Man denkt an Karelien, jene Landschaft im Osten von Finnland, an kalte Nächte voller Grauen. Einsames Gehen in tiefen Wäldern. Jede:r für sich. Die Handys werden abgegeben. Taschenlampen sind nicht erlaubt. Posten am Wegrand wachen im Hintergrund. Irgendwann werden die Stimmen ganz leise, flüstern nur noch. Dunkel steht der Wald. Nichts ist wie am Tag. Schwarze Schatten. Große Augen schauen. Es raschelt. Der Atem stockt. Was ist das? Nichts zu sehen. Der Weg, ein schmaler Pfad nur, durchs Unterholz. Schweigen. In der Ferne schimmert es rötlich. Das ist das nächste Kerzenlicht am Wegrand.
Wir feiern Michaeli in der Zeit, in der das Dunkel im Außen zunimmt. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Michael. Als Steinskulptur an Kirchenportalen oder hoch oben auf einer Kirchenkuppel streift manchmal im Vorübergehen noch sein Bild den Blick. Direkt aus dem Hebräischen übersetzt stellen die drei Silben eine Frage: Wer-wie-Gott? Michael gehört zu den vier die Jahreszeiten begleitenden Engeln, Erzengeln gar. Gedenktag ist der 29. September. Ein altes Fest im Kirchenjahr, kaum mehr als Fest begangen in den christlichen Kirchen und Schulen. Außer an Waldorfschulen. Ein alter Hut also? Ein Relikt, an dem Waldorfschulen festhalten? Rudolf Steiners letzter öffentlicher Vortrag ist eine Ansprache in Dornach am Vorabend von Michaeli im Jahr 1924. Sichtlich angeschlagen und, so wird berichtet, in einen dicken Mantel gehüllt «… versucht er sich aufzuraffen …», wie er selbst sagt, um seinen Michael-Gedanken auszuführen: «Und es wird wohl zu den schönsten Errungenschaften, ich möchte sagen, der anthroposophischen Zeit-Zeichen-Deutung gehören, wenn wir einmal in der Lage sein werden, richtig abgestimmte Michael-Feste zu den anderen Jahresfesten hinzuzufügen.»
Richtig abgestimmt?
An vielen Waldorfschulen wird Michaeli mit Mutproben, gebackenen Drachen, Waagen, Sprüchen, Drachenkämpfen, Liedern und Geschichten von zu rettenden Prinzessinnen begangen. Drei Attribute werden mit dem Erzengel verbunden. Das bekannteste wohl das Schwert, das Michael als den Bezwinger des Bösen, oft dargestellt in Gestalt eines Drachen, manchmal auch des Teufels selbst, ausweist. Das Böse? Lässt es sich erkennen, ausmachen, fassen gar? Lange Zeit, so scheint es, kein Thema. Keine Welt mehr, eingeteilt in Gut und Böse. Ein alter Hut?
Das Böse, gibt es das überhaupt? Eine Frage, der wir vielleicht bis vor nicht allzu langer Zeit schulterzuckend nur begegnet wären. Und jetzt? Gilt es umzudenken? Zur Waffe zu greifen? Das Schwert aus der Scheide zu ziehen?
Vielleicht ist es zunächst einmal hilfreich, zu unterscheiden, sich auseinanderzusetzen. Das eigene Handeln in den Blick zu nehmen, sich zu fragen, woran sich zu orientieren, welchem Stern zu folgen ist, um sich in einem zweiten Schritt zu entscheiden, sich vom Bösen zu trennen und zu fragen: Was heißt es, das Gute zu tun? Eine Frage, die individuell werden lässt, die jede:n auf sich selbst zurückwirft. Es kann heißen, nein zu sagen, sich der Gefahr zu stellen, für eine erkannte Wahrheit, für das als richtig Empfundene einzustehen. Manchmal kann es bedeuten, aus der Menge herauszutreten, niemanden mehr an der Seite zu haben.
Die Schritte werden vorsichtig gesetzt auf dem Wolfspfad. Nicht in Karelien. Im Wald oberhalb von Winterbach. Der zeigt in der Nacht sein ganz anderes Gesicht. Man hört den eigenen Atem. Es knackst. Ein Tier? Ein Klassenkamerad? Die Augen gewöhnen sich. Wölfe gibt es hier nicht, oder? Nur den Wind in den Zweigen, das raschelnde Laub. Wildschweine? Muskeln spannen sich an. Die feinen Härchen an den Unterarmen stellen sich auf. Schon allein der Gedanke treibt einen Schauer über den Körper. Es braucht Überwindung loszugehen. Allein. Sich zu trauen. Oder doch lieber zwischendrin auf die Freundin warten, die erst nach drei Minuten losgehen darf? Aber drei Minuten sind lang im herbstlichen Nachtwald. Also doch lieber weiter gehen auf das nächste Licht zu?
Die Waage
«Sende deine Kraft und Stärke, sende deine Kraft und Stärke in unsere Herzen. Banne die Feigheit, Stärke den Mut, tilge die Angst», so singen die Kinder ein altes Lied. An manchen Schulen legen sie symbolisch dunkle und helle Steine in die Schalen einer großen Waage. Als Hüter der Schwelle und Begleiter der Toten ins Jenseits wird Michael mit der Waage assoziiert. Der Volksglaube sieht ihn als Verwalter einer Liste der Taten eines Menschen, Grundlage für den Ausschlag der Waage und so für den Richtspruch über den jeweiligen Menschen. Vielleicht kann die Waage auch als Bild dienen für den Menschen selbst, der sich aufrichtet zwischen Gut und Böse, der, zwischen Feigheit und Übermut, den Mut findet zur wohl gewägten Tat, nicht erstarrt in Angst und sich nicht auflöst in Überschwang und Aktionismus.
Ein drittes Bild, das vor allem in der ostkirchlichen Tradition vorkommt, zeigt Michael mit der Weltkugel, der Sphaira, in der Hand. Schon im Lautbild des Wortes klingt zart und durchscheinend eine Verletzlichkeit an, die etwa an das erste Foto der Erde aus dem All erinnert und berührt. Michael als Schützer des Kosmos – hochaktuell?
Seinen letzten Vortrag muss Rudolf Steiner abbrechen. Er kann seine Gedanken nicht zu Ende führen. Eigentlich wollte er diesen ersten Teil nicht ohne den zweiten weitergegeben haben – es kam anders. Und so liegt uns sein Michael-Gedanke als Vermächtnis und als Aufruf vor. Er spricht, vielleicht im Unvollendeten umso kraftvoller, von «großer gewaltiger Durchdringung mit der Michael-Kraft», um «das Dämonen-Drachenhafte» zu besiegen. Steiner selbst sah dies als Mittel, um über die «große Krisis» hinauszuführen.
Durch die Dunkelheit zum Licht
Die Kleinen gehen mit einer Hand an einem Seil zwischen den Lehrerinnen. Wölfe? Gefühlt ja. Ins Dunkel gehen, sich Ängsten stellen, heißt, sich aussetzen. Es ist eine körperliche Erfahrung, ganz nah. Kann man sich so üben? Kann man auf solche Art die eigenen Michaels-Kräfte ausbauen? Mut wie einen Muskel trainieren, um der Dunkelheit, den Widersachermächten, die bedrohen, entgegentreten zu können? Sich selbst überwinden und die gewonnene Kraft für das Gute einsetzen? Auch das Dunkle, den Drachen in sich selbst überwinden und zähmen? Sich daran erinnern lassen, jeden Herbst aufs Neue und sich üben darin.
Steiner spricht vom «… Licht, das durch Michael-Strömung und Michael-Taten über der Menschheit in der Zukunft sich ausbreiten wird.» Als Schule eigene Wege zu gehen, uns und unsere Kinder hinzuführen in eine Gestimmtheit, aus der solch michaelische Taten erwachsen, ist ein Anfang und kann ein Licht am Wegrand sein. Es kann heißen, neue Gestaltungen zu etablieren, um den Michael-Gedanken lebendig zu erhalten und auch hier abzuwägen zwischen der Auflösung alter Formen und der Erstarrung darin. Das Bild des Michael kann uns helfen, Mut zu fassen und uns zu stärken für Entscheidungen, auch unbequemen, in dunklen Zeiten.
Danach gibt es Gebäck und Punsch an der Feuerschale. Alle plappern aufgeregt. Die Spannung löst sich. Der dunkle Wald? Vom knisternden Feuer aus nur eine schwarze Silhouette. Und dass Feuer Wölfe vertreibt, ist ja bekannt.
Detaillierte Quellenangaben erhalten Sie auf Anfrage unter redaktion@erziehungskunst.de.
Kommentare
Es sind noch keine Kommentare vorhanden.
Kommentar hinzufügen
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.