Ausgabe 10/25

Zwischen Ich, Du und Wir

Frieder Heß


Fünf Vorträge, eine Filmvorstellung, drei Seminare – und drei Trainingseinheiten, Gespräche beim Mittagessen oder im Nachtcafé beleuchteten das Thema Ich jedes Mal aus anderen Blickwinkeln, die es zu synthetisieren galt. Besonders waren auch die abendlichen Zusammenkünfte der Teilnehmenden, die dazu beitrugen, dass auf dem Jugendsymposion trotz so kurzer Zeit ein starkes Gefühl der Gemeinschaft entstand. 

Mit seinem Vortrag «Ich sein und sich selbst sehen: Eine Spannung im Kern unseres Selbstseins» stimmte Prof. Dr. Wilfried Sommer ins Thema ein. Er zeigte anhand von Äußerungen verschiedener Philosoph:innen, dass der Mensch seine Zentrierung findet, einerseits durch die Orientierung an der eigenen inneren Vitalität und andererseits durch den Bezug zum Außen, der Umwelt und anderen Menschen. Dies sei ein fortlaufender Prozess, weshalb der Mensch als ein sich ständig entwickelndes Wesen gesehen werden müsse. Nur durch unsere Bemühungen, Mensch zu werden, seien wir tatsächlich Mensch.

Der zweite Tag startete mit einem Vortrag der Journalistin Elsa Koester, die in ihrem Roman Im Land der Wölfe eine Geschichte erzählt, die auf einer persönlichen Begegnung mit einem zu rechten Gedankengut neigenden Justizvollzugsbeamten namens Frank Schlosser (Name geändert) basiert. Sie verglich in ihrem Vortrag das Schicksal und Herkunftsmilieu Schlossers mit ihrem eigenen und reflektierte die Frage, ob sie, wenn sie als Person das Leben von Schlosser durchlebt hätte, sich möglicherweise auch politisch rechts orientiert hätte. 

Ich-Du, Ich-Es
 

Ich nahm teil an dem Seminar von Peter Lutzker «Wie wir lernen können, sowohl das Ich des Anderen als auch das eigene Ich umfassender und tiefgründiger wahrzunehmen». Wir erarbeiteten anhand eines Beispieltextes den Unterschied zwischen einer Ich-Du und einer Ich-Es-Begegnung nach Martin Buber. Die These lautet: Erst durch eine echte, wesensumfassende Ich-Du-Begegnung können wir auch zu unserem eigenen Ich kommen. Wir bezogen das Konzept der beiden Arten der zwischenmenschlichen Begegnung auf die Plenarvorträge. 

Die Mittagspausen ermöglichten ein dringend notwendiges Durch­atmen bei guter Kost von unserem herzlichen Koch Rashid. Sonne, gute Stimmung, viele Menschen und Gespräche über neue Ansätze aus den Vorträgen und Seminaren machten diese Zeit aus.

Nachmittags ging es weiter mit den Trainings, die auf dem JuSy einen praktischen Ausgleich zum sonst sehr theoretischen Programm bilden sollen. Ich nahm an einer Einheit Bewegungs- und Kontaktimprovisation unter der Leitung von Nathan Otto und Wieland Witzel teil. Wir experimentierten mit Vertrauensübungen, mit skurrilen und tänzerischen Arten der Fortbewegung und versuchten uns in der Kontaktimprovisation, einem zeitgenössischen Tanzstil, der es sich als Grundprinzip setzt, körperliche Begegnungen mit anderen Menschen aktiv zu suchen und zu erforschen.

Den Vortrag am Freitagnachmittag hielt die Psychologin, Autorin und Beraterin Dr. Mirriam Prieß. Sie gab einen Einblick in die psychosomatischen Mechaniken eines Burnouts. Eine Gemeinsamkeit von Menschen mit Burnout sei neben konfliktreichen Beziehungen oft auch ein schlechter Zugang zu den eigenen Gefühlen. Das von ihr vorgestellte Dialogprinzip auf der Grundlage von Werten wie Empathie, Augenhöhe und Wertschätzung soll durch gesunde Kommunikation ein besseres Stressmanagement ermöglichen. Der Samstag startete in aller Frische mit einem Vortrag von Christina Günther, die als Leiterin des evangelischen Hospizes in Kassel über die Arbeit dort berichtete und die besondere Art der Ich-Du-Begegnung mit Menschen kurz vor dem Lebensende zeigte.

Big Data und Ich
 

Nach den Seminar- und Trainingseinheiten sahen wir uns im Bali-Arthouse-Kino den Dokumentarfilm Watching you über die umstrittenen Datenanalyse-Firma Palantir und dessen Gründer und CEO Alex Karp an. Der in linken Milieus und als Kind von Hippie-Eltern aufgewachsene Alex Karp gründete Palantir zusammen mit Peter Thiel, dem US-amerikanischen Investor, rechts-libertären Tech-Unternehmer und Milliardär, der den Online-Bezahldienst PayPal mitgegründet hat. Palantir beliefert weltweit staatliche Geheimdienste, Militärs und auch in Deutschland die Polizei mit ethisch fragwürdigen Datenanalyse-Tools. Es wird unnachgiebig versucht, so wenig wie möglich über die Firma und ihren Gründer an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Dem Film folgte eine intensive Fragerunde mit Regisseur Klaus Stern. Das Thema war hier die Verzerrung des Bildes vom Menschen durch Big Data.

Im letzten Vortrag am Sonntagmorgen gab die Professorin für Modejournalismus Diana Weis eine historische Perspektive auf das Phänomen der Jugendmode als Möglichkeit der Abgrenzung von einem eingefahrenen und starren Erwachsensein. Jugendmode sei nie die Aufhebung von Mode, sondern im Verlauf dann der Ursprung für viele weitere Modeströmungen. Heutzutage findet durch kurzlebige TikTok-Trends jedoch eine Massenkommerzialisierung der Jugendmode statt. Individuelle Strömungen wurden durch Mindsets und Aesthetics ersetzt, die wie eine Schablone auch mit einer entsprechenden Art zu sein einhergehen. 

Mit einem Abschlussplenum am Sonntagnachmittag endete das 31. Jugendsymposion. Für mich sind die JuSys immer eine sehr besondere Zeit mit intensiven Themen und vielen Begegnungen. Für vier Tage taucht man wie in einen parallelen Zeitstrahl ein und ich habe das Gefühl, die vier Tage sind gleichzeitig schneller und langsamer vergangen als vier Tage in meinem Alltag. 

Das nächste Kasseler Jugendsymposium findet vom 11. bis 14. Dezember 2025 zum Thema «Urteil(s)Kraft» statt. 
Informationen: jugendsymposion-kassel.de 

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