Aus dem Tagebuch des Emil Wasserroth

Von Anna Schlereth, April 2010

Nicht jedes unbeschriebene Blatt ist leer.

Ich bin 28 Jahre alt, habe normale, braune Haare und grüne Augen. Trotzdem sagte mir meine Mama schon immer, dass ich ein besonderer Mensch bin.

Früher habe ich mich manchmal vor den Spiegel gestellt und mich mit anderen Kindern verglichen, aber ich habe nie etwas Besonderes an mir bemerkt. Ich habe keine besonders große Nase oder mehr Arme als andere oder so.

Heute verstehe ich, dass meine Mama mit dem Besonderen meine Lebensweise, meine Gedanken und meine Aufnahme von Dingen gemeint hat. Etwas, was in meinem Kopf vor sich geht, ohne dass man es mir von außen anmerkt. Dass man mir nicht anmerkt, dass ich besonders bin, führt manchmal zu merkwürdigen Situationen. Die Leute werden deswegen ärgerlich, lachen oder ich bekomme komische Blicke zugeworfen.

Eine seltsame Situation ereignete sich vor zwei Tagen und dreieinhalb Stunden, als ich, wie jeden Montag, mit dem Bus um 18.12 Uhr von der Brückenstraße nach Hause fuhr. Ich hatte mich auf einen der grünen Sitze gesetzt. Ein Fensterplatz. Als der Bus um 18.30 Uhr am Hallenbad hielt, stieg ein älterer Mann in den Bus und setzte sich neben mich. Eigentlich habe ich Gesellschaft ja gerne, aber gerade war ich dabei, mir zu überlegen, was ich mir heute Abend zu Essen machen würde, und dabei störte mich der Mann etwas.

Einige Zeit saßen wir stumm nebeneinander im Bus. Ich überlegte mir weiterhin, was ich kochen würde – aber ich wurde immer wieder abgelenkt, da ich schnelle Blicke auf meinen Nachbarn werfen musste: Er hatte so eine interessante Hose an, sie war braun und alle zwei Fingerbreit waren hellbraune Streifen durch den Stoff gezogen. Plötzlich sagte er etwas zu mir. Ich bin erst mal ganz schön erschrocken, aber dann fragte ich höflich: »Wie bitte?«. »Ich habe gesehen, dass sie eine Uhr haben, könnten sie so nett sein und mal auf ihre Uhr schauen?«, fragte der Mann.

Was dachte der sich denn? Natürlich kann ich auf meine Uhr schauen, sonst würde ich doch keine tragen. Ich könnte sie ja auch gar nicht an- und ablegen, könnte ich sie nicht anschauen. Das waren meine ersten beiden Gedanken.

Da mich der Mann jedoch, nachdem ich genickt hatte, immer noch anschaute, als erwartete er einen Beweis, schob ich den Ärmel meines grünen Hemdes zurück, hob meinen Arm etwas und schaute auf  meine Uhr, um ihm den gewünschten Beweis zu liefern. Ich dachte, ich warte so lange, bis der Sekundenzeiger von der zwei bis zur neun braucht. Dann ließ ich den Arm wieder sinken und sah den Mann an. Der schaute mich jedoch immer noch erwartungsvoll an. Ihm war der Beweis wohl noch nicht genug und so wiederholte ich meine Handlung. Nun wartete ich, bis der Sekundenzeiger zweimal an der neun vorbeigetickt war. »Ja und, wie viel Uhr ist es?« Der Mann klang etwas genervt, als er das sagte und plötzlich verstand ich, dass er gar nicht wissen wollte, ob ich auf meine Uhr schauen kann, obwohl er genau das gefragt hatte, sondern, dass ich ihm die Zeit sagte, was er nicht genau gesagt hatte. Aber das konnte ich doch nicht wissen.

Die nicht besonderen Menschen denken oft so verquer und das macht es mir manchmal schwer, mich mit ihnen zu verständigen.

Ich weiß nicht, ob es vielleicht daran liegt, dass sie wissen, dass ich besonders bin und es ihnen deswegen peinlich ist bzw. sie nicht den Mut haben, mich direkt anzusprechen und mir zu sagen, was sie gerne hätten, das ich täte. Dabei brauchen sie wirklich keine Angst vor mir zu haben, ich habe noch nie jemandem etwas getan! Außer einmal der Fliege in Mamas Küche. Ich erwischte sie mit einer Zeitung. Aber auch sie hat es überlebt. Und wie ich ja schon gesagt habe, habe ich Menschen und Gesellschaft sehr gerne, wenn sie mich nicht von anderen Dingen ablenken, die gerade meine ganze Konzentration verlangen, wie z. B. im Bus mein Abendessen. Oft finden solche unpassenden Begegnungen statt, wenn ich gerade dabei bin, aufzuräumen. Als ich einmal Mama sagte, dass mich die Menschen immer beim Aufräumen stören, sagte sie, das läge wohl daran, dass ich immer aufräumen würde. Aber das stimmt doch gar nicht! Ich mag es einfach nicht, wenn etwas unaufgeräumt ist. Eines der schrecklichsten Dinge ist, wenn der grüne Pulli mit der großen Kaputze nicht auf dem T-Shirt mit dem Aufdruck DON’T WORRY, BE HAPPY, liegt.

Aber das verstehen so viele Leute nicht. Auch nicht Torsten, der mit mir zusammenwohnt. Zum Glück habe ich ein eigenes Zimmer und sonst ist Torsten ja auch wirklich ein netter Kerl. Er ist übrigens auch ein besonderer Mensch. Auch so von seinem Kopf her. Außerdem hat er sehr besondere Haare. Sie sind rot und stehen überall vom Kopf ab, außer wenn er frisch vom Frisör kommt. Er ist also doppelt besonders. Ich würde sogar sagen, Torsten ist mein bester Freund.

So liebes Tagebuch, ich glaube das ist ein schöner Schlusssatz für heute. Morgen werde ich dir wieder etwas erzählen und vielleicht werden mich so manche Leute dann besser verstehen. Ich meine nicht akustisch, da rede ich laut genug, sondern so, was in meinem Kopf vor sich geht, denn irgendwann wirst du, liebes Tagebuch, vielleicht mal ganz berühmt … Wer weiß?

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