Wunder des Fremden

Von Erhard Dahl, Oktober 2019

Von den bildenden Kräften des Fremdsprachenunterrichts.

Eine Englischlehrerin hatte seit einigen Wochen zu Beginn des Unterrichts in einer 5. Klasse »The Ballad of Semmer­water« rezitiert. Deshalb kannten die Kinder die folgenden Zeilen auswendig: 

Once there stood by Semmerwater
A mickle town and tall;
King’s tower and Queen’s bower,
And the wakeman on the wall.

In dieser Woche beabsichtigte die Lehrerin, das Hörverstehen zu üben. Sie wollte, dass die Kinder zuerst sorgfältig zuhörten und danach das taten, wozu sie von den Mitschülern aufgefordert wurden. Jakob stand neben der Lehrerin und sagte zu Johanna: »Go to the wall and point at the picture.« Blitzschnell schoss Susannes Arm in die Höhe. Die Lehrerin bat Susanne zu sprechen: »Das ist falsch. Eine wall ist keine Wand. Sie haben uns, als wir das Gedicht gesprochen haben, erklärt, dass der wakeman auf einer Mauer, einer Stadtmauer stand.« Ohne ein Wort zu sagen, schrieb die Lehrerin die deutschen Wörter »Mauer« und »Wand« an die Tafel; dann die Wörter »essen« und »fressen« sowie »Brief« und »Buchstabe«. Neben dem Wortpaar »Mauer/Wand« schrieb sie das englische Wort wall, neben »essen/fressen« eat und neben »Brief/Buchstabe« letter. Auf die anschließende Frage der Lehrerin: »Wem von Euch fällt etwas auf?«, kam schnell die Antwort: »Zwei verschiedene deutsche Wörter haben nur ein englisches Wort!«. Ein Junge rief: »Ganz toll! Jetzt brauche ich ja gar nicht so viele englische Wörter zu lernen!« Großes Gelächter im Klassenraum. Die Lehrerin reagierte prompt: »Wäre das nicht schön? Aber schaut mal her.« Jetzt schrieb sie weitere deutsche Wörter an die Tafel: »Schnecke«, »Affe«, »Straße«, und neben jedes deutsche Wort zwei englische Wörter: »Schnecke« – slug/snail, »Affe« – monkey/ape, »Straße« – street/road. Die Kinder schauten verwirrt drein, während die Lehrerin erneut fragte: »Fällt Euch etwas auf?« Nach kurzer Zeit hob ein Mädchen die Hand: »Jetzt ist es genau anders herum. Für jedes deutsche Wort gibt es zwei englische Wörter.« – »Ganz genau«, fuhr die Lehrerin fort, »wir Deutschen sehen einen Unterschied zwischen Mauer und Wand; Englisch sprechende Menschen nicht! Aber, sie machen einen Unterschied zwischen slug und snail, monkey und ape, street und road. Uns werden noch viele andere englische Wörter im Unterricht begegnen und viele von ihnen werden uns daran erinnern, dass Menschen, die eine fremde Sprache sprechen, auf andere Weise auf Menschen, Pflanzen, Tiere und Dinge schauen.« Der Junge, der so erleichtert über die geringe Zahl englischer Wörter gewesen war, rief: »Wie schade!«

Was gelang der Lehrperson in diesen wenigen Minuten? Spontan griff sie einen wichtigen Aspekt des Fremdsprachenunterrichts auf: Sie stellte die pragmatischen Ziele für kurze Zeit beiseite, um den Kindern Unterschiede zwischen zwei Sprachen zu zeigen, ihnen eine Gelegenheit zu geben, die Andersartigkeit der englischen Sprache zu entdecken. Kurz gesagt, sie ermutigte die Klasse, über die fremde Sprache – und damit auch über die eigene – nachzudenken.

Tyrannei und Befreiung

Während eines Vortrags in England sagte Rudolf Steiner im Zusammenhang mit den Charakteristika verschiedener Sprachen, dass es Aufgabe der Lehrer sei, die intensive Wirkung der Muttersprache dadurch auszugleichen, dass man Kindern schon früh andere Sprachen beibringe (GA 307, 11. Vortrag). Um aber vom bloßen Bewusstsein zum Selbstbewusstsein kommen zu können, dürften Mutter- wie Fremdsprachen jedoch nicht nur instinktiv gesprochen werden. Man müsse im Verlauf der Unterrichtsjahre auch Bewusstsein entwickeln von ihren Gesetzmäßigkeiten und ihren spezifischen Sichtweisen auf die Welt.

Wenn Steiner die Muttersprache mit einem Tyrannen vergleicht (Lindenberg 1989), weil sie uns nur ein Bruchstück menschlicher Vergegenwärtigung von Welt mitgebe, nur einen bestimmten Weltschauplatz aufzwinge und unseren physischen Leib auf nur eine Art und Weise gestalte, kommt der Erwerb einer jeden weiteren Sprache einer Befreiung gleich. Angesichts der Tatsache, dass wir Menschen unser Wesen auch durch Sprache gewinnen und potenziell alle Sprachen in uns tragen und erwerben können, besitzt das Erlernen von Fremdsprachen eine besondere menschenbildende Kraft. Einige wenige Beispiele seien genannt, mit deren Hilfe man Schülern das Andersartige der englischen Sprache zeigen und sie zu der pädagogisch wichtigen Relativierung ihres sprachlichen Standpunkts anregen kann.

Die Kategorisierung von Realität

Wie jede Sprache verlangt auch das Englische vom Sprecher, die Aufmerksamkeit auf bestimmte Attribute oder semantische Dimensionen zu richten. Wenn es das Haus ist, das bei der Schnecke als unterscheidendes Attribut erkannt werden muss, dann reicht ein Substantiv zur Beschreibung des Wahrgenommenen nicht aus. Hat der Sprecher semantische Dimensionen, wie zum Beispiel »Bewegungsrichtung« oder »aktiver oder passiver Vorgang« zu beachten, verlangt das von ihm, zwischen to take (weg von mir) und to bring (hin zu mir) oder zwischen to swim und to float zu unterscheiden. Ebenso aufschlussreich sind für die Schüler Gespräche darüber, woran es denn liegt, dass im Englischen differenziert wird zwischen road und street, town und city oder freedom und liberty, um nur einige Beispiele zu nennen.

Sprachlücken

Da keine Sprache die durch sie vermittelte Welt auf dieselbe Weise bezeichnet wie eine andere Sprache, besitzt eine jede Lücken. Ein englischer Sprecher wählt je nach Kontext aus zwischen big, tall, large, great; ein deutscher Sprecher ist hier eingeschränkt auf das Wort »groß«. Er muss an dieser Stelle sehr wachsam sein bei der Verwendung des Adjektivs, wenn er ins Englische wechselt. Dasselbe Phänomen zeigt sich auch in anderen Wortklassen. So stehen dem deutschen Verb »erreichen« mindestens vier englische gegenüber, deren Verwendung wieder von spezifischen Situationen bestimmt wird: to achieve, to attain, to arrive at, to gain. Deutsche Sprecher hingegen können zwischen weiblichen und männlichen Substantivformen wählen, wie etwa zwischen »Nachbarin« und »Nachbar«, »Freundin« und »Freund«, während im Englischen hier – und bei vielen anderen Wörtern – nur jeweils eine Form zur Verfügung steht, was beim Übersetzen nicht selten zu Problemen führt.

Im Bereich der Grammatik liegen solche Leerstellen zum Beispiel bei der Verwendung von Adverbien vor. Im Gegensatz zum Englischen gibt es im Deutschen nicht den Zwang, zwischen einer Adjektiv- und einer Adverbform zu unterscheiden: »Clara ist sorgfältig« – »Clara schreibt sorgfältig«. Der deutsche Schüler tut sich zunächst schwer mit dem Adverb, denn er kennt es ja nicht: »Clara is careful«, aber »Clara writes carefully«. Auch bei der Wahrnehmung einer Handlung und der dann folgenden Auswahl einer Zeitform, erscheinen solche Lücken zwischen den Sprachen: »John plays the violin« beschreibt eine gewohnheitsmäßige Tätigkeit; »John is playing with his eraser« schildert jedoch eine gerade verlaufende Handlung. Im Deutschen differenziert der Sprecher nicht zwischen diesen zwei Situationen, und so fehlt denn auch eine Verlaufsform des Verbs: »John spielt Geige«. – »Hans spielt mit seinem Radiergummi«. Eine deutlich andere Wahrnehmung von Zeitstrukturen im Englischen wird ebenfalls sichtbar bei der vollendeten Gegenwart (present perfect simple und present perfect continuous) und den zahlreichen Möglichkeiten der englischen Sprache, die Zukunft zum Ausdruck zu bringen.

Im Bereich des Wortschatzes tauchen zur Überraschung der Schüler vor allem in Sachtexten deutsche Substantive in englischen Sätzen auf. Auf der langen Liste der Wörter, welche die Lücken im Englischen sichtbar machen, stehen zum Beispiel: »Ersatz«, »Doppelgänger«, »Feierabend«, »Schadenfreude«, »Weltanschauung«, »Gestalt«, »Leitmotiv«, »Angst«, »Kitsch«.

Die Bilder einer Sprache

Aus der Vielzahl der Elemente einer Sprache, die markant das Fremde zum Ausdruck bringen, seien noch jene erwähnt, die Bilder aufweisen und so zur Vorstellungswelt der fremden Kultur führen. In der Abfolge von Gedanken sieht die deutsche Sprache eine »Gedankenkette«; im Englischen wird daraus a train of thought. Der Deutsche sieht das »Hufeisen« des Pferdes, während man sich im Englischen nicht vom Material und der Form des Pferdefußes leiten lässt, sondern von der Funktion: horseshoe. Dem deutschen »Schlagloch« steht pothole gegenüber, das die Wahrnehmung eines Topfes verrät. Selbst Wörter, die erst im 20. Jahrhundert geprägt werden konnten, unterliegen (immer noch) der Vorstellungswelt der jeweiligen Sprachgemeinschaft: zum Beispiel »Windpark« und windfarm oder »Glascontainer« und bottlebank.

Obwohl noch weitere Bereiche herangezogen werden könnten, in denen das Fremde zum Vorschein kommt, zeigt sich bereits, dass der Waldorf-Fremdsprachenunterricht sowohl der pragmatischen als auch der philosophischen Seite dieses Faches Raum gibt. Besonders die Letztere bereichert in der Mittel- und Oberstufe die Jugendlichen. Sie zeigt ihnen andere Möglichkeiten auf, die Welt wahrzunehmen und sich zu ihr in Beziehung zu setzen, stellt ihnen alternative Instrumente des Bewusstseins und des Empfindens zur Verfügung und versetzt sie in die Lage, Mitgliedern anderer Sprachgemeinschaften mitfühlend zu begegnen. Ist es nicht das, was den Fremdsprachenunterricht in der Erziehung junger Menschen auszeichnet?

Zum Autor: Dr. Erhard Dahl hatte bis 1990 an der Universität Paderborn einen Lehrstuhl für Englische Literatur und ihre Didaktik inne; von 1990 bis 2012 war er Fachlehrer für Englisch an der Waldorfschule Uhlandshöhe in Stuttgart.

Literatur: R. Steiner: Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung (GA 307), 11. Vortrag, Dornach 1986; R. Steiner: Die Geisteswissenschaft und die Sprache, Vortrag vom 20.1.1910, in: Chr. Lindenberg (Hrsg): Sprechen und Sprache, Stuttgart 2010.

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