Schattentheater und Slow-Motion-Filme: Begegnungen mit Medien in der Klasse von Yvonne Wegerl.
Bild rechts: Turm der Medienmündigkeit nach Paula Bleckmann.
Ein Medienkonzept sollte ein lebendiges Arbeitspapier sein, das aus der pädagogischen Praxis heraus wächst
Als ich 2010 an einer Gesamtschule anfing zu unterrichten, waren die Werkzeuge noch simpel: Tafel und Kreide, Lehrbücher, manchmal ein Overheadprojektor. Dann ging plötzlich alles sehr schnell. Tablets, Flatscreens und Beamer hielten Einzug in die Klassenzimmer. Wir Lehrkräfte sollten möglichst viel digital unterrichten. Auch auf dem Schulhof durften die Kinder in den Pausen ihre Smartphones nutzen – irgendwann hatten die Kolleg:innen kapituliert. Was ich dann beobachtete, machte mich nachdenklich: Viele Kinder verbrachten extrem viel Zeit am Bildschirm. Statt sich zu bewegen oder miteinander zu reden, flüchteten sie in virtuelle Welten. Ausgrenzung, Mobbing, Depressionen und Schulverweigerung nahmen rasant zu. Während deutsche Schulen weiter auf digital setzen, wird im restlichen Europa heftig diskutiert: Was macht der Medienkonsum mit Kindern und Jugendlichen? Immer deutlicher wird: Was Kinder für ihre Entwicklung brauchen, steht oft im krassen Gegensatz zur Erwachsenenwelt. Klar müssen junge Menschen lernen, mit Technik umzugehen und sie zu beherrschen. Aber sie brauchen genauso dringend Räume, in denen sie sich körperlich, seelisch und geistig ungestört entwickeln können.
Analog vor digital: Der Waldorf-Ansatz
Eine gesunde Medienerziehung, wie sie an Waldorfschulen möglich ist, setzt genau hier an: Sie schafft ein Gegengewicht zu schädlichen Medienwirkungen und legt das Fundament für einen späteren kompetenten Umgang mit allen Medien. Waldorfpädagog:innen schauen nicht nur auf Geräte und Inhalte, sondern vor allem auf den Menschen, der damit umgeht. Während Staatsschulen möglichst früh technische Geräte einsetzen wollen, steht an Waldorfschulen die Analog-Didaktik im Mittelpunkt. Das heißt: Jüngere Kinder lernen mit analogen Medien und Techniken – und können später problemlos auf digitale Medien umsteigen. Wie die Dinge funktionieren und wirken, lässt sich durch praktisches Tun schon ab der ersten Klasse vermitteln. Das möchte ich an konkreten Beispielen zeigen. Schon zu Schulbeginn gestaltet jedes Waldorfkind sein erstes Epochenheft mit bunten Zeichnungen, die Geschichten erzählen. Gesten, Gebärden und Fingerspiele setzen innere Bilder in Bewegung. Im Kamishibai, einem japanischen Papiertheater beziehungsweise einem Märchenbilderschaukasten, erzählen aufeinanderfolgende Bilder eine Geschichte. Bewegte Bildkarten lassen Märchenfiguren über passende Hintergründe wandern. Bald kommen die ersten kleinen Theaterstücke dazu: Fabeltiere bewegen sich im Kistentheater, kleine Puppenspiele werden aufgeführt. Tierwelten entstehen im Schuhkarton oder werden aus Ton geformt. Die ersten analogen Filme werden produziert – zum Beispiel als Daumenkino mit Stempeln. Schattentheater bringen neues Licht ins Spiel, selbst gedrehte Stop-Motion-Filme lassen Balladen lebendig werden. Wenn die Oberstufe beginnt, haben die Jugendlichen so viele Erfahrungen gesammelt, dass sie Demonstrations- und Erklärfilme drehen können – inklusive Schnitt und digitaler Bearbeitung.
Ein Medienkonzept für das ganze Kollegium
Schaut man sich diese Beispiele an, fällt auf: Vieles davon läuft an Waldorfschulen bereits, anderes lässt sich leicht in bestehende Epochen einbauen. Meine Erkenntnis: Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, die vorhandenen Schätze im eigenen Unterricht sichtbar zu machen. Neue Methoden können in Konferenzen gemeinsam ausprobiert werden. So baut man Hürden und Vorurteile ab. Denn damit ein Medienkonzept wirklich gelebt wird, braucht es die Akzeptanz und Mitarbeit möglichst aller Lehrer:innen. Was können sie bereits? Was wünschen sie sich? Das sollte unbedingt abgefragt werden. Um die vielen praktischen Möglichkeiten zu ordnen, hilft eine übersichtliche Tabelle. Eine gute Orientierung bietet das HERMMES Curriculum (hermmes.eu). Der Turm der Medienmündigkeit von Medienpädagogin Paula Bleckmann zeigt, welche Fähigkeiten entwickelt werden müssen. Und diese Kompetenzen helfen den Kindern und Jugendlichen auch in vielen anderen Alltagssituationen. Die Regel: Je höher der Turm werden soll, desto breiter und stabiler muss die Basis sein. Die Farbgebung mit den Kompetenzbereichen lässt sich gut in Tabellenform übertragen und mit Praxisbeispielen füllen. Die vorgeschlagenen Klassenstufen zeigen den frühesten sinnvollen Zeitpunkt – in der Praxis richtet sich das natürlich nach der jeweiligen Klasse. Deshalb eignen sich Doppeljahrgangsstufen besonders gut. Zur Abstimmung hat sich die Ampelmethode bewährt: Klebepunkte in Rot, Gelb und Grün werden an die entsprechende Stelle der Tabelle geklebt. Kommentare und Ergänzungen sind ausdrücklich erwünscht. So kann das gesamte Kollegium gemeinsam Ziele festlegen, ohne lange zu diskutieren. Alles bleibt transparent.
Alle ins Boot holen
Gute Medienarbeit funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Die meiste Zeit verbringen Kinder und Jugendliche in ihren Familien. Deshalb spielen Eltern in der Medienerziehung eine zentrale Rolle. Und wenn wir junge Menschen zur Medienmündigkeit erziehen wollen, sollten wir sie auch selbst fragen: Was ist euch wichtig? Besonders die Jugendlichen der Oberstufe sollten bei der Konzeptarbeit dabei sein. Beschließt das Kollegium, ein neues Medienkonzept zu entwickeln, gehört das Thema in alle Schulgremien. Im Idealfall bildet sich ein Arbeitskreis aus Mitgliedern verschiedener Gremien – so sind alle Interessengruppen vertreten. Bei meiner Suche nach Entwicklungsmodellen bin ich auf das Prozess-Rad nach Kreher und Solf gestoßen, das den Verlauf der Arbeit sehr gut unterstützt hat. Im Vergleich zu anderen Modellen beschreibt es den Veränderungsprozess kleinschrittiger und benennt viele hilfreiche Detailfragen. Die zentrale Botschaft: Die Schritte machen in dieser Reihenfolge Sinn, aber das Rad kann sich auch vor- und zurückdrehen. Der Prozess wird immer wieder evaluiert und angepasst. Ein Medienkonzept sollte ein lebendiges Arbeitspapier sein, das aus der pädagogischen Praxis heraus wächst – keine starre Festlegung.
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