Für den Autor und Bildungsaktivisten Bob Blume sind Lesen und Schreiben «Superkräfte». Er sagt: «Es geht um Verständnis und Verstehen, das wir über das Lesen erlangen und zu dem wir kommen, wenn wir füreinander schreiben. Wir müssen uns unseren Superkräften zuwenden, damit diese nicht verderben – und mit ihnen das, was unsere Gesellschaft zusammenhält.» Blume hat dem Thema kürzlich ein Buch gewidmet, das im Dudenverlag erschienen und schnell zum Spiegel-Bestseller geworden ist: Lesen. Schreiben. Ein Plädoyer für ein besseres Miteinander.
Dass beides, Lesen und Schreiben, mehr Raum bekommen muss – in der Schule genauso wie in der Freizeit – dieser Überzeugung ist auch Cornelia Arnodt. Sie ist seit sechs Jahren Klassenlehrerin an der Waldorfschule Potsdam. Arnodt findet, die Kulturtechniken Lesen und Schreiben sind die Basis allen Lernens und damit eines eigenverantwortlichen Lebens. Denn: «Das gelesene Wort ist heutzutage Zugang zur Welt.» Allerdings bemerkte sie sowohl bei ihren drei eigenen Kindern als auch bei ihren Schüler:innen zunehmend Schwierigkeiten beim Lesen- und Schreibenlernen. Mit Blick auf ihre Kinder, die ebenfalls eine Waldorfschule besuchten, formuliert sie salopp: «Das Lesenlernen lief so mehr oder weniger gut.»
Voraussetzungen Rechnung tragen
Ihre Beobachtungen nahm Arnodt zum Anlass, neue Wege in der Leseförderung zu suchen und zu gehen. Früher anzufangen, hält sie für einen wichtigen Schritt. «Dabei geht es mir nicht darum, dass die Kinder schneller zum Ziel kommen, sondern leichter», sagt sie. Bei vielen Kindern nimmt sie veränderte Voraussetzungen fürs Lernen wahr. Die Aufmerksamkeitsspanne sei zum Beispiel weniger groß als früher. Kürzer und dafür öfter üben sei deshalb wichtig. Arnodt knapst dafür jeden Tag zehn Minuten von ihrem Hauptunterricht ab. Sie wirft damit manches über Bord, was in der Waldorfpädagogik lange tradiert ist, und sie macht das bewusst. «Ich finde es schlichtweg überholt, die Buchstaben über ein ganzes Schuljahr hinweg maßgeblich über Geschichten einzuführen und dabei auch nur die Großbuchstaben zu verwenden. So haben die Kinder keine Chance, das Gelernte in der Welt wiederzuerkennen und daran zu üben. Denn es gibt kein Buch, das nur aus Großbuchstaben besteht, und abgesehen von Werbeplakaten nur wenig Großgeschriebenes in der Welt.»
Auch die Interessefähigkeit ist laut Arnodt weniger stark ausgeprägt als noch vor einiger Zeit. Dem will sie Rechnung tragen, indem sie häufiger die Methoden wechselt. Bei Arnodt können sich die Schüler:innen den Buchstaben neben Geschichten zum Beispiel auch über Knetwachs, Sandpapier und Kärtchen nähern. «Letztlich geht es ja darum, den Klang eines Buchstaben mit dem abstrakten Zeichen, das die Schrift dafür bietet, zu verknüpfen und diese Verknüpfung im Gehirn zu verankern. Auf diese Weise können nach und nach Silben, Wörter, Sätze und ganze Texte erschlossen werden», erklärt die Klassenlehrerin.
Leicht, weich und flüssig
Beim Schreiben plädiert Arnodt für ein früheres Ablösen der Wachsmalblöcke. Denn wenn das Ergebnis mit den Blöcken schön und leserlich sein soll, müssten die Kinder viel Druck ausüben. «Dadurch nehmen sie meist eine verkrampfte Haltung beim Schreiben ein und das ist fürs Lernen und vor allem für die Freude daran alles andere als gut. Schreiben sollte sich leicht, weich und flüssig anfühlen», meint Arnodt.
Die Schule allein könne das Vermitteln von Lesen und Schreiben aber auch mit anderen Methoden nicht leisten. Eine halbe Stunde Übzeit zu Hause oder im Hort gehört für Arnodt unbedingt dazu. Ebenso wie Leseanreize, die geschaffen werden müssten. Arnodt war mit ihrer Klasse auch schon in der städtischen Bibliothek für eine Bücher-Ralley und sie freut sich, wenn das Eltern animiert hat, selbst öfter mit den Kindern in die Bibliothek zu gehen.
Abstraktion und Handwerk
Unter ihren Kolleg:innen fallen die Reaktionen auf Arnodts Sonderweg gemischt aus. «Manche sind neugierig und interessiert, weil sie auch den Eindruck haben, dass es etwas Neues braucht. Andere sind skeptisch», berichtet die Klassenlehrerin. Ein häufiger Einwand sei der, dass die Beschäftigung mit einem Vorgang, der so viel Abstraktionsvermögen braucht wie das Lesen, die Kinder zu früh zu stark in jenen Kräften beanspruchen würde, die das Kind in dieser Zeit noch für die körperliche Entwicklung benötigte und dass dieses dann zulasten der Kreativität gehen könnte. Arnodt schlägt andere elementare Bestandteile der Waldorfpädagogik vor, die einen Ausgleich schaffen können. Handwerkliches für Grob- und Feinmotorik zum Beispiel und Zeit in der Natur. «Diese beiden Dinge sind ohnehin die wichtigste Grundlage allen Lernens. Denn die Verbindungen, die dadurch im Gehirn entstehen, werden später für das Begreifen komplexer und abstrakter Zusammenhänge
gebraucht», sagt Arnodt.
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