Ausgabe 01-02/24

Zum Gedenken an Karla-Maria Schälike

Lothar Fritzsche

Meine Schwester Karla-Maria Schälike wurde am 5. März 1943 als erstes von vier Kindern der Familie Fritzsche geboren. Sie wuchs in Dresden-Hellerau im Haus Solveig auf. Die Kindheit mit uns drei Brüdern verlief harmonisch, und sie war als große Schwester oft gefragt, da beide Elternteile berufstätig waren. Zu allen Geburts- und Festtagen studierte Karla-Maria mit uns Gedichte, Musikstücke zum Singen oder Musizieren ein und machte hier bereits pädagogischen Erfahrungen. Im Nachbarhaus lebte die Arztfamilie Hermann, welche dem Waldorfgedanken und der Christengemeinschaft verbunden waren. Dadurch besuchten wir bald die Christengemeinschaft in der Goetheallee in Dresden.  

1957 wurde Karla-Maria in der Christengemeinschaft in der wunderschönen Villa in der Goetheallee konfirmiert. Neben den schönen Stunden in der Christengemeinschaft und den bis zuletzt andauernden Freundschaften blieben ihr auch die alljährlichen Weihnachtsspiele in Erinnerung.

Unsere Mutter besuchte im Sommer 1956 Freunde in Neustadt an der Weinstraße, um Vorkehrungen für einen geplanten Umzug unserer Familie nach Westdeutschland im folgenden Jahr zu treffen. Sowohl für unseren Vater als auch für sich fand sie Arbeitsstellen und auch eine kleine bescheidene Wohnung in Neustadt. Der Vater flüchtete Silvester 1956 und ließ uns zunächst in Dresden zurück. Im Sommer 1957 verkaufte die Mutter das Haus Solveig in Hellerau und reiste mit unserem jüngsten Bruder Hans-Christoph und mir nach Neustadt. Karla-Maria sollte offiziell den Behörden gegenüber in Dresden bleiben, war aber im Sommer 1957 auf dem Vogelhof auf der Schwäbischen Alb, von wo aus sie direkt nach Neustadt kam. Nun blieb nur noch unser Bruder Gert ‚als Pfand‘ der Behörden in Dresden. 1958 durfte er nachreisen, so waren wir wieder alle glücklich vereint. 

Karla-Maria besuchte ab 1958 die Waldorfschule in Pforzheim. Das größte Problem waren für sie die Fremdsprachen Französisch und Englisch, denn diese wurden während ihres achtjährigen Schulbesuchs in der Hellerauer Schule nicht unterrichtet. Dort lernte sie nur Russisch. Mit den anderen Fächern hatte sie keine großen Probleme, da die Hellerauer Schule bereits einen anspruchsvollen Lehrplan hatte. Nun lernte sie intensiv die fehlenden Sprachkenntnisse nach und bestand so in Pforzheim das damals noch von externen Prüfern abgenommene Abitur mit Bravour. Über die Schulzeit mit Karla-Maria hat ihr Pforzheimer Klassenkamerad Sören Fuß später geschrieben: «Ich war nach 40 Jahren in keiner Weise überrascht zu hören, was Karla-Maria mit Nadjeschda geschaffen hat. Es war mir irgendwie schon in der Schulzeit klar, Karla-Maria würde in ihrem Leben Erstaunliches vollbringen». 

Im Anschluss an die Waldorfschule besuchte sie die Pädagogische Hochschule in Karlsruhe. Die erste Lehrerstelle wurde ihr an einer Zwergschule in Würzbach bei Calw von April 1965 bis März 1966 zugeteilt. An diese Zeit hatte sie bis zuletzt sehr schöne Erinnerungen. Besonders an einige Schüler:innen, welche trotz Besuchs der Zwergschule anschließend studiert haben, erinnerte sie sich voller Stolz.  
Dann besuchte sie ein Jahr das Priesterseminar der Christengemeinschaft in Stuttgart und ging von dort aus nach Berlin, um an der Freien Universität Pädagogik zu studieren. Sie verbrachte auch noch eine Forschungszeit in New York und ging dann, unterstützt von einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, nach Moskau. Hier wohnte und studierte sie in der Lomonossow Universität und lernte auch ihren Ehemann Igor Schälike kennen, welcher Physik studierte.   

Am 13. Juni 1978 heirateten die beiden und zogen, da sie als Deutsche kein Bleiberecht in Moskau hatte, nach Frunze, heute Bischkek, Kirgistan. Karla-Maria und Igor fanden eine Stelle an der Universität in Bischkek. Im Juli 1985 sollte das Familienglück vollständig werden. Sie bekam einen Sohn Gert Michael, welcher aber nur zwei Monate lebte und dann unsere Welt wieder verließ. Im Krankenhaus lag im Zimmer von Karla-Maria eine Frau, welche ein behindertes Kind zur Welt gebracht hatte. Die Ärzte forderten die Frau auf, sich von dem Kind zu trennen, so wie es damals in dem Land üblich war. Die Frau weinte bitterlich. Dieses Erlebnis war für Karla-Maria und Igor prägend und sie entschieden, ihr Leben künftig behinderten Kindern, die den Eltern mit Druck abgenommen wurden, zu widmen. Zuerst begannen sie in ihrer Wohnung Kinder aufzunehmen, aber bald reichte der Platz nicht mehr aus, sodass sie sich nach anderen Räumen umsahen. Mehrere Male wurden die schwer zu findenden, mühselig ausgebauten und renovierten Räume den beiden durch den Staat weggenommen, und sie mussten wieder von vorn anfangen. Und das alles ohne jegliche finanzielle Unterstützung.
Am 17. September 1989 gründeten Karla-Maria und Igor das Kinderzentrum Ümüt-Nadjeschda mit 28 ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen in Bischkek. Immer war Karla-Maria auf der Suche nach Möglichkeiten der externen Unterstützung, denn Nadjeschda wurde größer und größer. Und wenn sie Kenntnis von Kindern bekam, die Hilfe brauchen, so sagte sie nie Nein und nahm diese in ihre großen Arme auf. 
1991 bereits wird Ümüt-Nadjeschda Mitglied im UNESCO- Programm für Assoziierte Schulen und der      kirgisische Schriftsteller Tschingis Aitmatov wird Ehrenpräsident von Nadjeschda. 1992 ziehen sie in ein erstes eigenes Gebäude, welches ihnen geschenkt wurde, und mit Hilfe des Fond Mitterand kommt noch ein Werkstattgebäude hinzu.

Mittlerweile hat alles einen großen Umfang angenommen und nur Spenden von Freund:innen und Gönner:innen reichen bald nicht mehr aus, um Nadjeschda zu unterhalten und weiterzuentwickeln. Während eines Besuchs bei ihrem Vater in Tuttlingen wird ein Zahnarztbesuch erforderlich. Durch Gottes Fügung findet sie den Menschen, der für die Zukunft von Nadjeschda richtungsweisend wird. Während der Behandlung berichtet sie ihm von Ihrem Projekt in Kirgistan. Dr. Hartmut Otto, der behandelnde Zahnarzt, ist sofort bereit, bei seinem sonntäglichen Orgelspiel für sie Spenden zu sammeln. Es dauert nicht lange, so wird am 30. Januar 1993 auf seine Initiative hin mit sieben Gründungsmitgliedern der Förderverein Ümüt-Nadjeschda gegründet. An der Stelle ist es wichtig zu bemerken, dass nur Karla-Maria und drei weitere Gründungsmitglieder der von Karla-Maria vertretenen Idee der Waldorferziehung nahestanden. Die anderen drei Mitglieder waren Dr. Otto, seine Frau und ein guter Freund von ihm. 
Posthum schrieb Dr. Otto unter anderem an meine Schwester: «Du hast mich fasziniert, weil ich deine Entschlusskraft spürte, da zu helfen, wo es besonders nötig war. Ich wusste um Deine tiefgehende Liebe zu den Kindern, deine unerschütterliche Art von Barmherzigkeit und Güte. Und ich wollte helfen, soweit es mir möglich war.»

Karla-Maria reiste jedes Jahr durch Deutschland und hielt berührende Vorträge über ihre Arbeit. Damit gelang es ihr, immer mehr Menschen zu finden, die bereit waren und bis heute noch sind, für Nadjeschda regelmäßig oder als Pate für ein Kind zu spenden. 1997 konnte ein Werkstatt- und Bürogebäude erworben werden und es wurde dem Zentrum Ferienhäuschens in Örnök am Issyk Kul See geschenkt. Im Jahr 2000 wurde das neue Schulgebäude mit Hilfe des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung eingeweiht. 2002 wurde das Janusz-Korczak-Zentrum, eine Werkstatt für Jugendliche und junge Erwachsene eröffnet. 2002 folgte dann die Eröffnung des Kindergartens mit Hilfe der Deutschen Botschaft in Bischkek. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Karla-Maria von Anfang an bei der Deutschen Botschaft und den jeweilig amtierenden Botschafter:innen immer ein offenes Ohr gefunden hat und auch durch sie und den deutschen Staat bis zum heutigen Tag sehr umfangreich unterstützt wurde und wird. 

Immer wieder besuchte Karla-Maria ihre sächsische Heimat Dresden und hielt in Dresden zahlreiche Vorträge. Sie gewann zahlreiche neue Freunde. 

Karla-Maria war in ihrem Denken immer weit voraus und hatte Angst, dass eines Tages die beim Verein eingehenden Spenden zurückgehen und damit die Kinder gefährdet sind. 2003 fand sich eine Freundin bereit, eine Stiftung Ümüt-Nadjeschda bei der GLS Treuhand mit einem ansehnlichen Startbetrag einzurichten. Damit gab es ein zweites Standbein in Deutschland neben dem Förderverein.  

Mit großem Elan und Unterstützung der Freunde der Erziehungskunst, der IAO (Internationale Assoziation osteuropäischer Waldorfschulen) und der IASWECE (International Association for Steiner/Waldorf Early Children Education) erreichte Karla-Maria Schälike, dass sich seit 2004 regelmäßig Lehrkräfte aus dem Fernen Osten in Kirgistan treffen. 
Im Jahr 2005 wurde Karla-Maria Schälike im Rahmen des Projektes 1.000 Frauen für den Frieden für den Nobelpreis nominiert. 2006 wurde der Integrative Kindergarten in Örnök am Issyk Kul See eröffnet.
2009 wird Karla-Maria Schälike das Bundesverdienstkreuz verliehen und Ümüt-Nadjeschda feiert das 20-jährige Jubiläum. Die Kirgisische Republik verleiht ihr den Danaker Orden für ihre mittlerweile von den Institutionen anerkannte Arbeit. Dank der Hilfe von Christoph Stolzenburg ruft sie 2016 ein Theaterprojekt mit ‚ihren Kindern‘ ins Leben. Die UNESCO verleiht Ümüt-Nadjeschda eine Urkunde für die vorbildliche Arbeit mit den Kindern. Eine große Besucherschar kommt 2019 nach Bischkek, um das 30-jährige Jubiläum zu feiern. Karla-Maria Schälike zieht sich aus der aktiven Leitungsebene zurück und übergibt an ihre Tochter Inga-Hanna Schälike und Aisha Nogoibaeva. 

Am 25. August 2023 hat meine Schwester uns in ihre Geisteswelt verlassen. Am 23. September wurde sie im Beisein vieler Freund:innen und Vertreter:innen von Organisationen im Friedwald Kaufungen bei Kassel beigesetzt. Die sehr bewegenden Beiträge während der zweistündigen Gedenkfeier ließen deutlich werden, welches große Werk Karla-Maria hinterlässt.  

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