ist auch kulturgeographisch eine Universalie. Unterschiedliche Arten von Brot gibt es in vielen Regionen der Erde. Und im Grunde ist Brot doch immer das: gemahlenes Getreide und Wasser, das anschließend im oder über dem Feuer gebacken wird. Die Herstellungsmethoden wie die der Sauerteiggärung oder welche Mehlsorten benutzt werden, gelten häufig als Ausdruck von Heimat oder ethnischer Zugehörigkeit. Und so trägt Brot kulturelle Identität: Sauerteigbrot in Nordeuropa oder Frankreich gilt als Inbegriff des «Eigenen», beispielweise ist die deutsche Brotkultur seit 2014 immaterielles Kulturerbe der UNESCO. Mais-Tortillas in Mesoamerika haben einen direkten Bezug zur präkolonialen Kosmologie, laut jener der Mensch aus Mais entstanden ist. In Äthiopien ist das Zubereiten und Verzehren von Injera, dem traditionellen Sauerteigfladen, Ausdruck kollektiven Teilens.
Damals wie heute wird Brot häufig in Ritualen eingesetzt und hat damit eine enorme symbolische Kraft. Zum Beispiel brachten Menschen im alten Mesopotamien
Fladenbrote als Speiseopfer. Beim Galičnik-Hochzeitsfest bei den Mijaken in Nordmazedonien werden Brote in verschiedenen ornamentalen Formen gebacken, außerdem verneigt sich die Bräutigamsmutter vor der Braut und überreicht unter anderem Brot als Zeichen der Lebensabsicherung.
Brot dient oft als Zeichen der Gastfreundschaft – wir überreichen Gästen oder Neuankömmlingen Brot und Salz, um sie in die Gemeinschaft aufzunehmen. In Norddeutschland und in Böhmen werden dem Neugeborenen Brot und Salz in die Windel gelegt. In vielen traditionellen Haushalten haben Frauen beziehungsweise Mütter die Aufgabe, Brot zu backen – Brot als Symbol für Fürsorge und soziale Reproduktion.
Auch soziale Unterschiede können durch Brot veranschaulicht werden. Der Ethnologe Jack Goody hat in den 1980er Jahren analysiert, wie Brot eine soziale Unterscheidungslinie in Europa schuf: Weizenbrot galt in Nord- und Mitteleuropa als hochwertig und «zivilisiert», während Hirse-, Gerste- oder Roggenbrote «Arme-Leute-Brot» waren. Der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss untersuchte gekochtes und rohes sowie gegorenes und ungegorenes Essen. Brot taucht dort auf als gegorenes, also fermentiertes Lebensmittel, das den Übergang von Natur zu Kultur kennzeichnet. Das Backen von Brot gilt bei ihm als zivilisatorischer Akt, der die menschliche Beherrschung von Rohstoffen aus der Natur ausdrückt. Brot transportiert auch Macht- und Kolonialgeschichte: Die Nahrungshistorikerin Rachel Laudan zeigt auf, wie christliche Missionare Brotkultur als «zivilisatorisches Gut» nach Afrika brachten und lokale Nahrungsmittel wie Hirsebrei oder Maniok abwerteten. Außerdem zeigt sie, wie das Aufkommen der industriell gefertigten Backhefe die sozialen Bedeutungen von Brot veränderte. Damit sowie durch die Mechanisierung in Bäckereien wurde Brot zunehmend ein standardisiertes Produkt, ein Alltagsgegenstand ohne symbolische Tiefe oder sakralen Wert. Mit dem industriellen Brotbacken entstand eine Trennung zwischen einfachem, billigem Weißbrot und traditionellen, handwerklich hergestellten Brotsorten.
Göttliches im Laib
Brot ist ein Nahrungsmittel für den Körper – und gleichzeitig offenbar ein Nahrungsmittel für die Seele. Brot war überall, wo Getreide angebaut wurde, Grundnahrungsmittel und damit Symbol des Lebens. In vielen Religionen ist Brot ein Symbol für das Göttliche und ein zentrales Element religiöser Rituale. Im alten Ägypten lehrte etwa der Gott Osiris den Menschen das Brotbacken und wurde zum Gott der Fruchtbarkeit und Erneuerung. Die Griechen verehrten die Göttin Demeter als Schöpferin des Getreideanbaus und des Brotbackens, die Römer beteten zu Ceres. Auch die Germanen hatten mit Freyr einen eigenen Gott der Saat und Fruchtbarkeit.
Homer erzählt, dass die griechischen Götter regelmäßig Ambrosia aßen, um ihre Unsterblichkeit zu behalten. Im Islam gehören Brot und Essen zu den Wohltaten, für die die Gläubigen dankbar sein müssen. Nach dem Ende des Ramadan findet das Zuckerfest Eid-al-Fitr statt, bei dem traditionell Baklava und anderes Gebäck gegessen werden.
Im Judentum hat das Brot viele wichtige Bedeutungen: es erinnert an die Befreiung aus der Unterdrückung, es ist eine Gabe Gottes, die Segen und Versorgung symbolisiert, und wie im Christentum ist das gemeinsame Brechen von Brot ein ritueller Akt, der Gemeinschaft stiftet. Adam musste sein Brot «im Schweiße seines Angesichts» essen – das kann als Sinnbild für die Mühen der Landwirtschaft gelesen werden. Im Alten Testament wird erklärt, dass beim Auszug aus Ägypten keine Zeit blieb, den Teig zu säuern, weshalb ungesäuertes Brot gegessen wurde. Dort kommt das Wort Brot übrigens fast 300 Mal vor. Im Christentum ist Brot eines der bedeutendsten Symbole: Es steht für Nahrung, göttliches Geschenk und Bereitschaft zum Teilen. Im Katholischen ist das Brot, die Hostie, der wirklich verwandelte Leib Christi. Mit der Speisung der Zehntausend wurde es zum Sinnbild des Teilens und der geistigen Nahrung. Jesus selbst nannte sich das «Brot des Lebens» und machte Brot zum Symbol seines Leibes. Im Vaterunser bitten Christen weltweit: «Unser tägliches Brot gib uns heute».
Zu allen religiösen Festen wurden jeweils spezielle Brote gebacken, etwa der Christstollen oder das ungesäuerte Fladenbrot (Mazzen) zum jüdischen Passahfest. Auch in säkularisierten Familien gibt es süßes Brot, also Kuchen, zum Geburtstag oder kleines süßes Brot, also Kekse, in der Weihnachtszeit.In allen abrahamitischen Religionen war und ist auch der Respekt vor der Nahrung wichtig. Wer Brot auf den Rücken legte, dem drohte Unglück, und Brotverschwendung wurde als «Brotfrevel» streng geahndet. Muslime sind gehalten, Nahrungsmittel vom Boden aufzuheben, um ihnen Respekt zu erweisen und nicht achtlos daran vorbeizugehen.
In der Bibel wird das Brotrezept des Propheten Ezechiel überliefert: «Nimm Weizen, Gerste, Saubohnen, Linsen, Hirse und Hartweizen. Mische alles in einem Gefäß, um Brot zu machen.» (Ezechiel 4,9).
Auch in der Christengemeinschaft gilt das Brot als real wirkendes geistiges Nahrungsmittel, nicht als bloßes Symbol, das im Sakrament der Menschenweihehandlung geteilt wird. Die Christengemeinschaft verwendet für die Menschenweihehandlung ein ungesäuertes Brot, das nach eigenen Rezepten zubereitet wird.
Rudolf Steiner verwendet den Begriff Brot in verschiedenen Zusammenhängen. Brot kann ein Symbol sein für die Transformation von Geist in Stoff, für das Erschaffende und Sich-Entwickelnde im Menschen, für die Verbindung himmlischer und irdischer Sphären durch bewusste menschliche Arbeit und für die spirituelle Bedeutung der Nahrung über das Materielle hinaus.
Brot verschriftlicht
Früheste literarische Erwähnungen von Brot in der christlichen Welt sind die bereits oben genannten Bibelstellen. Brot ist im Mittelalter in vielen Texten als Symbol für Nahrung und Gemeinschaft präsent, so etwa in der Gallus-Legende aus dem 8. Jahrhundert, in der davon erzählt wird, wie der Heilige und sein Begleiter Fisch und Brot essen und einen Bären mit einem Stück Brot besänftigen. In vielen Sagen und Märchen Europas gibt es das Motiv des Bettlers, der ein Geldstück oder einen Edelstein im Brot findet.
In Wolfram von Eschenbachs Parzival, erschienen Anfang des 13. Jahrhunderts, hat Brot als Motiv seinen Ausdruck von Bedürftigkeit, Gastfreundschaft und höfischer Sitte. Als der hungrige Parzival auf Gurnemanz trifft, bittet er um Nahrung: «Der auf keine Güte sann. Den Knappen Hunger lehrte, daß er bei ihm einkehrte und klagte seines Hungers Noth. Der sprach: ›Ich gäb ein halbes Brot‹.» Goethe lässt seinen Helden im Wilhelm Meister Leid und Entbehrung erleben, an einem traurigen Tag lauscht Wilhelm dem Lied des Harfenspielers. Dessen Anfangszeile «Wer nie sein Brot mit Tränen aß» ist zum geflügelten Wort geworden.
Das Grimmsche Märchen Hänsel und Gretel, erschienen 1812 in der Sammlung Kinder- und Hausmärchen, ist eins der bekanntesten deutschen Märchen. Das Brotmotiv zieht sich durch die gesamte Erzählung hindurch: Einem Holzhacker fehlt «das tägliche Brot für seine Frau und seine zwei Kinder». Brot ist hier gleichgesetzt mit der Versorgungssicherheit mit Nahrung. Hänsel opfert ein Stück Brot, um die Rückkehr zu sichern und wirft Bröcklein auf die Erde, als der Vater die Kinder ein zweites Mal in den Wald führt. Der Verzicht auf das Essen hat hier die Funktion der Sicherung der Rückkehr in die Geborgenheit des Zuhauses. Die Brotkrumen werden jedoch von den Vögeln des Waldes aufgepickt. Das Haus, an das sie stattdessen kommen, ist «aus Brot gebaut und mit Kuchen gedeckt, und die Fenster aus hellem Zucker», es steht für Überfluss und Verführung. Die böse Hexe will Hänsel und Gretel damit herbeilocken. Schließlich ist das Brot im Ofen und die damit verbundene List von Gretel auch das Mittel zur Rettung.
Auch im 20. Jahrhundert bleiben die Motive von Brot und dem Brotmangel in der Literatur wichtig. Es geht um den Kampf ums Überleben, die soziale Ungleichheit und den Verlust von Familie, Gesundheit und Leben durch den Krieg und den Holocaust. Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte Das Brot von 1947 erzählt von Not, von Schweigen, von Liebe und Mitgefühl. Ebenfalls in der Nachkriegszeit entsteht die dramatische Kurzgeschichte Auf der Flucht von Wolfdietrich Schnurre, in der das Kind verhungert, während der Vater nach Brot sucht. Hauptmotiv ist neben der Hoffnungslosigkeit das Verhältnis von Überleben und Moral. Bei Brecht las sich das schon in den 20er Jahren in der Dreigroschenoper so: «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral».
In der Gegenwartsliteratur erscheint Brot häufig als kulturelles Identitätsmerkmal. In Saša Stanišićs Roman Herkunft etwa repräsentiert das Maisbrot der Großmutter in Bosnien Wärme und Geborgenheit. Das deutsche Brot dagegen, das Schwarzbrot, ist dem Ich-Erzähler spröde und fremd.
Angelika Lonnemann, Anne Brockmann, Heidi Käfer
Redakteurinnen der «Erziehungskunst»
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