Anthroposophie in der Kritik

Von Jost Schieren, April 2022

Ein Merkmal, das allenthalben die Corona-Zeit prägt, sind die Klüfte, Gräben und Spaltungen, die sich durch die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen ziehen. Das Vokabular ist schon in der Titulierung hart und unbeugsam. Es ist von (Corona-)Leugnern, (Maßnahmen-)Gegnern und (Impf-)Verweigerern die Rede. Der an sich friedlich-unbelastete Begriff vom »Spaziergänger« und auch die bis dato eher positiv konnotierte Bezeichnung »Querdenken« sind zu Euphemismen einer Protestbewegung mutiert.

Foto: © Hauninho / photocase.de

Differenzierungen sind unerwünscht, die Schablonen des Pro und Contra, ein reduktionistisch verfälschendes Schwarz-Weiß-Denken bestimmen die öffentliche Debatte. Je weiter die Belastungen der Pandemie voranschreiten, desto härter und unversöhnlicher sind die Diskurse geworden. Mittendrin, gewissenmaßen als identifizierte Inspirationsquelle und spiritus rector der Kritik an den Corona-Maßnahmen, wird die Anthroposophie apostrophiert und mit ihr als Hort des Widerstandsgeistes die Lebensfelder der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, der anthroposophischen Medizin und der Waldorfpädagogik. Die in Basel erschienene Nachtwey-Studie, die nach eigener Aussage keinen repräsentativen Anspruch erhebt, wird von den öffentlichen Medien unisono als Beleg dafür zitiert, dass der Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen insbesondere im deutschsprachigen Raum wegen der Anthroposophie so groß sei. Dabei wird außer Acht gelassen, wie zahlenmäßig gering der Einfluss der Anthroposoph:innen und anthroposophie-affinen Menschen in Deutschland ist. Noch nicht einmal ein Prozent aller Schüler:innen besuchen in Deutschland eine Waldorfschule. – Als weitere kulturell-ideologische Quelle der Maßnahmenkritik wird auch die Romantik herangezogen. Solche unzulänglichen und pauschalen Zuschreibungen erinnern an eine mittelalterliche Hexenjagd. Wo Not und Unzufriedenheit herrschen, muss eine Schuldzuschreibung erfolgen. Und weil der Mainstream unangreifbar ist, müssen Randgruppen dafür herhalten. Auch bleibt unbeachtet, dass in vielen anderen Ländern – wie Frankreich, den USA und besonders auch in Kanada – zum Teil heftige Coronamaßnahmenproteste aufkommen. Kann das auch dem Einfluss der Romantik und der Anthroposophie zugeschrieben werden? Wohl kaum! Deutlich wahrnehmbar sind rechte und nationalistische Töne, die sich in die Proteste mischen. Aber auch dafür muss die Anthroposophie herhalten, deren Vertreter allerdings traditionell eher links-liberal angesiedelt sind. Da passen der Rudolf Steiner unterstellte Rassismus und Antisemitismus gut ins Bild. Man kann wohl mit etwas Zynismus behaupten: Noch nie war die Anthroposophie so prominent wie heute. 

Radikalisierung der Kritik

Stil und Zielrichtung der Kritik gegen Rudolf Steiner und die Anthroposophie haben sich in den vergangenen zwei Jahren deutlich verschärft, es hat eine Radikalisierung der Anthroposophiekritik stattgefunden. Radikale Kritiker:innen gab es schon immer: Die Brüder Guido und Michael Grandt haben mit ihrem »Schwarzbuch Anthroposophie« aus dem Jahr 1997 einen Rundumschlag geleistet und Jutta Ditfurth hat in ihrem Buch »Entspannt in die Barbarei. Esoterik, (Öko-)Faschismus und Biozentrismus« (1996) ähnliche Schimpftiraden verbreitet. Die öffentliche Reaktion darauf war aber jeweils mäßig, da die unsachlichen, fehlerhaften und absichtgeleiteten Darstellungen kaum überzeugen konnten.

Daneben gab es immer schon sachlich ernstzunehmende Kritiker, die zwar scharf und klar, zuweilen etwas überzogen und pointenbemüht, aber nur selten unfair und nie vernichtungswillig aufgetreten sind. Der Waldorfkritiker Heiner Ullrich bemängelt die (Un-)Wissenschaftlichkeit der Anthroposophie, Ansgar Martins (in letzter Zeit etwas populistischer) setzt sich mit Rassismus und Antisemitismus bei Steiner auseinander und befürchtet auf dieser Grundlage eine Rechtslastigkeit. Zudem moniert er die naive Zwergen- und Engel-Esoterik bei Anthroposoph:innen. Wortgewandt, detaillreich und literaturkundig, dabei immer etwas provokativ zuspitzend, dekonstruiert Helmut Zander den Heiligenstatus Rudolf Steiners. Solche Kritiken, auch wenn sie zuweilen schmerzen, sind sinnvoll und gut und zudem heilsam, wenn sich die Anthroposoph:innen ihnen stellen. Die genannten Kritiker sind dialogwillig und -fähig. Eine Auseinandersetzung mit ihnen, ein produktiver Diskurs ist möglich und hilft, allzu bekannte sektenartige Tendenzen in der anthroposophischen Bewegung anzuschauen und eine naive Wissenschaftsabstinenz zu überwinden. Letztlich haben diese Kritiker der öffentlichen Rezeption von Anthroposophie und Waldorfpädagogik mehr geholfen als geschadet, denn damit ist ein Stück weit Normalität in die öffentliche Debatte gekommen. Eine devotionale Steiner-Rezeption, die noch in den Siebziger-und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts anthroposophie-intern salonfähig gewesen ist, hat heute zurecht ihren Platz verloren.

Seit der Coronapandemie hat sich allerdings der Tonfall geändert. Das ist zum einen der bereits angeführten Polarisierungstendenz rund um Corona geschuldet, zum anderen hängt es unumkehrbar mit der inzwischen präsenten uneingeschränkten Öffentlichkeit des Internets und der Social-Media-Welt zusammen. Was früher allein an Stammtischen oder privat verhandelt wurde, tritt heute in die breite Öffentlichkeit. Es gab früher so etwas, wie eine qualifizierte Öffentlichkeit. Heute eröffnet das Internet demgegenüber eine niedrigschwellige Öffentlichkeit. Die private Meinung, die jedem zugestanden sei, wird damit zugleich in der Breite wirksam. Ähnlich, wie sich nicht jeder als Arzt oder Mediziner bezeichnen kann, bedurfte es früher einer gewissen journalistischen Qualifikation, um publizieren zu können. Nur so wurden Artikel oder Berichte von Zeitschriften oder vom Fernsehen angenommen. Heute schaffen es Social Media und Aufklärungsberichte im Fernsehen, dass jede private Meinung eine breite Wirkung erzeugen kann. Das ist eine Art Demokratisierung der Öffentlichkeit und sicherlich sinnvoll, wie »WikiLeaks« und andere Formate zeigen. Sachliche Richtigkeit und differenzierte Sichtweisen fallen allerdings manchen Darstellungen zum Opfer. Zwar spricht man zurecht von Internet-Trollen, zu denen bezüglich der Anthroposophie Andreas Lichte zählt, aber Blogger wie Oliver Rautenberg werden inzwischen für einen Publikums-Award für publizistische Tätigkeit im Internet vorgeschlagen und zum Stichwortgeber für aufklärerische Satiresendungen. Es ist auf diese Weise in der Öffentlichkeit das Zerrbild einer wissenschaftsfeindlichen und rassistisch-rechten, beinahe psychopathologisch verdächtigen Anthroposophie-Ideologie entstanden. Insofern muss insbesondere Oliver Rautenberg Respekt vor seinem Einfluss gezollt werden. Das Ziel dieser Kampagne ist insofern radikal, als es hier nicht mehr nur um eine an sich wünschenswerte Debatte und um offene Diskurse geht, sondern um eine regelrechte Vernichtung der Anthroposophie und ihrer Lebensfelder. Anthroposoph:innen gelten nicht mehr nur als harmlos naiv, sondern neuerdings als gefährlich. Waldorfschulen werden zum Hort von Querdenker:innen deklariert, unterstützt von maskenbefreiungswilligen Ärzt:innen. Es gibt die klare Absicht, Homöopathie und Waldorfschulen wenn nicht zu verbieten, so doch von allen öffentlichen Finanzierungssystemen auszuschließen.

Wissenschaftsanspruch

Faktisch treffen die meisten Vorwürfe nicht zu. Die Anthroposophie ist nicht rechtslastig. Rudolf Steiner war kein Rassist und kein Antisemit. Die von ihm vertretene Geisteswissenschaft stellt sich in aller Konsequenz dem Forum der Wissenschaft. Seine esoterischen Aussagen erheben keinen Wahrheitsanspruch, sondern sind heuristisch als Annahmen zu verstehen. Alle seine Darstellungen harren, auch in seinem Selbstverständnis, darauf, einer rational-wissenschaftlichen Überprüfung unterzogen zu werden. Selbst wenn in den meist frei gehaltenen Vorträgen Rudolf Steiners zahlreiche Aussagen enthalten sind, die diese Wissenschaftsorientierung nicht immer scharf herausstellen, und auch wenn zahlreiche Aussagen Steiners eine Zumutung an etablierte rationale Kategorien und Denkformen bedeuten, so ist die Anthroposophie als Ganze wissenschaftlich angelegt. Steiners eigene Wissenschaftskritik ist auf einen einseitigen materialistischen Reduktionismus, nicht aber auf die wissenschaftliche Methode an sich ausgerichtet. Diese Wissenschaftsform der Anthroposophie zu begründen ist zweifellos sehr schwer und nicht in Gänze gelungen. Hier liegt die große Aufgabe der Nachwelt und insbesondere der Lebensfelder der Anthroposophie, eine wissenschaftliche Diskussion und mögliche Kompatibilität von Waldorfpädagogik, anthroposophischer Medizin und biologisch-dynamischer Landwirtschaft durch fortgesetzte Forschung herauszuarbeiten.

Rassismus und Antisemitismus

Was die Rassismus- und Antisemitismus-Vorwürfe angeht, so ist festzuhalten, dass Rudolf Steiner in wenigen, allerdings sehr schwachen und schlichtweg schlechten Passagen seines Werks – als ein vielleicht tragisches Kolonialismuserbe oder auch als ein überhöht am deutschen Idealismus anknüpfendes Menschenbild – einen absolut inakzeptablen eurozentrischen Kulturchauvinismus vorträgt. Hiervon haben sich inzwischen – und das ist ein gutes Beispiel für die fruchtbare Kritik von außen – alle offiziellen anthroposophischen Einrichtungen distanziert. Dazu zählen insbesondere der Bund der Freien Waldorfschulen in Deutschland (Stuttgarter Erklärung) und auch die Anthroposophische Gesellschaft (siehe auch den Beitrag der Goetheanum-Leitung zu »Anthroposophie und Rassismus«). Der Begriff »Rasse« hat in Steiners Werk eine allein historisch-ethnologische Dimension. Kritik am Judentum und auch die inhaltlich starke Bewertung des Christentums gegenüber anderen Religionen bei Rudolf Steiner haben eine inhaltlich-kulturelle, aber niemals eine politisch-absichtsvolle oder gar -exekutive Funktion. Im Kern der Anthroposophie geht es um einen tiefen Humanismus, der jeden Menschen als eine um Freiheit ringende Individualität begreift. Alle Lebensfelder dienen dazu, diese Freiheitsentwicklung und Selbstbestimmungsfähigkeit des Individuums zu stärken und zu unterstützen. Freiheit, Nächstenliebe und soziale Verantwortung für ein friedliches Zusammenleben aller Menschen ungeachtet von Nationalität, Geschlecht, Religion und politischer Überzeugung sind die Kernideale, für die die Anthroposophie steht.

Ohne Zweifel gibt es auch unter den Anthroposoph:innen – wie übrigens überall in unserer postmodernen Gesellschaft – eine »neue Rechte«, die als solche in ihren Protagonist:innen (Beispiele: Axel Burkart, Martin Barkhoff, Caroline Sommerfeld-Lethen, Thomas Meyer) und auch Publikationsorten leicht identifizierbar ist. Für deren krude Argumentation muss Steiners Esoterik herhalten. Aber wenn seitens mancher Kritiker:innen und auch in der öffentlichen Meinung dafür die ganze Anthroposophie herangezogen werden soll, dann ist es so, wie wenn man den Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche und dessen systemisch nicht konsequent erfolgende Aufarbeitung sowie die patriarchalen Strukturen der katholischen Kirche und auch ihre systemische Frauenfeindlichkeit zugleich auf das Christentum übertragen würde. Es ist sogar noch tiefergehend: Wie angeführt ist es sehr offensichtlich und erfreulich, dass die Anthroposophie als System und auch in ihrer öffentlichen Repräsentanz demokratisch und humanistisch aufgestellt ist. Das insbesondere von Rautenberg bemühte verschwörungstheoretische Zerrbild einer sektenartigen Parallelgesellschaft existiert vorwiegend in seinem Kopf und verschafft ihm eine tragische Popularität in den derzeit recht unkritischen öffentlichen Medien.

Auch gibt es einige  Persönlichkeiten im anthroposophischen Kontext und in den angeschlossenen Lebensfeldern, die durch ihr Auftreten, Reden und Handeln eine zeitgemäß bewusste und reflektierte, wissenschaftlich perspektivierte und validierte Argumentationsform vermissen lassen und eher zu einer metaphysisch-esoterischen Offenbarungshaltung neigen und diese auch zuweilen vehement ideologisch vertreten. Aber dies sind nur einzelne Beispiele, die vielleicht wegen ihrer skurrilen Unzeitgemäßheit auffällig sind, die aber nicht die anthroposophische Bewegung und nicht deren offizielle Institutionen vertreten. Diese treten nach innen und außen transparent auf, sind demokratisch legitimiert und öffnen sich dialogisch auch einer kritischen Sicht auf die Anthroposophie.

Wissenschaftsform

Und dennoch: Auf den Autobahnen der Wissenschaft kommt die Anthroposophie nur langsam voran. Das ist durchaus auch infrastrukturell, institutionell und nicht zuletzt auch finanziell gemeint. Rationale Mystik und wissenschaftliche Esoterik sind für das moderne Bewusstsein eklatante Widersprüche und kaum zu verdauende Begriffe. Die wissenschaftlichen Pfade müssen erst geschlagen werden, sind mühselig und – wie in der Wissenschaft üblich – irrtumsanfällig. Jeder offene, transparente Diskurs ist hier willkommen, jeder Blick von außen, jeder substantielle Widerspruch ist unverzichtbar. Eine anthroposophie-intern über lange Jahre gepflegte Abgrenzungsrhetorik ist unfruchtbar. Das beginnt langsam zu dämmern und ist insbesondere auf Basis des seit 2013 bestehenden Publikationsprojekts »Rudolf Steiner: Schriften: Kritische Ausgabe« (SKA) von Christian Clement, in dem erstmalig die grundlegenden Schriften Steiners textkritisch aufgearbeitet werden, auch in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit angekommen. Der Weg wird aber auch weiterhin mühselig sein. Eine wissenschaftliche Begründung und Validierung der Anthroposophie liegt in weiter Ferne. Strategisch gesehen ist es da ratsam, nicht gleich das dickste Brett zu bohren, sondern den Fokus auf das Leistbare zu legen. Zuvörderst muss nicht die Anthroposophie als Wissenschaft etabliert werden, aber sie kann souverän und stark wissenschaftlich untersucht werden. Das ist mit der Entstehung der Theologie oder auch einer Literaturwissenschaft zu vergleichen. Denn auch die Theologie erklärt ja nicht das Christentum zur Wissenschaft und auch die Literaturwissenschaft lässt die Literatur als Kunst bestehen. Es geht aber darum, dass ein Gegenstand wissenschaftlich behandelt werden kann. Das heißt im Falle der Anthroposophie, dass sie sprachlich und begrifflich modern und scharf gefasst wird, dass sie hermeneutisch-kritisch mit einem gewissen Systematisierungsanspruch durchleuchtet wird und dass sie sinnvoll kontextualisiert und auch abgegrenzt wird. Traditionell eingestellte Anthroposoph:innen werden ein solches Vorgehen nicht gutheißen, da ihrer Meinung nach dabei der Kern der Anthroposophie gar nicht erfasst wird bzw. verloren gehen kann. Ein solches Vorgehen würde ihrem Gegenstand nicht gerecht. So wenig eine Theologie in der Lage sei, das Mysterium des Christentums zu begreifen, so wenig könne eine rationale Wissenschaft den Kern der Anthroposophie erfassen. Mit solchen Fragestellungen und Bewertungen ist man aber schon mitten in einer Art scholastischer Debatte, mit der auch die Theologie zunächst angehoben hat. Deshalb lohnt es sich, hier weiterzugehen und eigene Pfade zu beschreiten.

Dabei ist es richtig, dass sich der tiefere Kern der Anthroposophie tatsächlich schwer mit dem heutigen Methodeninventar der Wissenschaft begreifen lässt. Das hängt mit der Subjekt-Objekt-Differenzierung des auf Descartes zurückgehenden Wissenschaftsbegriffs zusammen. Wissenschaft funktioniert demnach umso besser, je mehr es gelingt, das Subjekt aus dem wissenschaftlichen Prozess herauszuhalten, es zu eliminieren und eine möglichst neutrale Auffassung zu gewährleisten. Auch wenn dies, wie Heisenberg in seinen quantenphysikalischen Forschungen beschreibt, kaum möglich ist, da schon die Beobachtung des Subjekts das Feld des Objekts beeinflusse, so wird an dem wissenschaftlichen Ideal einer verobjektivierten Welt festgehalten. Steiners Wissenschaftsverständnis ist anders gelagert. Er bringt das denkende Subjekt ins Spiel. Ein Grundanliegen Steiners ist die Überwindung des naiven Realismus, der eine außerhalb des denkenden Bewusstseins unabhängig davon existierende objektive Welt vorstellt. Der Gedanke des Konstruktivismus, dass das Subjekt beim Zustandekommen von Wirklichkeit anwesend ist, hat für Steiner eine essenzielle Bedeutung. Allerdings folgert Steiner – anders als der Konstruktivismus – aus der Anwesenheit des Subjekts beim Zustandekommen von Wirklichkeit nicht zugleich auf deren nur subjektive Bedeutung. Das hängt mit Steiners Denk-Begriff zusammen. Auch wenn aus dem individuellen Denk-Akt durchaus subjektive Meinungen und Behauptungen hervorgehen, die irrtumsanfällig sind, so ist das Denken in Steiners Sinne übersubjektiv und überobjektiv. Das Subjekt gibt sich im Denken als Denkendes seine eigene Bestimmung. Es tritt dabei in einen Bereich gültiger ontologischer Ideen ein, die sowohl das Subjekt als auch die Objekte der Welt konstituieren. Im Denken kann das Subjekt im Sinne einer Selbstqualifizierung an einer objektiven geistigen Sphäre partizipieren. Diese Qualifizierung fußt allerdings auf einem Schulungsweg, der durch das Subjekt beschritten wird. Es hat dann Erfahrungen, die so real sind, wie die Erfahrungen der sinnlichen Erfahrungswelt. So wie ein Baum von mehreren Menschen mit Augen gesehen werden kann, so können die so genannten höheren Erfahrungen, von denen Rudolf Steiner spricht, von denjenigen Menschen gemacht werden, die sich dafür qualifiziert haben. Wegen dieser Selbstgebungs- und Erzeugungsleistung eines spirituellen wissenschaftlichen Bewusstseins im Sinne Rudolf Steiners können die Inhalte der Anthroposophie nicht von außen ohne Zutun des Bewusstseins aufgefasst werden. Sie zeigen sich allein dem durch Schulung erweiterten und entwickelten Bewusstseins. Wenn in anthroposophischen und außeranthroposophischen Kontexten nun über anthroposophische Inhalte räsoniert wird, so geschieht dies gewöhnlich aus dem normalen Bewusstsein heraus und es wird über esoterische Inhalte (z. B. Reinkarnation) so gesprochen, als lägen sie in der Welt vor wie Bäume, die mit den Augen gesehen werden können. Das ist ein Missverständnis, das auch anthroposophie-intern ein großes Ideologierisiko in sich birgt.

Waldorfpädagogik

Allerdings stellt sich für die Lebensfelder der Anthroposophie (Waldorfpädagogik, anthroposophische Medizin, und die biologisch-dynamische Landwirtschaft) die Situation anders dar. Während die Anthroposophie als solche als methodischer Schulungsweg zu verstehen ist und mehr oder minder als private Anschauung mit existenzieller Sinndimension und hohem Erbauungspotenzial aufgefasst werden kann, so sind demgegenüber diese Lebensfelder Teil einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung. Hier zählt nicht die persönliche Meinung oder das erhabene religiöse Gefühl. Fortwährende wissenschaftliche Untersuchung, Begründung und Rechtfertigung sind schlichtweg unabdingbar. Mit Blick auf die Waldorfpädagogik, die hier näher angeschaut werden soll, ist dazu in den vergangenen zwanzig Jahren vieles geleistet worden. Bis zum Ende des letzten Jahrhunderts eher informell arbeitende Lehrer:innenbildungsinitiativen sind durchweg akademisch fortentwickelt worden. Es gibt inzwischen deutschland- und weltweit zahlreiche BA-, MA- und PHD-Studiengänge, die offiziell von der scientific community akkreditiert und evaluiert werden. Es ist den bahnbrechenden Verdiensten des jüngst Verstorbenen Dirk Randoll und auch vielen weiteren Forscher:innen zu verdanken, dass die Waldorfpädagogik in ihrer Substanz vielfältig empirisch untersucht worden ist. Die empirische Forschung ist die harte Währung der gegenwärtigen Wissenschaft, und gerade sie stellt der Waldorfpädagogik ein exzellentes Zeugnis aus sowohl bezüglich der Schüler:innen- und Elternzufriedenheit als auch hinsichtlich der Schulnoten und vor allem der biografisch nachhaltigen Schulerfolge. Heiner Ullrich bezeichnete einmal die Waldorfpädagogik als die inzwischen bestbeforschte Alternativpädagogik. Auch die hermeneutisch-kritische Aufarbeitung der Waldorfpädagogik im Kontext der Erziehungswissenschaft hat inzwischen ein neues begriffliches Inventar und neue Argumentationsformen entwickelt, die an die Diskurse der Erziehungswissenschaft angeschlossen werden können, d. h. dass Übereinstimmungen, aber selbstverständlich auch Divergenzen sichtbar werden.

Esoterikproblem

Es kommt noch etwas hinzu: Vielfach wird angenommen, die Waldorfpädagogik sei unwissenschaftlich, mystisch und esoterisch. Um dies zu begründen, werden weite Passagen aus Steiners anthroposophischem Vortragswerk herangezogen und als sonst nicht offen zutage tretender okkulter Hintergrund der Waldorfpädagogik gedeutet. Dies ist vor allem die Argumentation von Heiner Ullrich, Helmut Zander und Ansgar Martins. Und zahlreiche anthroposophische und waldorfpädagogische Sekundärschriften scheinen diesen Interpretationsansatz leider zu stützen. Demgegenüber ist es auffällig, dass Rudolf Steiner in seinen pädagogischen Vorträgen, (den grünen Bänden der Gesamtausgabe) die weiten Themen- und Denkhorizonte der allgemeinen Anthroposophie gar nicht auftreten lässt. Substanziell für die Anthroposophie sind Kosmologie (eine geistige Evolutionslehre von Mensch und Welt), Christologie (Steiner sieht im Christentum ein Zentralelement der Kulturentwicklung), Engel- bzw. Hierarchienlehre und die inhaltlich sehr differenzierte Lehre von Reinkarnation und Karma. Alle diese Inhalte werden seitens Steiner aber kaum bis gar nicht für die Waldorfpädagogik veranschlagt. Es ist in diesem Zusammenhang gerade interessant, was Steiner nicht gesagt hat. Er wollte die Waldorfpädagogik nicht als verlängerten Missionsarm der Anthroposophie in die Welt stellen, wie Helmut Zander vermutet. Im Gegenteil: Die Anthroposophie hat in der Waldorfpädagogik eine rein methodische Funktion. Sie ist kein Selbstzweck, sondern lediglich Mittel zum Zweck. Sie soll helfen, durch menschenkundliche Betrachtungen die Kinder und Jugendlichen in ihrer Entwicklung besser zu verstehen. Epistemologie, Anthropologie und Psychologie sind die zentralen Merkmale der Waldorfpädagogik. Hinzu kommt der individuelle (durchaus auch esoterische) Schulungsweg der Lehrer:innen, wodurch in Steiners Sicht erst eine pädagogische Qualifizierung möglich ist. Reinkarnation und Karma haben demgegenüber keine substanziell inhaltliche Bedeutung, sondern dienen als gedankliche Rahmung, um das freiheitliche Selbstbestimmungspotenzial, das der Ich-Entwicklung der Kinder und Jugendlichen in Steiners Perspektive innewohnt, argumentativ und pädagogisch zu stützen. Diese deutliche – man kann sagen – Esoterikabstinenz in der Waldorfpädagogik macht es ihr leichter, sich auf dem wissenschaftlichen Feld zu bewegen, als es in anderen Bereichen der Fall ist, bspw. in der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, die ohne eine konkrete Kosmologie nicht denkbar ist.

Resümee

Anthroposophie und Waldorfpädagogik erfahren eine heftige Welle der Kritik. Sie stehen damit aber auch zugleich in einem deutlichen Fokus der Aufmerksamkeit und es werden ihnen – zu Recht oder zu Unrecht – substanzielle gesellschaftliche Einflüsse zugebilligt. Dieser Aufmerksamkeits- und Diskurszuwachs kann auch als Chance betrachtet werden, das öffentliche verfälschte Bild einer antimodernen sektenartigen Gruppierung zu korrigieren und nach innen an der wissenschaftlichen Validierung des einzigartigen humanistisch-ökologischen Impulses der Anthroposophie qualifizierend zu arbeiten.

Die Druckfasung dieses Textes erscheint in der Osterausgabe 2022 der Zeitschrift "Anthroposophie", eine gekürzte Fassung erschien am 1. April 2022 in der Erziehungskunst.

Prof. Dr. Jost Schieren, geb. 1963 in Duisburg. Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Bochum und Essen. Gaststudium in Ann Arbor (Michigan, USA). 1997 Promotion in Philosophie. Von 1996–2006 Deutschlehrer an der Rudolf-Steiner-Schule Dortmund. Von 2004–2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Paderborn. Seit 2008 Professor für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Waldorfpädagogik und Dekan des Fachbereiches Bildungswissenschaft an der Alanus-Hochschule in Alfter bei Bonn.

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