«Küche bildet», sagt Ruben von Schwanenflügel. «In mehreren Bereichen: Teamarbeit, Selbstwirksamkeit, handwerkliche Fähigkeiten, Gesundheit und Gemeinschaft.» Er leitet seit bald zwanzig Jahren die Schulküche der Windrather Talschule in Velbert – für ihn ist sie weit mehr als ein Ort fürs Essen. Diese Worte könnten direkt aus dem Curriculum einer Waldorfschule stammen, doch hier sind sie gelebte Realität – tägliche Praxis am Herd.
Die Vision ist klar: biologisch erzeugt, saisonal und regional, frisch gekocht. Gemeinsam zubereitet und eingenommen. In liebevoll gestalteten Räumen. Doch wie sieht die Wirklichkeit aus?
Anspruch und Alltag
Nicht alle Waldorfschulen leisten sich eine eigene Schulküche. Etliche arbeiten mit Caterern, einige nutzen Ausgabeküchen, andere verzichten ganz. Wo es eine eigene Küche gibt, wie in Velbert oder Leipzig, reicht die Bandbreite von Idealismus bis Improvisation. In Velbert ist die Küche Teil des Schulorganismus'. «Ich bin als Lehrer angestellt, gehe in die Konferenzen, bin in der Schulleitung – das schafft Augenhöhe», sagt Ruben von Schwanenflügel. Auch das Gehalt ist gleich.
In Leipzig ist die Schulküche ebenfalls mehr als ein Versorgungsbetrieb. Lyes Bouldjediane, Mitbegründer und Küchenleiter, hat dort in enger Zusammenarbeit mit Schüler:innen, Eltern und Kollegium eine lebendige Esskultur aufgebaut. Er versteht sich nicht nur als Koch, sondern als Pädagoge mit Pfanne und Herz. «Ich spreche jeden Schüler, jede Schülerin mit Namen an. Ich beobachte, höre zu und versuche, etwas mitzugeben – fürs Leben.» Während von Schwanenflügel strukturorientiert arbeitet – täglich rotierende Schüler:innengruppen, klare Abläufe, feste Regeln – lebt Bouldjediane von der Präsenz. Beide Ansätze wirken: In Velbert werden täglich rund 250 Mahlzeiten ausgegeben, in Leipzig etwa 450. In beiden Schulen kochen die Kinder mit – regelmäßig und verbindlich.
Doch der Alltag bleibt herausfordernd: steigende Lebensmittelpreise, Fachkräftemangel, fehlende Räume, ungeklärte Zuständigkeiten. «Die Küche ist ein Teil des Organismus' Schule – so wie ein Herz im menschlichen Körper», sagt Heidi Leonhard, Hauptorganisatorin der Fachtagung für anthroposophische Ernährung und Hauswirtschaft. «Sie ist kein Kostenfaktor, sondern ein Gewinnbetrieb – wenn man sie mit Liebe und Verstand führt.»
Küche als Klassenzimmer – zwei Modelle
Das Küchenpraktikum der siebten Klasse gehört zum festen Repertoire vieler Waldorfschulen. Wie es umgesetzt wird, unterscheidet sich jedoch deutlich. In Velbert ist das Praktikum in den gesamten Schulalltag integriert: Je ein:e Schüler:in der Klassen sieben bis zehn kocht an einem festen Wochentag mit – von 8 bis 15 Uhr. Der Hauptunterricht beginnt später, damit das Engagement in der Küche nicht zu Lasten des Lernens geht. «Die Jugendlichen machen alles mit», sagt Ruben von Schwanenflügel. «Nach 25 Tagen ist die Klasse durch – dann beginnt der Zyklus von vorn.» Diese langfristige Einbindung schafft Vertrautheit, Verantwortung und echten Bezug zum Alltag der Schule.
In Leipzig ist das Praktikum blockweise organisiert. Jede:r Siebtklässler:in kocht zweimal eine Woche lang täglich mit – von 8 bis 14 Uhr. «Die Entwicklung in dieser Zeit ist erstaunlich», sagt Lyes Bouldjediane. «Viele wachsen über sich hinaus. Eltern sagen mir manchmal, dass ihr Kind kaum wiederzuerkennen sei.» In den Berichten der Schüler:innen klingen Stolz und Aha-Erlebnisse durch: «Ich hätte nie gedacht, dass ich mal für 200 Leute Nudeln mache», schreibt ein Schüler. Eine andere lobt: «Ich habe gelernt, wie wichtig Teamarbeit in der Küche ist.» Beide Formen zeigen: Küchenpraktika lassen sich vielfältig gestalten. Entscheidend ist nicht das Modell – sondern ob es mit Herz und Haltung gefüllt ist. Viele Waldorf-Schulküchen formulieren einen hohen Anspruch: regional, saisonal, bio, am besten Demeter. Die Umsetzung gelingt – mit Einschränkungen. Tomaten im Winter oder Vanillepudding aus dem Tütchen werden nicht verteufelt, sondern pragmatisch behandelt. Die Devise lautet: so wenig Convenience wie möglich, so viel Sinnlichkeit und Herkunft wie machbar. «Ich weiß, wie es ohne Pulver geht – und so mache ich es meistens», sagt Ruben von Schwanenflügel. Wer täglich mit Schüler:innen kocht, kommt um Kompromisse nicht herum. Aber diese werden bewusst getroffen – nicht bequem.
Kaum ein anderes Thema löst in Schulen so viele Emotionen aus wie das Essen. Die Schulküche wird nicht selten zum Kristallisationspunkt unterschwelliger Konflikte in der Schulgemeinschaft. Eltern, Lehrkräfte und auch Schüler:innen haben vielfältige Erwartungen – doch praktische Erfahrung im Küchenalltag ist selten. «Wer mitreden will, sollte den Alltag kennen», sagt Lyes Bouldjediane. «Am besten ist es, selbst einmal mitgekocht zu haben.»
Dabei geht es um mehr als Geschmack. Es geht um Zugehörigkeit, um Gesundheit, um Struktur. Und letztlich auch um eine Frage der Würde: Wird den Kindern ein anständiges, gesundes, liebevoll zubereitetes Essen serviert? Dürfen sie daran mitwirken? Werden sie gesehen? Essen ist ein Beziehungsangebot. Und das braucht Menschen, nicht nur Pläne. «Es braucht die richtige Haltung», sagt Heidi Leonhard, «und Menschen, die das möglich machen.» Eine Lösung zeigt Velbert: Dort verzichtet Ruben von Schwanenflügel bewusst auf einen formalen Küchenkreis. Stattdessen ist er in die Schulstruktur eingebunden – mit Sitz in Konferenzen, Schulleitung und Vorstand. «Dann kriegt man eigentlich alles mit», sagt er. Die Kommunikation läuft direkt – beim Essen, im Flur, in der Konferenz. Und wer etwas beitragen will, ist eingeladen, sich die Küche selbst anzuschauen. So entsteht Vertrauen durch Nähe – nicht durch Gremien.
Heidi Leonhard beschreibt die gemeinsame Mahlzeit in der Schulküche als «eine tägliche soziale Übung». Im praktischen und theoretischen Hauswirtschaftsunterricht gehe es nicht nur um gesunde Ernährung, sondern auch um Achtsamkeit, Verantwortung, Rücksicht und Gemeinschaft. Mahlzeiten werden gemeinsam vorbereitet, am Tisch beginnen und enden sie mit einem Spruch, das Servieren geschieht gegenseitig, der Ton ist respektvoll.
Diese Kultur des Miteinanders ersetzt für viele Kinder heute etwas, das früher zu Hause selbstverständlich war: gemeinsam essen, sich begegnen, wahrgenommen werden. Schule wird so zum sozialen Raum, in dem über das Essen Beziehung entsteht. Es macht einen Unterschied, ob jemand einfach Essen ausgibt – oder die Kinder mit Namen kennt, sie anschaut, ihnen zulächelt. Die anthroposophische Ernährungslehre nennt das «Ernährung durch die Sinne». Gemeint ist nicht nur Geschmack, sondern auch Atmosphäre. Genau hier liegt die Chance der Waldorfküche: In der Verbindung von Körperpflege und Seelenpflege, von Alltag und Pädagogik.
Fachtagung mit Herz und Haltung
Seit über 40 Jahren treffen sich Köch:innen, Küchenverantwortliche und pädagogisch Interessierte zur Fachtagung für anthroposophische Ernährung und Hauswirtschaft. Eingeladen wird von der Arbeitsgemeinschaft für Ernährung und Gemeinschaftsverpflegung in Zusammenarbeit mit dem Bund der Freien Waldorfschulen. Das nächste Treffen findet zu Himmelfahrt 2026 an der Windrather Talschule statt.
Interessierte wenden sich per E-Mail an Heidi Leonhard: heidimarie62@t-online.de
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