Kein Gefühl von Unterricht

Von Klaus Lehmann, Frank Steinwachs, September 2010

Ein museumspädagogisches Projekt zu »Gleichstand und Wechsel« an der Elbe lässt die Schüler vergessen, dass sie lernen.

Illustration des Strömungsverhaltens durch Farbe (Tinten­patrone, Idee eines Schülers)

Hitzacker ist eine Inselstadt am Zusammenfluss von Jeetzel und Elbe und war vor dem Mauerfall 1989 auch Grenzstadt, was die Frage nach »Wechsel und Gleichstand« jeden Tag aufs Neue aufwirft. Nicht nur die natürlichen Gegebenheiten, sondern auch die daraus resultierenden politischen Konsequenzen wurden in einem zweitägigen Museumsprojekt aufgegriffen. Klaus Lehmann, der Museumsleiter, und Frank Steinwachs, der Fachlehrer, berichten.

Die Elbe lebt. Seit Jahren ist an dem von Staustufen nahezu freien Fluss zu beobachten, dass langen Niedrigwasserperioden Hochwasser folgt. An ihrem mäandernden Abschnitt zwischen Dömitz und Hitzacker muss fast wöchentlich die Fahrrinne neu festgelegt werden. Die Schifffahrtsbehörde und manche Regionalpolitiker suchen durch den Bau von Buhnen »Gleichstand« und eine gleichmäßige Tauchtiefe für Schiffe zu schaffen. Dadurch entsteht, wie immer mehr Menschen sehen, die Gefahr, dass wichtige Teile dieses Lebensraumes durch Überregulierung verloren gehen. Denn nicht zuletzt durch die deutsch-deutsche Grenze haben sich hier Elbwiesen, Auwälder und ein artenreiches Leben erhalten. Grund für ein Museum am Fluss, die Frage nach »Gleichstand oder Wechsel« aufzuwerfen und museums­pädagogisch ein Konzept daraus zu entwickeln. Für seine Projektidee »Echolot« hat das Museum »Das Alte Zollhaus« in Hitzacker 2008 den Preis für Museumspädagogik der VGH-Stiftung erhalten. Dank weiterer Unterstützung durch »Natur erleben« und die »Deutsche Umwelthilfe« konnte das Projekt 2009/2010 umgesetzt werden. Dies bot die Grundlage für ein Museumsprojekt mit Schülern, das nach Ideen von Klaus Lehmann gemeinsam mit dem Fachlehrer um drei weitere Module ergänzt wurde. Auch diente es als Pilotprojekt für eine museumspädagogische Zusammenarbeit mit der Leuphana-Universität in Lüneburg.

Die Last, sich ein eigenes Urteil zu bilden

Am Anfang der gemeinsamen Planung von Museum und Schule standen pädagogische und methodische Überlegungen. In der neunten Klasse sollen Schüler durch Tun und eigenes Erleben Zusammenhänge objektivierend beschreiben und als solche erkennen.

Mit dem Schritt in die Oberstufe verändert sich das Verhältnis der Schüler zu den Lehrern. Sie lernen neue Wege und Methoden kennen, der Welt zu begegnen. Der oftmals stürmischen Suche nach richtig und falsch und dem schnellen Urteil sollte pädagogisch durch klare Regeln, didaktisch durch eine entsprechende Unterrichtsstruktur sowie praktisch durch altersgemäße Methoden begegnet werden. Dazu gehört auch, Inhalte präzise zu sichern, Ereignisse und Personen genau zu charakterisieren und erste Schritte zu einem begründeten Urteil zu gehen. Natur­gemäß empfinden Neuntklässler dieses Vorgehen oft als lästig und mühsam, doch der Weg lohnt sich für alle: Die Energie, Kreativität und der Tatendrang in diesem Alter machen die Arbeit mit neunten Klassen besonders spannend und befriedigend.

Das Leben in einem Sperrgebiet wird rekonstruiert

Nach einer mündlichen Einführung wurden den Schülern in kleinen Gruppen Zeitungs- und Archivtexte vorgelegt. Unterschiedliche und nur wenig vorstrukturierte Texte, gegensätzliche Perspektiven aus Dokumentationen und Aussagen von Beteiligten in Ost und West waren Teil des Materials, ebenso die Vorbereitung und Durchführung von Interviews mit Zeitzeugen. Die Schüler sollten  die Erinnerungen aufzeichnen, strukturieren und im Rahmen ihrer fachlichen Möglichkeiten auswerten. Auf dem Wasser dokumentierten die Schüler mit Hilfe von Echoloten die Strömungs- und Bodenbeschaffenheit der regulierten und unregulierten Elbe. Ein selbst angefertigtes Strömungs­modell aus Sand, Wasser und Buhnen aus Beton machte die Ergebnisse noch anschaulicher. Die Präsentation zeigte jedem Einzelnen während der Abschlussvorträge, wie einfach und wirkungsvoll letztlich die neu erarbeiteten Kenntnisse und Erfahrungen zu mitteilbarem Wissen werden können.

Vier verschiedene Arbeitsgruppen mit je einem Betreuer beschäftigten sich mit regionalen Ereignissen und ihrer überregionalen und internationalen Bedeutung. Ein Schülerteam fuhr auf einem mit fünf Bildschirmen ausgerüsteten ehemaligen Feuerwehrboot auf der Elbe, um die Besonderheiten des Stroms und seiner Sandbewegungen zu beobachten. Am Fluss-Modell des Museums vollzogen Schüler das Beobachtete nochmals nach.

Eine zweite Gruppe rekonstruierte in einem Schaukasten das ehemalige DDR-Sperrgebiet und beschäftigte sich mit Biographien seiner Bewohner, deren eingeschränkter Bewegungsraum in dem Bericht einer Zeitzeugin sichtbar wurde: Bei einer Hochzeit hatten einige Gäste keinen Passierschein für das Sperrgebiet erhalten.

Die »Schlacht von Gorleben« wird zum Diorama

Eine weitere Gruppe befragte Bürger in Hitzacker vor laufender Kamera, wie sie das Leben am Fluss mit der Grenze  wahrgenommen hätten, wie es sich für sie ausgewirkt habe und woran sie sich aus der Zeit vor der Wende erinnerten.

»Die Schlacht von Gorleben«, ein Grenzzwischenfall von 1966, der nach Einschätzung des britischen Oberbefehlshabers zu einer schweren, militärischen Eskalation zwischen den Sowjets und der NATO – Zitat: »zu einem dritten Weltkrieg« – hätte führen können, war Thema für die vierte Gruppe. Sie bearbeitete Archivmaterialien und befragte Wilfried Kleinhans, einen ortsansässigen Zeitzeugen, der als junger BGS-Beamter mit MG im Elbsand eingeigelt »die schlimmsten Stunden« seines Lebens erlebte.

Das Geschehen haben die Schüler in einem historischen Schaukasten mit Materialen wie Sand, Farbe, Knetgummi, Pappe, Zahnstocher und Kükendraht nachgebaut.

Als die Schüler am Ende des zweiten Tages ihre Ergebnisse vorstellten, war das Gefühl von Unterricht und Klassenzimmer  wie weggefegt.  Die besondere Situation war für sie zur Arbeitsnormalität geworden. Die innere Verbindung der Schüler mit der Sache und ihr erklärendes Wort riefen neugierige Fragen am Modell und Gespräche hervor. Jede Gruppe erfuhr von den Forschungsergebnissen der anderen. Durch viele Rückfragen konnten sie erkennen, wie die natürlichen Gegebenheiten der Umwelt, der Alltag von Menschen und die »Große Politik« zusammenspielen und wie Gegenwart, Vergangenheit und die Form ihrer Erinnerung miteinander verwoben sind. Die Schüler konnten über die Wellen die Untiefen erkennen und ein Stück des Flusses und seiner Bewohner mit in das Klassenzimmer nehmen.

Zu den Autoren: Klaus Lehmann, Jahrgang 1947, Lehrer i.R. und Museums­leiter im Museum »Das Alte Zollhaus«. Frank Steinwachs, Jahrgang 1970, ist Lehrer für die Fächer Deutsch und Geschichte an der Freien Schule Hitzacker und Dozent für Geschichtsdidaktik am Seminar für Waldorfpädagogik in Berlin.

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