Ausgabe 12/23

Zusammen an Eurythmie wachsen

Johanna Schad

Beziehungsbildung lernte ich in meinem ersten Schuljahr als Eurythmielehrerin sehr zu schätzen, schafft sie doch den Boden für meine Arbeit. Das Unterrichten wird wie durch ein Wunder leichter, wenn wir uns kennengelernt und Vertrauen zueinander aufgebaut haben. In meinem zweiten Schuljahr wurde mir der Wert von Zeit bewusst – als nötiges Element eines Wachstumsprozesses, welches die Entwicklung für alle Beteiligten spürbar sowie sichtbar werden lässt. Jetzt, in meinem dritten Jahr, habe ich mir vorgenommen, selbst aktiv etwas zu lernen. Ganz vorne in meinem Kalender habe ich mir zwei Worte aufgeschrieben: Sehen lernen. Eine Gelegenheit hierfür ergab sich für mich beim diesjährigen Begegnungswochenende «Im Blick – Eurythmie» im Eurythmeum Stuttgart.

Sich gegenseitig anschauen

Sich gegenseitig anschauen: Bei den Open Stage Einheiten der zurückliegenden Veranstaltung war das eines der wichtigsten Erfahrungen, wie mir meine Schüler:innen sagten. Lernen wir uns sehen, lernen wir uns erkennen. Wie einen Abdruck in meinem Inneren nehme ich diesen Anblick von heranwachsenden Menschen mit, die sich selbst aufrecht vor die Augen vieler stellen und durch sich hindurch in der Eurythmie ihre Gedanken und Gefühle sichtbar werden lassen.

Einmal jährlich findet «Im Blick – Eurythmie» statt. Die Eurythmie wird in diesen Tagen mit einer Mannigfaltigkeit an Augenpaaren betrachtet und in den Blick genommen. Studierende, die Bühnengruppe und Dozent:innen des Eurythmeums öffnen ihre Türen für Schüler:Iinnen und ihre Eurythmielehrer:innen aus ganz Deutschland. In gemeinsamen Übungseinheiten, Workshops, beim Essen, in den Pausen, in Gesprächsgruppen und vor allem während der Open Stage Momente lernen wir uns gegenseitig mehr und mehr kennen.

Dieses Wochenende der Begegnung erlebe ich als große Chance für die Zusammenarbeit unter Eurythmist:innen. Menschen aus Schulen treten in einen persönlichen Austausch mit Menschen in Ausbildungen sowie von der Bühne. Professionelle Bühnenkunst zu sehen, ist für die meisten Schüler:innen neu oder zumindest sehr unbekannt. Aus dieser Erfahrung folgt für die Jugendlichen immer eine große Dankbarkeit und ein erweitertes Verständnis für die Eurythmie. Aufführungen werden nahbar, weil es eben keine reinen Aufführungen sind, sondern ein Miteinander. Studierende, das Else-Klink-Ensemble und Oberstufengruppen zeigen sich gegenseitig ihre Stücke. Wie nebenbei erinnert es mich als Lehrerin auch daran, mich immer wieder persönlich mit den Quellen meines Faches zu verbinden.

Miteinander Worte finden

Sowohl in der Arbeit mit den Klassen, als auch in der Arbeit mit Eltern und dem Kollegium merke ich, welch große Bedeutung das Gespräch über die Eurythmie immer wieder hat. Natürlich tauche ich erst im eigenen Tun in deren Wesen wirklich ein; doch die Menschen wollen heute auch darüber sprechen können. Daher ist es von enormer Wichtigkeit, Worte für die Eurythmie zu finden. So gab es beim Begegnungswochenende nicht nur Raum für das gegenseitige Anschauen, sondern auch für das Wortefinden.

«Warum hast Du Eurythmie studiert?», haben wir uns gegenseitig gefragt. Studierende erzählten von ihrem Weg zur Eurythmie. Im Zuhören leuchtete die Vielschichtigkeit und der Unterschied aller Geschichten heraus und stellte die Frage in verwandelter Form vor einen selbst: «Warum bist Du mitgekommen zur Veranstaltung?»

Beim großen Rückblick mit allen Beteiligten klangen in mir drei Erlebnisse immer wieder an. Diese warfen Fragen auf, mit welchen ich seitdem innerlich umgehe. So wurde oft die Wahrhaftigkeit der eurythmischen Bewegung geschildert: In der Eurythmie kann der Mensch nicht lügen; sie zeigt immer, wer ich bin. Das ist eine Aussage, über die es sich lohnt, weiter nachzudenken. Wodurch entsteht und woher kommt dieses Gefühl der Wahrheit? Die zweite Frage, die mich seither bewegt, ist: Was geschieht hier im Zwischenmenschlichen? So haben viele die Wertschätzung in der Begegnung mit fremden Menschen aus der ganzen Welt geschildert. Eine Schülerin beschreibt sogar, wie sie sich getraut hat, ganz sie selber zu sein. Ein weiteres beschriebenes Erlebnis war das Gefühl, in der Eurythmie zu sich selber zurückzukommen, ohne dabei die Gruppe zu verlieren. Für mich ergab sich hieraus die Frage: Wie fühlt es sich an, in einer Welt wie der heutigen groß zu werden, und wie ist es möglich, sich selber darin zu finden?

Sehnsucht nach Höherem

Eurythmie rührt an etwas – so viel steht fest. Während eines Ehemaligentreffens in der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe, zeigten die beiden zwölften Klassen ihren Eurythmieabschluss auf der großen Bühne im Festsaal. Am nächsten Morgen hörte ich, wie ein älterer Herr einem Eurythmielehrer von einem Erlebnis beim Zuschauen berichtete: Beim Anschauen der Eurythmie habe er eine tiefe Sehnsucht empfunden und seitdem frage er sich, warum und wie das möglich gewesen sein konnte. Ich bin davon überzeugt, dass junge Menschen dieselbe Sehnsucht in sich haben, wie sie dieser Zuschauer empfunden hatte. Eine Sehnsucht nach etwas Höherem. In der Eurythmie werde ich zum Gefäß für etwas Höheres.

Ich ahne langsam und wache für die Bedeutung der umfassenden menschenbildenden Kraft der Eurythmie auf. Die Fähigkeit, im unsichtbaren Raum das Geschehen im Dazwischen wahrzunehmen, mein Ich im Wir wirksam zu erleben, Geist sowohl in mir als auch in den anderen und der Welt zu spüren. All diese Fähigkeiten werden die Menschen mehr und mehr in ihrem Leben brauchen und all diese Fähigkeiten erübe ich mit meinen Klassen in einem jeden Unterricht. Ich empfinde diese Gewissheit als Verantwortung, für junge Menschen da zu sein, und als Aufruf, mit jungen Menschen eurythmisch ins Tun zu kommen.

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