Zitat: »Nach dem anthroposophischen Verständnis begleitet der Zahnwechsel unter anderem den Übergang vom ersten zum zweiten Jahrsiebt und damit den Beginn einer neuen Entwicklungsphase.«
Der Schuleintritt markiert einen wichtigen Schritt im Leben eines Kindes. Steht im Kindergarten noch das unbeschwerte Spiel im Vordergrund, gilt es in der Schule, über einen längeren Zeitraum dem Unterrichtsgeschehen zu folgen. Das setzt eine Vielzahl von Fähigkeiten voraus: ruhig sitzen und zuhören, einer Geschichte lauschen, Anweisungen der Lehrkraft verstehen und umsetzen, sich verständlich ausdrücken, abwarten, bis man an der Reihe ist, Frustration in gewissem Maß aushalten, sich für eine begrenzte Zeit konzentrieren und mit anderen Kindern in Kontakt treten. Inwieweit ein grundsätzlich schulpflichtiges Kind diese Voraussetzungen mitbringt, wird im Rahmen des Aufnahmeverfahrens geprüft.
Für viele Familien ist die Schulaufnahme der erste bewusste Schritt in eine neue Gemeinschaft. Dabei zeigt sich, dass Schulreife nicht an einem einzelnen Merkmal festzumachen ist, sondern aus vielen Beobachtungen, Gesprächen und Erfahrungen entsteht.
Der erste Eindruck
An der Waldorfschule in Kassel begleiten Katia Hornemann und eine Kollegin den Aufnahmeprozess der zukünftigen Erstklässler:innen. Noch bevor die Kinder mit ihren Eltern zum Aufnahmegespräch in die Schule kommen, hospitiert Hornemann im jeweiligen Waldorfkindergarten und gewinnt dort einen ersten Eindruck. Anschließend werden die Familien über mehrere Wochen hinweg zu Einzelgesprächen eingeladen. Während die eine Lehrkraft mit den Eltern spricht, beschäftigt sich die andere mit dem Kind; danach werden die Rollen getauscht. «Aktuell sind wir zwei Klassenlehrerinnen, die die Schulaufnahmen durchführen», erklärt Hornemann. «Je nach Bedarf ziehen wir aber auch Fachkolleg:innen hinzu, etwa aus Sport oder Eurythmie, um Bewegungselemente genauer in den Blick nehmen zu können. Manchmal ist auch unsere Schulärztin dabei.»
Grundlage des Elterngesprächs ist ein entwicklungsorientierter Fragebogen. Er umfasst Themen wie frühe Kindheit, motorische, sprachliche und sozial-emotionale Entwicklung, gesundheitliche Besonderheiten sowie Spiel- und Lernverhalten. Darüber hinaus interessieren sich die Pädagoginnen auch für kreative Interessen des Kindes, Rhythmus und Tagesstruktur, Naturerfahrungen sowie für die Beweggründe der Eltern, sich für eine Waldorfschule zu entscheiden.
Wie weit Grob- und Feinmotorik, Koordination, Konzentrationsfähigkeit oder die sogenannte Lateralität, also die bevorzugte Nutzung einer Körperseite, ausgebildet sind, erkunden die Lehrerinnen spielerisch im direkten Kontakt mit dem Kind. So balanciert es beispielsweise vorwärts und rückwärts auf einem schmalen Balken oder hüpft auf einem Bein. Beim Zeichnen, dem Blick durch ein Kaleidoskop oder dem Lauschen an einer Muschel beobachten die Pädagoginnen unter anderem die Lateralität des Kindes. Diese gilt als Hinweis auf eine altersgemäße Entwicklung von Wahrnehmung und Körperkoordination. Da die Klassen in Kassel mit bis zu 32 Schüler:innen recht groß sind, schauen Hornemann und ihre Kollegin genau hin. Die entscheidende Frage lautet: Wird sich das Kind gut in den Klassenverband einfügen und die dort entstehenden Impulse für seine eigene Entwicklung nutzen können?
In Bewegung beobachten
Diese Frage steht auch im Zentrum des Aufnahmeprozesses in der Karl Schubert Schule in Leipzig. Aus den Bewerberfamilien entsteht in einem vielschichtigen Prozess aus Kinderwahrnehmung, Elterngesprächen, Vorbereitungselternabenden und Rückstellungen nach und nach die neue erste Klasse. Leitend für diesen Prozess ist aus Sicht von Schularzt Johannes Kux die Perspektive «Punkt und Umkreis»: «Kann der Umkreis das Kind mit seinen jeweiligen Bedürfnissen in der jeweiligen Situation mit den verfügbaren Möglichkeiten halten?» Die Frage hat an der inklusiv arbeitenden Schule ein besonderes Gewicht: Jede Klassenstufe umfasst 25 Kinder, darunter fünf mit einem diagnostizierten Förderbedarf. «Wir wollen, dass Kinder mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam lernen können», erläutert Kux das Anliegen der Schule.
Zur Aufnahmeuntersuchung werden die Familien an zwei Tagen in die Schule eingeladen. Während die Eltern mit einer Lehrkraft im Gespräch sind, durchlaufen jeweils vier Kinder einen Bewegungsparcours, der in eine kleine Geschichte eingebettet ist. Dabei zeigt sich nicht nur, wie aufmerksam die Kinder zuhören und ob sie sich an das Gehörte erinnern können. Die verschiedenen Stationen geben auch Aufschluss über motorische Fähigkeiten, Wahrnehmung und Handlungsplanung. Begleitet wird jedes Kind von einer Fachperson aus dem interdisziplinären Team der Schule: Lehrkräfte, Logopädin, Heileurythmistin, Musiktherapeutin, Kunsttherapeutin, Physiotherapeutin und Schularzt. Sie beobachten die Kinder während des gesamten Parcours und halten ihre Eindrücke anhand eines strukturierten Beobachtungsbogens fest.
Einige der bereits vorausgewählten Kinder mit Förderbedarf werden nochmals zur Vierergruppe im Parcours eingeladen. Auf diese Weise können die Beobachtenden erleben, wie die Kinder miteinander in Kontakt treten, aufeinander reagieren und sich innerhalb einer Gruppe orientieren.
Körperliche Reife als Anzeiger
Bei der Beurteilung, ob ein Kind schulreif ist, achtet Kux besonders auf die körperlichen Reifezeichen. Das wohl bekannteste innerhalb der Waldorfpädagogik ist der Zahnwechsel. Nach dem anthroposophischen Verständnis begleitet er unter anderem den Übergang vom ersten zum zweiten Jahrsiebt und damit den Beginn einer neuen Entwicklungsphase. Kräfte, die bislang vor allem dem Aufbau des Körpers dienten, werden mit dem Durchbruch der härtesten Substanz, den bleibenden Zähnen, nun frei für Lernen, Abstraktionsvermögen und bewusstes Arbeiten. «Hier geht es weniger darum, dass da schon viele Zähne nachgekommen sind. Ein Wackelzahn reicht mir», sagt Kux. Außerdem dürfe man auch nicht vergessen, dass zwischen dem Zeitpunkt der Beurteilung und der Einschulung zumeist noch ein halbes Jahr liege, in dem sich noch viel entwickeln könne. «Der Zahnwechsel darf deshalb nie das einzige Kriterium für Schulreife sein», mahnt er.
Weitere Hinweise auf körperliche Reifung sind für ihn das Verschwinden der kleinkindlichen Fettpölsterchen an den Händen, die Streckung von Wirbelsäule und Hals sowie die Ausbildung der Taille. Insgesamt verliert der Körper seine eher kompakte, kleinkindhafte Form und wirkt gestreckter. Auch der Blick verändert sich: Er richtet sich stärker nach außen, sucht das Gegenüber und zeigt ein wachsendes Interesse am anderen Menschen.
Im Parcours beobachten die Fachkräfte darüber hinaus, wie weit grundlegende Sinne wie Tast-, Gleichgewichts-, Bewegungs- und Lebenssinn entwickelt sind. Sie zählen in der Anthroposophie zu den sogenannten Körpersinnen, die sich vor allem in den ersten sieben Lebensjahren ausbilden. Sind sie ausgereift, ist auch das ein Zeichen für das Freiwerden des Ätherleibs, der Kräfte für Lernen und Abstraktionsvermögen zur Verfügung stellt. Sichtbar wird dies beispielsweise in Aufgaben, bei denen die Kinder Überkreuzungen zeichnen oder unvollständige Formen ergänzen. Diese Übungen sind ebenfalls Teil des Aufnahmeverfahrens.
Zwischen Erfahrung und Forschung
Ein Gespür für das schulreife Kind entwickelt sich nach Kux aber auch durch Erfahrung. Wie sieht so ein Kind in der ersten Klasse aus? Wie groß ist es? Was hat es für Merkmale? «Da muss man einfach viele Kinder gesehen haben, um ein Gefühl für eine Erstklasssituation zu bekommen», sagt er. Die beschriebenen Methoden beruhen jedoch nicht allein auf medizinischer und pädagogischer Erfahrung. Kux verweist auf die ikidS-Waldorf-Studie der Universität Mainz, die eine empirische Grundlage für den Zusammenhang von körperlichen Entwicklungsmerkmalen und psychosozialen Faktoren zum Zeitpunkt der Einschulung sowie dem späteren Gesundheitszustand, Lern- und Schulerfolg der Kinder liefert.
Bei Kindern mit diagnostiziertem Förderbedarf greifen die genannten Kriterien nicht automatisch, da Entwicklungsstörungen oder -verzögerungen bereits bekannt sind und beachtet werden müssen oder auch als Teilaspekt einer körperlichen, seelischen oder kognitiven Behinderung vorliegen können. Im Fokus steht deshalb die Frage, wie Eltern und Schule gemeinsam Bedingungen schaffen können, die das Kind bestmöglich in seiner individuellen Entwicklung unterstützen.
Die Rolle der Eltern
Fachlehrerin Anne Peters begleitet den Aufnahmeprozess in der Karl Schubert Schule seit vielen Jahren. Für sie geht es dabei vor allem darum, das Kind möglichst umfassend wahrzunehmen. Kann es aufmerksam einer Geschichte folgen? Inwieweit ist es bereit, die Lehrkraft nachzuahmen, zum Beispiel beim Laufen auf den Zehenspitzen oder Hacken? Macht es die Bewegung nach oder kommt es durcheinander, wenn sich der Rhythmus verändert? Traut es sich, auf einem Bänkchen zu balancieren oder sucht es die Hand eines Erwachsenen? Bleibt es zunächst im Betrachten der unbekannten Situation? «So ein Verhalten kann soziale Unsicherheit ausdrücken, aber auch einen Hinweis auf das Wesen des Menschen geben. Deshalb müssen wir sehr differenziert hinschauen und immer das Gesamtbild betrachten», erklärt Peters. Zu diesem Gesamtbild gehört auch das Elternhaus. «Als freie Schule brauchen wir Eltern, die unsere Pädagogik mittragen», betont sie. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Thema Mediennutzung. Ihrer Erfahrung nach werden die tatsächlichen Mediengewohnheiten im Aufnahmegespräch nicht immer offen angesprochen. «Das ist schwierig. Denn wenn Kinder bereits stark von animierten Bildern aus Serien und Videos geprägt sind, fällt es ihnen oft schwerer, eigene innere Bilder aufzubauen. Dadurch kann unsere Pädagogik weniger wirksam werden.» Auch der Anspruch an rasche Lernerfolge ist für den Ansatz in der Waldorfschule hinderlich: «Natürlich lernen die Kinder Rechnen, Schreiben und vieles mehr. Aber es geht ebenso um das Lernen in und an der Gemeinschaft.»
Die Klasse als Gemeinschaft
Der Weg in diese Gemeinschaft beginnt mit der Schulaufnahme. Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Kinder aufzunehmen, sondern den Ort zu finden, an dem sie sich bestmöglich entwickeln können. «Wenn wir merken, dass ein Kind in unserer Klasse mit seinen Bedürfnissen nicht gut aufgehoben wäre und wir ihm nicht gerecht werden können, nehmen wir es nicht auf», sagt die Kasseler Lehrerin Katia Hornemann. Bisweilen wird aber auch ein Kind aufgenommen, das vielleicht noch keinen Wackelzahn hat, von den Pädagog:innen aber dennoch als Teil der entstehenden Klasse wahrgenommen wird. «Neben allen beobachtbaren Kriterien betrachten wir eine Klasse letztlich auch als Schicksalsgemeinschaft», sagt Johannes Kux. Für Anne Peters zeigt sich gerade darin der eigentliche Bildungsauftrag von Schule: «Hier lernen wir, uns aneinander die Hörner abzustoßen, Konflikte auszutragen und zu erkennen: Der andere Mensch ist anders, aber genauso viel wert wie ich.»
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