Ausgabe 10/26

Zukünftig gedacht. Woher das Geld nehmen?

Heike Thütt
Vor rund 20 Jahren baute die Freie Waldorfschule Neuwied ein Haus für die Ganztagsbetreuung. Die Finanzierung war eine Gemeinschaftstat. Bild: Heike Thütt

Ein neues Gebäude als sogenannter dritter Pädagoge, eine Formulierung aus der Reformpädagogik/ReggioTradition, ist ein bedeutsamer Meilenstein in der Biografie einer Schulgemeinschaft. Vor rund 20 Jahren gab es ein solches Ereignis an unserer Waldorfschule in Neuwied rund um einen Neubau, der sich anfühlte wie Aufbruchstimmung und Ärmelhochkrempeln. Zu der Zeit war absehbar, dass immer mehr Nachmittagsunterricht und -betreuung stattfinden würde, und die Einführung einer Ganztagsschule wurde gesellschaftspolitisch stark forciert. Deshalb sollte eine Mensa mit Schulküche, Essensausgabe und zwei zusätzlichen Klassenräumen gebaut werden. Die Planung wurde an einen Architekten vergeben, das war kein Problem – aber wie sollte es mit der Finanzierung laufen?

Solidarische Finanzierung

Damals entwickelten die Eltern und das Lehrkollegium nach intensiven Gesprächen eine sehr solidarische Haltung, was die finanzielle Gestaltung des Bauvorhabens betraf. Sie sagten sich: Wir sind doch eine Waldorfschule, und so wollen wir auch die Finanzierung sozial und nachhaltig gestalten. Eine Gruppe von vier engagierten Eltern fuhr am im Frühjahr 2007 zu einer Schulung bei der GLS Bank in Bochum, was sie als nachhaltige Inspiration erlebte, und besuchte daraufhin alle Klassen in deren Elternabenden. Mit der Spendenaktion «Bildungsbausteine für den Neubau» wollten sie den Bau schnell abbezahlen, so dass die nächste Generation sich nicht mit einem langen Kredit plagen musste, sondern sich frei fühlen konnte, um neue Pläne zu verwirklichen. Durch die Fundraising-Initiative kam nicht nur eine große Summe Geld zusammen, sondern es gedieh auch ein stärkerer Zusammenhalt innerhalb der Schule. Das neue Gefühl von Gemeinschaft war den Schenkgemeinschaften der GLS Bank zu verdanken. Die Leih- und Schenkgemeinschaften stellen eine individuelle Möglichkeit zur Finanzierung eines Großprojekts unter ethischen Kriterien dar und sind ganz konkret mit den beteiligten Menschen und ihren Vorhaben verbunden.

Verantwortung für kommende Generationen

Der Bau war innerhalb von weniger als zehn Jahren abbezahlt, und die aktuelle Elterngeneration ist finanziell unabhängig. Da in unserer Familie die Kinder mit großem zeitlichem Abstand zur Welt kamen, kennen wir einerseits den Werdegang von den Anfängen, als wir viel Kraft und Engagement hinein gegeben haben. Wir kennen aber auch den Blick zurück und können als aktive Eltern das damalige Handeln mit großer Dankbarkeit annehmen. Schaut man über den Tellerrand der Waldorfschule, erlebt man heute, dass immer mehr dazu übergegangen wird, Umweltverschmutzung
und Schulden auf die nächsten Generationen zu übertragen. Dieses Verhalten wird teils auch als undemokratisch bezeichnet, weil die Zukünftigen für Schulden aufkommen müssen, aber beim Verursachen nicht mitentschieden haben.

Zwölf Dimensionen

Seit dem Fundraising-Kurs in Bochum hat sich das Schulungsangebot der GLS Bank stark weiterentwickelt. Aktuell gibt es die sogenannte Erkundungsreise, bei der zwölf Dimensionen des Geldes beleuchtet werden. Im Rahmen meines Projekts bei Zukunft.Machen, einer der vier Qualitätsinitiativen im Bund der Freien Waldorfschulen, habe ich an einem Einführungskurs teilgenommen, der mich begeistert hat. Die Moderator:innen eröffneten als Leitgedanken ein integrales, wert-
orientiertes Wirtschaften mit Sinn. Sie regten an, sich innerlich mit den Stellen zu verbinden, von denen das Geld für die Waldorfschule kommen sollte. Das betrifft vor allem die Elternbeiträge und Spenden als geschenktes Geld. Dabei sollte ein guter Weg gefunden werden, mit Ressourcen und gleichmäßiger Kontrolldichte umzugehen, vor allem da, wo zum Beispiel über Kleinigkeiten breit diskutiert wird und ein Großprojekt einfach durchgewunken wird. Fast alles, was für gemeinwohlorientierte Unternehmen gilt, kommt auch in Waldorfschulen zum Tragen, so auch die Dimension eines fairen Gehalts für die Lehrkräfte und Mitarbeitenden. Mit dem Ziel finanzieller Gestaltungsfreiheit und gegenseitiger Wertschätzung wurden in dem Treffen weitere Dimensionen des Geldes in den offenen Diskurs geholt. Dazu gehören der Wertschöpfungskreis, das Verständnis für die finanzielle Situation des Einzelnen, Krisenfähigkeit, nachhaltige Geschäftsbeziehungen und für alle Beteiligten stimmige Verträge. Als Fazit kann ich die Erkundungsreise «Geld für Waldorfschulen» wärmstens empfehlen: Der gemeinsame Prozess schafft einen bewussteren und achtsameren Umgang mit finanziellen Mitteln, damit Ideen umgesetzt werden und gute Bildung für unsere Kinder möglich wird.

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