Ausgabe 06/26

Zwischen Rollenbildern und Realität

Katrin Kühne
Plakat aus dem Feminismus-Workshop an der Freien Waldorfschule Leipzig. Bild: Emilia Müller

«Die Frau ist das schwächere Geschlecht» – diese über Jahrhunderte verbreitete Vorstellung geht unter anderem auf den französischen Denker Jean-Jacques Rousseau zurück. Im 18. Jahrhundert propagierte er in Emile oder über die Erziehung die Unterlegenheit der Frau – körperlich, sozial wie auch moralisch. Damit zementierten er und viele weitere Menschen im Laufe der Geschichte gesellschaftliche Rollenbilder: die Frau als treusorgende Ehefrau und Mutter, der Mann als Ernährer und Gestalter des öffentlichen Lebens. Was für den einen nach einem guten Deal klingt – immerhin wurden so über lange Zeiten hinweg Macht- und Arbeitsverhältnisse stabilisiert – beschneidet die andere in ihren Möglichkeiten, setzt ihren Wert herab und befördert Ängste.

Passt schon bei uns?

«Seit Jahrhunderten wird das, was wir als Gesellschaft unter richtig und falsch verstehen, maßgeblich von Männern geprägt», sagt Namoonga Mweemba. Zusammen mit Paula Groß und Paula Gutseel geht sie in die zwölfte Klasse der Freien Waldorfschule Leipzig. Die drei beschäftigen sich intensiv mit Feminismus und organisierten im März dieses Jahres in ihrer Schule einen Workshop zum Thema. Sie wollen mehr Aufmerksamkeit auf Gendergerechtigkeit lenken und auch das Bewusstsein ihrer Mitmenschen dafür schärfen. «Ich bin froh, eine Frau zu sein, und kann mich damit auch identifizieren», sagt Namoonga. «Aber ich möchte unabhängig von Vorurteilen herausfinden, was das für mich bedeutet.»

Auch Paula Groß findet es schade, dass der Unterschied zwischen männlich und weiblich in der Gesellschaft so präsent ist: «Ob du ein X- oder ein Y-Chromosom hast, sagt nichts über deine Persönlichkeit aus.» Für Paula Gutseel ist der Kampf um Gleichberechtigung bisweilen ein zweischneidiges Schwert: «Einerseits möchte ich diese Stereotypen durchbrechen. Andererseits fällt es mir aber auch schwer, weil ich das Gefühl habe, dass ich in diesem Land und in meinem Umfeld schon sehr privilegiert bin.» Dennoch gilt für sie: «Nur weil es woanders schlechter ist, heißt das nicht, dass bei uns schon alles passt.»

Mehrfachbelastung und unbezahlte Arbeit

Als Emilia Müller Anfang des Jahres vom globalen Frauenstreik hörte, war ihr sofort klar: «Ich bin dabei – vor allen Dingen aus Solidarität zu den Frauen weltweit.» Emilia ist Mutter dreier Söhne, Waldorflehrerin und engagiert sich seit Jahren für Elternarbeit in der Schule. Vor allem die Mehrfachbelastung von Frauen ist für sie ein wichtiges Anliegen. «Viele übernehmen zahlreiche Rollen und versuchen, allen gerecht zu werden – das führt häufig zu Überlastung.» Hier fehle eine gute Aufgabenverteilung rund um Haushalt und Carearbeit,
gerade in Familien, in denen beide Eltern berufstätig sind.

Ein entscheidender Faktor ist zudem das Geld. Nicht nur, dass gerade soziale Berufe, in denen überwiegend Frauen arbeiten, deutlich besser bezahlt sein müssten. Auch Frauen, die sich zugunsten der Kinderfürsorge dafür entscheiden, eine Weile lang nicht erwerbstätig zu sein, verdienen eine Wertschätzung ihrer Arbeit im monetären Sinne. So kann ein Partner nur voll arbeiten, weil jemand anderes den Familienalltag organisiert. Für Emilia setzt das ein gemeinsames Konto voraus und vor allem das gelebte Bewusstsein davon, dass mindestens 50 Prozent des erwirtschafteten Einkommens auch dem nicht erwerbstätigen Part in der Beziehung gehören. «Dass die Kinder jeden Tag liebevoll umsorgt sind, zu Hause die Wohnung sauber gemacht wird oder etwa die Eltern ausreichend gepflegt werden, ist auch für den berufstätigen Partner ausschlaggebend. Denn nur, wenn innerhalb einer Familie gute Fürsorge für all diese Aufgaben erbracht wird, kann man, häufig ist es der Mann, auch entsprechend seiner Erwerbstätigkeit nachgehen.»

Stereotype im Alltag

Frauen übernehmen viel Verantwortung in unserer Gesellschaft. Gleichzeitig wird weibliches Engagement oft als selbstverständlich vorausgesetzt. Das erleben Paula, Namoonga und Paula auch im Alltag. «Wenn es beispielsweise bei uns in der Familie darum geht, den Tisch abzuräumen, stehen automatisch die Frauen auf, während die Männer sitzen bleiben», erzählt Paula Gutseel.

Auch in der Schule beobachten sie solche Muster: «Beim Eurythmieabschluss, den wir kürzlich hatten, ging unser Lehrer ganz selbstverständlich davon aus, dass wir den Jungs beim Anziehen und Schminken helfen», berichtet Namoonga. «Dabei können die sich auch selbst um ihr Gewand und was auch immer kümmern.» Für Ärger sorgte bei den jungen Frauen in diesem Zusammenhang auch das mangelnde Engagement auf Seiten ihrer männlichen Mitschüler, als es um die Bühnenperformance ging. «Bestimmte Jungs haben gar nicht richtig mitgemacht, sind im Windschatten von uns Frauen mitgeschwommen und wurden trotzdem besser bewertet», erzählt Paula Groß. Auch in Gruppenarbeiten würden Mädchen oft die Verantwortung übernehmen und Jungen ließen sich bequem mitziehen.

Namoonga sieht darin eine Folge von Sozialisation: «Wir Frauen wachsen einfach damit auf, sich für vieles zuständig zu fühlen.» Paula Gutseel ergänzt: «Jungen sind auch oft weniger betroffen von gesellschaftlichen Ungleichheiten und haben deshalb weniger Druck, sich für irgendetwas einzusetzen.»

Wertschätzung der Grundlagenarbeit

Auch im Kollegium beobachtet Emilia ein Ungleichgewicht: Während Frauen häufiger in den unteren Klassen unterrichten, sind in der Oberstufe Männer überproportional vertreten. Ein Spiegel für die Gesellschaft, wie sie findet: «In den unteren Klassen geht es ums Kümmern. Ich muss viel intensiver mit den Elternhäusern zusammenarbeiten und die Bedürfnislage der Schüler:innen berücksichtigen.» Das sind Aspekte, die oft weniger Anerkennung erfahren als das leistungsbezogene Lernen in der Oberstufe. Für ihren Geschmack könnte es hier durchaus mehr Durchmischung geben – nicht nur um der Gleichberechtigung willen. «Es ist vor allem eine Wertschätzung der Grundlagenarbeit, die in der Unterstufe gemacht wird. Die ist das Fundament für das, was sich dann obendrauf entfalten kann», sagt die Lehrerin. «Das können nicht nur die Frauen beackern. Es ist ein Mangel – vor allem für die Kinder – wenn nicht auch männliche Kollegen mitarbeiten.»

Wertschätzung für diese Arbeit muss sich aber auch hier finanziell ausdrücken. Zudem findet Emilia, dass der Erzieher:innenberuf eigentlich ein Studium erfordern sollte, damit klar wird: Hier geht es um etwas Relevantes. «Was wir in den ersten Jahren anlegen, bildet die Grundlage für die Biografie des Menschen. Das sollte richtig ernst genommen und anerkannt werden.»

Perspektiven für ein Miteinander

Frauen sind das schwächere Geschlecht? Diese These ist längst widerlegt. Auch wenn wir immer noch in einer Welt leben, in der männlich verstandene Prinzipien wie Durchsetzung, Wettbewerb, Kontrolle und Effizienz ein erfolgreiches Leben versprechen, wird mehr und mehr klar: Ohne einen starken weiblichen Gegenpol richten diese Prinzipien erheblichen Schaden an. Deswegen gilt es für Frauen nicht, Männer mit gleichen Mitteln zu übertrumpfen. Es gilt, die dem Weiblichen zugeschriebenen Fähigkeiten wie Empathie, Verbindung, Intuition und Raum halten – die auch Männer in sich finden können – als gleichwertig anzuerkennen und selbstverständlich zu leben.

«Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass Frauen besser sein wollen als Männer», betont Paula Gutseel. Auch Emilia versteht Gleichberechtigung über das Biologische hinaus: «Wir brauchen Mann und Frau nicht in Form der Rollenzuschreibungen, sondern im Sinne dessen, was wir mit einer männlichen und einer weiblichen Energie verbinden. Das kann unterschiedlich besetzt und von den biologischen Geschlechtern unterschiedlich gelebt werden.»

Ein wichtiger Schritt zur Stärkung des Weiblichen ist die Wiederbelebung von Sisterhood – also Solidarität, Verbundenheit und gegenseitige Unterstützung unter Frauen. Ziel ist es, Isolation und Konkurrenz aufzuheben. Veranstaltungen wie der Frauenstreik am 9. März machen die Anliegen von Frauen sichtbar und bieten Raum für Austausch. Zugleich braucht es auch Männer, die für das Weibliche einstehen und sich damit verbinden. Dann sprechen wir irgendwann vielleicht nicht mehr vom Matriarchat oder Patriarchat, sondern leben ein kooperatives Miteinander in einem Harmoniarchat.

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