Regelmäßig unterhalten wir uns auf dem Parkplatz, meine Freundin und ich, auch sie Mutter mehrerer Kinder im gleichen Alter wie meine, auch berufstätig. Die Gespräche sind jedes Mal schön, wenn man sich trifft, wir mögen uns. Nur klappt ein Treffen nie, außer auf dem Parkplatz. Auch jetzt, nach diesem Satz, denke ich ein wenig frustriert: Das wird nicht passieren! Der Alltag ist so vielfältig, die Bedürfnisse der Kinder, die Schule, der Instrumentalunterricht, Sport, Zahnarzt, Kieferorthopäde, Elternabend, eigene Termine und Pläne. Es gibt kaum noch Zeit und Raum, um einmal Atem zu holen. «Die Zeit ist so schnell geworden» sagen wir gerne und implizieren damit die Botschaft: Früher war es anders. Früher war es besser! Und einfacher!
Aber stimmt das?
Oder ist das eines dieser Dinge, die jede Generation aufs Neue so empfindet? Wenn ich mir das Leben meiner Mutter anschaue – zu der Zeit, als ich ein älteres Schulkind und sie berufstätig war –, gab es nicht jedes Wochenende ein größeres Treffen mit anderen Familien. Und unter der Woche? Schon gar nicht. Es war mehr so, dass sie sich ab und zu mit einzelnen Freundinnen zum Spazierengehen getroffen hat. Aber selten. Beim Mich-Abholen von einer Freundin mit deren Mutter gequatscht. Zwischen Tür und Angel. Und meine Oma? Die hat sich in der Tür stehend mit der Nachbarin ausgetauscht. Auch mal über Stunden. Aber in dem Moment, als eine sagte: «Komm doch rein, ich mach Kaffee», waren alle wieder furchtbar beschäftigt. Die Zeit, die ausgesetzt hatte, lief wieder weiter. Und man hatte doch noch so viel zu erledigen! Genau wie nach meinem Parkplatz-Gespräch.
Wann ist denn dann früher?
Früher, noch früher, also vor den Personen, die ich noch selbst kennen gelernt habe, drei oder vier Generationen vor uns, da gab es viel weniger Freizeit. Da wurde gearbeitet, gegessen, geschlafen. Vielleicht war es auf dem Land mehr üblich, in größeren Gruppen zusammenzuleben – und dann auch so zu arbeiten –, aber ob da wirklich so viel mehr Zeit zum Reden war? Und in den Fabriken in der Stadt? Wohl kaum. Es war laut und die Maschinen gaben den Takt vor. Und in der Freizeit? Freizeit ist Luxus, Freizeit ist Neu-zeit.
Die schnelle Zeit
Vielleicht ist Früher ein ganz anderes Früher, als wir denken. Früher, damit ist vielleicht unsere eigene Kindheit gemeint, als es Nachmittage lang Zeit gab. Als ein Schuljahr vollkommen unübersichtlich lang war: ein halbes Leben. Als man an einem Regentag um zwei Uhr mit Jim Knopf auf dem Sofa verschwinden konnte und erst wieder auftauchen musste, wenn man hungrig und es draußen schon dunkel war. Als man sich am Nachmittag mit der Freundin treffen und einfach nur spielen durfte, ohne Unterbrechung. Ein wunderbar endloser Nachmittag!
Hetzen wir einer Vorstellung hinterher, die es für Erwachsene gar nicht gibt?
Tagelang Zeit zu haben. Keine Termine. Keine Verantwortung. Höchstens ein paar mühelose Treffen mit Freund:innen. Wäre das nicht wunderbar? Ist das nicht die Vorstellung, die wir vor Augen haben, wenn wir sagen: «Es ist alles so viel!» und «Die Zeit ist so schnell geworden!»
Ist es vielleicht unsere eigene Kindheit, der wir da nachhängen? Als die Treffen so mühelos waren – weil wir Mütter und Väter hatten, die sich darum gekümmert haben, alle zu bewirten und hinterher aufzuräumen. Als wir einfach im Spiel versinken konnten, bis zur Dunkelheit, eine unendliche Ewigkeit in einer fernen Galaxy. Und sind wir dabei nicht ein wenig wie der Esel, der einer Möhre an der Angel hinterhertrabt? Die unerreichbar vor seiner Nase baumelt? Gefangen von einer diffusen Unzufriedenheit über das, was möglich oder unmöglich ist.
Vielleicht ist die Begegnung auf dem Parkplatz genauso rund und schön, wie sie ist! Was ist lustiger, intensiver und müheloser als ein Treffen auf dem Parkplatz? Ein kleiner Tratsch zwischen Tür und Angel? Eine kleine, gemeinsame Runde mit dem Hund, weil man sowieso gerade raus muss? Vielleicht ist die Unterhaltung, dort zwischen parkenden Autos und grünen Birken, neben Schulkindern, die aus der Schule heraus schlendern mit wippenden Schulranzen und bepackt mit ihren Jacken und Mappen und Taschen – vielleicht ist das genau richtig und der bittere Nachgeschmack aus «alles wird immer schneller» und «stressiger» und wir müssten «mehr machen» einfach ein Konstrukt in unserem Kopf.
Klarheit finden
Und andererseits erfordert es auch unsere bewusste Entscheidung, kleine Inseln im Ozean des Alltags zu erschaffen, auf denen wir verschnaufen können. Mit Freund:innen – oder allein – vielleicht feste Termine für das, was wir lieben – mit denen, die wir lieben. Wenn wir innehalten und die Möhre vom Ast schneiden und uns ganz bewusst entscheiden, was uns wirklich guttut, dann finden wir einen Weg aus der Tretmühle von «früher war es besser» und der unklaren Missstimmung auszusteigen. Und warum sollte dabei der Parkplatz-Ratsch nicht eine Mini-Insel darstellen?
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