Ausgabe 11/23

Zuhause in neuen Lernlandschaften

Sebastian Schulke

Gerade ist es ruhig, sehr ruhig sogar. Einige Schüler:innen der Freien Waldorfschule München Südwest sind bereits auf dem Weg nachhause, essen in der Mensa oder genießen auf dem Schulhof die Sonne. Nur ein paar Kinder verteilen sich in der Landschaft. Oder besser gesagt: in der Lernlandschaft.
Mit duftenden Wiesen und Feldern, sanften Hügeln und Wäldern hat eine Lernlandschaft nichts zu tun. Diese hier hat ein Schuldach und besteht aus runden Tischen, pyramidenförmigen Emporen, gemütlichen Sitzecken und Holzkonstruktionen, die sich ausladend über die erste und zweite Etage des Schulgebäudes erstrecken. Daneben befinden sich die Klassenräume der Mittel- und Oberstufe. Die spielen hier eine untergeordnete Rolle. Die Lernlandschaften stehen im Vordergrund und bieten viel Freiheit.
«Das ist besonders bei Projekt- oder Gruppenarbeiten praktisch», meint Nikos Aragon, Fachlehrer für Englisch. «Denn die Lernlandschaften geben viel Spielraum und damit mehr Möglichkeiten – davon profitieren Schüler:innen und Lehrer:innen gleichermaßen.» Das sieht auch Valerie Weindel aus der 13. Klasse so, die sich sehr gerne in den Lernlandschaften bewegt: «Vor gut zwei Jahren fing das an. Da waren der Neubau und damit auch die Lernlandschaften für die Mittel- und Oberstufe fertig gestellt.» Valerie und ihre Mitschüler:innen betraten im wahrsten Sinne des Wortes Neuland.
«In unseren Klassenzimmern, die mit den kleinen Tischen und Stühlen doch schon ziemlich vollgepackt sind, ist es recht eng, wenn wir in Gruppen arbeiten», sagt Fabian Rauh. «Da kann man sich mit seinen Mitschüler:innen nicht wirklich zusammensetzen und entfalten.» Außerdem sei es in den Klassenräumen auch viel zu laut und unruhig, meint seine Mitschülerin Josefine Groß: «In den Lernlandschaften ist das alles kein Problem. Die bieten viel Raum, da kann jede Gruppe entspannt arbeiten und sich ausbreiten.» Auch der Schüler Béla Bouchain betont: «Auch das Licht und die Farbgestaltung dieser Räume sind sehr angenehm und schön. Das fühlt sich gar nicht nach Schule an.»
Schulen in Skandinavien, insbesondere Finnland, setzen bereits seit vielen Jahren verstärkt auf Lernlandschaften. Diese machen aus den recht eintönigen und üblichen Klassenraumstrukturen in Schulgebäuden helle und offene Räume, die sehr vielseitig und flexibel von Schüler:innen sowie Lehrer:innen genutzt werden können. In Deutschland bekommt man Lernlandschaften eher selten zu Gesicht – das blaue Gebäude der Waldorfschule München Südwest ist da eine Ausnahme.
Einer der Architekten dieser Lernlandschaft ist Mirek Tobor. «Das offene und vielseitige Konzept der Lernlandschaften ermöglicht der Waldorfpädagogik die Erprobung neuer unterschiedlicher Unterrichtsformen», erklärt er. Tobor gehört zum Baukreis der Schule, die die Räumlichkeiten des blauen Gebäudes mitkonzipiert, geplant und ausgearbeitet haben. «Wir haben dafür das Mobiliar und die Farbgestaltung neugestaltet und daraus fließende Landschaften entstehen lassen», sagt der Architekt. So erstrecken sich in den einzelnen Etagen des geschwungenen Schulgebäudes sehr große, weite und offene Räume, mit Inseln aus Holzkonstruktionen, Tischen und Stühlen. Oder aus kleinen Emporen und Ruhebereichen. Der freie Raum wird also neu genutzt und gedacht.
Die Mittagspause ist noch nicht vorbei. Ein Schüler hat es sich auf der Empore aus Holz gemütlich gemacht und liest ein Buch. Verlässt man diesen Bereich und läuft den breiten, weiten Flur entlang, kommt man zu einem runden Tisch. An diesem sitzen ein paar Jungs und Mädels und spielen Karten. Und aus dem Sofa hinten an der Fensterfront ragen zwei Füße hervor – das sieht nach einem kleinen Mittagsschläfchen aus.
«Sonst ist hier natürlich viel mehr los und recht viel Wirbel», meint Emilie Binder, ebenfalls 13. Klasse. Aber selbst dann könne man sich zurückziehen und nach der Mittagspause seine Hausaufgaben machen oder lernen. «Die Lernlandschaften sind einfach groß» sagt sie und breitet ihre Arme aus. Und sie würden wachsen – wie das nun mal bei Landschaften so ist.
So gibt es mittlerweile nicht nur in der ersten und zweiten Etage des blauen Gebäudes Lernlandschaften, sondern auch im Erdgeschoss. Valerie, Josefine, Janosch und ihre Mitschüler:innen haben mit Sofas, Sitzkissen und Tischen ihre eigene, kleine Landschaft erschaffen. «Wir haben hier zwar bei Weitem nicht so viel Raum und Fläche wie oben», erklärt Valerie, «dafür jedoch eine Küche, einen großen Kühlschrank und einen sehr großen Tisch. An dem lässt es sich bestens gemeinsam lernen.» Und Janosch Rebel ergänzt: «Ich lerne lieber zuhause. Aber ich komme auch immer wieder vorbei und treffe meine Freunde. Hier hängen wir zusammen ab, tauschen uns aus. Das ist echt gut, macht den Kopf frei.» Valerie grinst und meint: «Viele von uns verbringen hier mittlerweile mehr Zeit als zuhause. Selbst in den Ferien waren wir fast jeden Tag hier.»
Hoffentlich wird es bald schon mehr von diesen schulischen Naherholungsräumen geben.

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