Ausgabe 05/26

Zusammenhängend, nachvollziehbar, berührend

Jessica Gube

Bild oben: Kohärenz schaffen durch die unmittelbare Umgebung. Jessica Gube lässt ihre Schüler:innen zunächst die Schule auf Französisch erkunden.
Bild unten: Dossier Jacques Cartier. Jacques Cartier (1491–1557) war ein französischer Seefahrer, der im Auftrag von König Franz I. drei Reisen nach Nordamerika unternahm. Er erforschte den Sankt-Lorenz-Strom, nahm das Gebiet für Frankreich in Besitz und legte den Grundstein für die Kolonisierung Kanadas.

Zitat: «Waldorfpädagogik versucht, für Kohärenz zu stehen. Zusammenhänge entdecken, Sinnhaftigkeit erleben, Welt mitgestalten wollen.«
 

Es ist Winter. Noch ist kein Schnee gefallen, doch gerade die jüngeren Kinder sehnen ihn herbei, vielleicht umso mehr, da diese Naturerscheinung in unseren Breitengraden seltener wird. Im Französischunterricht der Unterstufe haben wir ein kleines Schneeflocken-Lied gelernt: «Venez, venez, petits flocons...». Wir singen das Lied täglich und tauchen, begleitet von passenden Gesten, in die besondere Atmosphäre der sanften Melodie ein. Als es dann eines Vormittags während der Französischstunde draußen sacht zu schneien beginnt, kennt die Freude keine Grenzen und das Lied wird gern auch zehnmal hintereinander angestimmt.

Das hier auftretende Kohärenzempfinden, das Erlebnis des sinnvollen Zusammenhanges der Dinge, ist eindeutig und unmittelbar nachzuvollziehen. Und man spürt sofort, wie schön es ist, die Erscheinungen der Welt in Beziehung zueinander zu sehen. Für Unterstufenkinder ist es oft noch leicht, in Kohärenz zur Welt zu sein. Selbstverständlich leben sie mit den Erscheinungen mit und stellen sich freudig in diese hinein. Wo Kinder einigermaßen erschütterungsfrei heranwachsen dürfen, ist diese angeborene Weltliebe mit der natürlichen Portion Selbstliebe als grundlegendes Vertrauen ins Leben gegeben.

Lebensnah
 

Kohärenzerlebnisse können im Begleiten des Jahreslaufes und der Natur, doch auch durch vielerlei andere Verknüpfungen entstehen. Im Unterstufenunterricht kann man Äußerungen der Kinder zu Situationen aus ihrem außerschulischen, täglichen Leben – «Madame Gube, meine Oma hatte gestern Geburtstag!», «Unser Hund hat vier Junge bekommen!» – in einfachen Sätzen fremdsprachlich aufgreifen und dadurch den Kindern eine selbstverständliche Vernetzung der Lebensbereiche nahebringen. Eine kleine, lustige Gruselgeschichte kann zu Halloween gehören, nachdem die Kinder erzählt haben, was sie am Vorabend unternommen haben. Die während des Unterrichts am Himmel gerade durchziehenden Wildgänse, der draußen arbeitende Hausmeister und vieles mehr bieten spontane Möglichkeiten zu Verknüpfungen. In der Mittelstufe kann die Frage nach den täglichen Aktivitäten der Kinder im Gestern, Heute und Morgen bereits ausführlicher Schule und Privatleben im Sinne konkreter Situationen vernetzen. Anhand einer erweiterbaren Liste mit Aktivitäten können kleine Interviews geübt werden. 

Sinnzusammenhänge können ebenso zwischen Hauptunterrichtsinhalten und dem Fremdsprachenunterricht hergestellt werden. Die Heimatkunde im vierten Schuljahr kann zu einer ersten Schulgeländekarte mit französischer Bezeichnung führen; das Behandeln der alten Kulturen im fünften Schuljahr kann in der Entdeckung der Höhle von Lascaux in Frankreich aufgegriffen werden. In der Geografie Europas im sechsten Schuljahr kann es eine erste Landeskunde inklusive Landkarte Frankreichs geben. So lassen sich für jede Altersstufe Querverbindungen zum Hauptunterricht ziehen. Besondere Ereignisse in der schulischen Öffentlichkeit wie Theaterstücke, Weihnachtsbazar oder Orchesterkonzert bieten die Möglichkeit der Verknüpfung über den Klassenraum hinaus und können je nach Altersstufe in schlichten Dialogen oder auch etwas längeren Gesprächen aufgegriffen werden. Auch Geschehnisse des öffentlichen und politischen Lebens oder auch aktuelle Ereignisse wie Demonstrationen gegen die Wehrpflicht bieten vielerlei Gesprächsstoff. Die fortschreitende Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen, das zunehmende Gewahrwerden seiner selbst, gepaart etwa auch mit erwachenden Fragen und Zweifeln machen im Laufe der Jahre vielerlei neue Standortbestimmungen nötig. 

Struktur und Sprachverständnis
 

Mittelstufenkinder erfahren beginnende Selbstwirksamkeit durch zunehmend eigene Organisation ihrer Aufgaben – das «Lernen lernen». Im Fremdsprachenunterricht werden inhaltlich der Wortschatz und die Satzstrukturen sukzessive erweitert und verwandeln sich manchmal fast unmerklich in Sprachfähigkeiten. Im Unterstufenunterricht stand eher das spielerisch inszenierte, globale Sprachverständnis im Vordergrund. Oberstufenschüler:innen lernen Stück für Stück eigene Gedanken zu formulieren und ihre Reflexionen zu unterschiedlichsten Themen aktiv auszudrücken, mündlich wie schriftlich. 

Verlässliche Lernbeziehungen in der Klassengemeinschaft und zu den Lehrkräften, sinnerfüllte Lehrpläne und interessante Unterrichtsinhalte helfen, Stimmigkeit, Handhabbarkeit und Zusammenhang zu empfinden. Mit diesem Kohärenzgefühl wächst auch die Bereitschaft, Herausforderungen anzunehmen, Hindernisse zu überwinden und dadurch neue Fähigkeiten zu entwickeln – fremdsprachlich, mathematisch oder in jeder anderen Disziplin. So erstarken die Resilienzkräfte, die letztlich ein Leben lang in unterschiedlichsten Lebenslagen gebraucht werden, um Unwägbarkeiten und schwierigen Situationen mutig und vertrauensvoll begegnen zu können. 

Wenn versucht wird, sowohl inhaltlich wie auch in der Methodenvielfalt Unterricht adäquat anzupassen, kann bei jungen Menschen das Gefühl entstehen, dass es zwar anstrengend ist, sie sich aber gleichzeitig mit den Inhalten identifizieren können, und der Unterricht dadurch kurzweilig wird.

Das feine Zusammenspiel der breitgefächerten Unterrichte im Tages- und Jahreslauf, der Lehrplan, der sich an der Entwicklungspsychologie des Kindes orientiert, das Engagement der Lehrkräfte: Waldorfpädagogik versucht, für Kohärenz zu stehen. Zusammenhänge entdecken, Sinnhaftigkeit erleben, Welt mitgestalten wollen. Für die Entwicklung von jungen Menschen sind dies Bausteine für körperliche und seelisch-geistige Gesundheit, Lebensfreude und ein langfristig sinnerfülltes Leben. Möge dies in stetem Bemühen bestmöglich gelingen und jede kleine, doch einzigartige Schneeflocke ihren Weg finden! 

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