Bild: Kinder in traditioneller ukrainischer Kleidung (Acryl). Bild von Marushka und Foto der Künstlerin.
Marushka sitzt im Schneidersitz auf ihrem Bett. Von ihren Ohrläppchen hängen neonfarbene Aliens herab. Große Anhänger in grün und gelb. Um den Hals trägt sie mehrere schwere Ketten und auf ihrem Jumpsuit flattert ein Schwarm Schmetterlinge. Im Fenster hinter ihr hängt dagegen ein Bild wie aus einer anderen Zeit – eine traditionelle Stickerei aus der Ukraine, Marushkas Heimatland. Ihre braunen Augen sind groß, schauen eher müde in die Welt und sie fragt: «Warum singen hier nicht alle auf den Straßen?» Es sind Gegensätze, die charakteristisch sind für die 43-jährige Künstlerin. Farbenfroh, frech und flippig auf der einen Seite. Wund, traurig und gelähmt auf der anderen. Beides bringt sie in ihren Bildern zusammen. Mit grellbunten Farben fängt Marushka Schmerz und Verzweiflung ein. «In Deutschland müssten doch alle auf den Straßen tanzen, weil hier kein Krieg ist.» Marushka meint das ernst. «Hier vergisst man die Tränen», sagt sie, als sie über die Stickerei hinweg aus dem Fenster schaut und im August auf grüne Baumkronen und sonnenbeschienenes Berliner Kopfsteinpflaster blickt. Es ist friedlich draußen. Menschen sitzen in Cafés und Tauben picken Krumen vom Gehweg auf. Ganz anders als in Luzk, der Stadt im Nordwesten der Ukraine, in der Marushka vor 43 Jahren geboren wurde. Dort herrscht Krieg und «die Luft ist so schlecht, dass die Rosen nicht blühen». Marushka wird schwer ums Herz, wenn sie daran denkt.
Tanzen und spielen
Bereits vor 13 Jahren ist die gebürtige Ukrainerin nach Deutschland gekommen, arbeitete zunächst als freie Künstlerin in Berlin. In der Ukraine hatte sie als Radiomoderatorin und Betreuerin von Kindern gearbeitet. Zunächst verschenkte sie viele ihrer Kunstwerke, bis ihr klar wurde, dass sie als Künstlerin auch Geld verlangen kann. Besonders beliebt waren ihre farbenfrohen Bilder, darunter etwa Motive von vormalig schwarz-weißen Hochzeitsfotos von Freunden, denen sie mit Farben neues Leben einhauchte. Manche Kinderportraits blieben jedoch bei ihr, da die Eltern sie als zu traurig empfanden – ihre Kunst sei vor allem «für Mutige», wurde ihr gesagt. Zuletzt erhielt sie einen Auftrag von einer ukrainischen Freundin in Israel, für deren Kinder sie Bilder malte, die Sehnsucht nach Frieden ausdrücken.
Ein Jahr lang absolvierte sie am Lehrerseminar für Waldorfpädagogik in Kassel eine Ausbildung für die Oberstufe. Die Begeisterung entfacht hatte zuvor ein Film über Waldorfpädagogik, den Marushka im Goethe-Institut in Kyjiw gesehen hatte. «Ich erinnere nur noch Fetzen: Einen Mann im Wald, der etwas mit Holz macht und mit Brot. Ich war tief beeindruckt und wollte mehr wissen.» So entdeckte Marushka die Waldorfpädagogik für sich. 2020 gründete sie eine Waldorfschule in ihrer Heimatstadt Luzk. Die allererste Klasse besucht inzwischen die Stufe sechs. Die Arbeit an der Schule setzte sie unter schwierigsten Bedingungen fort. Selbst während der Angriffswelle auf die Ukraine 2022 bestand sie darauf: «Die Kinder müssen zur Schule!» Dank Unterstützung anthroposophischer Freund:innen in Deutschland gelang es auch, viele Menschen aus der Waldorfinitiative Luzk nach Hamburg zu bringen. Marushka unterrichtete in den vergangenen Jahren auch kriegsgeflüchtete Kinder in Hamburg und Berlin. In der Waldorfschule in Luzk ist sie ebenfalls regelmäßig und unterrichtet Gastepochen.
Kinder haben sie schon immer fasziniert. Eine Zeitlang habe sie kaum etwas anderes gemalt. «Ich glaube, das Wichtigste, was wir von Kindern lernen können, ist die Freude über einen Anfang, über ein erstes Mal, von denen es so viele im Leben gibt. Die Freude über dieses ‹Guck mal, was ich kann.› », sagt Marushka. Sie selbst hasse es, erwachsen zu sein. «Zum Kotzen» finde sie es sogar. Marushka will tanzen, will spielen. Das sei für sie der Inbegriff von Kunst und in der Kunst wiederum würde sie in Kontakt treten mit ihrem eigenen inneren Kind. Sie spüre in sich selbst noch immer eine Kraft, die ihr sagt: «Ich bin ready für alle Sachen.»
Bloß kein Stillstand
Nichts ist für Marushka schlimmer als Stillstand. Denn Stillstand oder schlimmer noch Starre sei genau das, was der Krieg erzeugt. «Das Leben friert ein, während es weiterläuft. Ich bin mir sicher, selbst wenn ich in einen Bunker müsste, würde ich noch tanzen, damit mich nie wieder diese Starre packt», ist Marushka entschlossen. Denn einmal, da hatte die Starre sie in ihren Fängen. Da war sie wie gelähmt. Gleich nach Kriegsbeginn war das. Marushka konnte nicht mehr malen, nicht mehr weinen, nicht mehr träumen. Am Grab eines Freundes kehrte in der Heimat in Luzk schließlich ein erster Impuls zurück. «Keiner dieser vielen Toten darf je vergessen werden», hat Marushka damals gedacht – und angefangen, Portraits von ihnen zu zeichnen. Ähnlich war es ihr rund zehn Jahre zuvor ergangen. Da hat sie im Nachhinein Demonstrant:innen gemalt, die während der Proteste auf dem Maidan gestorben waren. Das half ihr gegen die Lähmung und das Gefühl der Hilflosigkeit.
Im Keller mit Blumen
Ihr Schaffen verortet sie irgendwo «zwischen Traum und Trauma». Wenn sie malt, dann fühle es sich weniger so an, als würde sie gegen die Dunkelheit in ihr und in der Welt ankämpfen, sondern eher so, als würde sie eine Kerze anzünden, beschreibt Marushka. Das sei es auch, was die Schulen für die Kinder tun müssten: Ihnen zeigen, wie sie für sich und andere Kerzen im Inneren entzünden könnten. Marushka erzählt, sie habe geweint vor Glück, als sie Alternativen zur staatlichen Bildung entdeckt hat. Allerdings stellt sie fest, dass sie in Waldorfschulen trotzdem nicht mehr glückliche Kinder sieht. Ihr Traum von einer eigenen Schule ist zwar wahr geworden und trotzt jetzt schon im fünften Jahr dem Krieg, aber Marushka nimmt bei ihren Besuchen wahr, dass die Verantwortlichen «todmüde» sind. «Wie oft kann man von vorne anfangen», fragt sie und zuckt mit den Schultern dabei. Manchmal würden die Lehrer:innen mit den Kindern im Keller sitzen und Blumen malen. «Das ist dann Kunst als Überlebenskunst», beschreibt es Marushka.
Kommentare
Wow 🤩
Tolle Frau und wunderschöner Beitrag!
Regt echt zum Denken an.. Ich bin gerührt!! Danke
Kommentar hinzufügen
Vielen Dank für Ihren Kommentar. Dieser wird nach Prüfung durch die Administrator:innen freigeschaltet.