Wie man im Zauber der Sprache webt. Theaterspiel im Fremdsprachenunterricht

Von Lara Jost, Oktober 2010

Wir schreiben das Jahr 1994. Dreizehn Schülerinnen und Schüler des Leistungskurses Englisch arbeiten an einem Text. Einer liest langsam und stockend. Vor ihnen liegt das auf 108 Seiten ausgebreitete Grauen. Hexen, Könige und ein gemeiner Mord verbergen sich hinter rätselhaften, kryptischen Sätzen – William Shakespeares »Macbeth«. Teils ratlose, teils gelangweilte, selten aufmerksame Gesichter.

Seit dieser Erfahrung war Shakespeare für mich ein Synonym für langweilige Englischstunden – und dies, obwohl Englisch meine zweite Muttersprache ist. Wie viel frustrierender muss es für jene Klassenkameraden gewesen sein, die diesen Vorteil nicht hatten?

Rollentausch: 15 Jahre später. Wie bringe ich Schülern der 10. Klasse etwas bei, das sich mir selbst nie erschlossen hat? Diese Frage stellte ich mir mit einem gewissen Unbehagen. Shakespeare, eine zentrale Figur der englischen Literatur und damit natürlich des Unterrichts – ein Buch mit sieben Siegeln?

Ich fasste die kühne Idee, ein Stück, eine Art moderne Rahmenhandlung um ein Drama Shakespeares zu schreiben. Das Achtklassspiel lag weit genug zurück und das Zwölftklassprojekt noch in weiter Ferne, eigentlich der ideale Zeitpunkt. Aber mit zwei Fachstunden in der Woche und ausgerechnet Shakespeare?

Rob und Jules erwecken Shakespeare zum Leben

 

Der Alltag an einer Waldorfschule erfüllt zwar, aber er zehrt auch an den Kräften. Klassenbetreuung, Unterrichtsvorbereitung, Prüfungsvorbereitung, Elternabende, Konferenzen, Lehrpläne, Gespräche, Finanzen …

Trotzdem oder gerade deswegen kann ich das Abenteuer, ein Theaterstück für eine Klasse »maßzuschneidern« nur weiterempfehlen, denn das Unternehmen setzt unwahrscheinliche kreative Kräfte im »Lehrkörper« frei. Ich verstand endlich, was Rudolf Steiner gemeint haben könnte, als er sagte: »Nicht die Pädagogik, die den Lehrer nur gescheit macht, ist die richtige, wohl aber diejenige, die den Lehrer innerlich regsam macht, ihn mit seelischem Herzblut erfüllt …«. Selten ist es mir bei der Vorbereitung gelungen, mich so intensiv und vielschichtig mit Schülern auseinanderzusetzen, wie während der Entstehungsphase zu »Shakespeare Lessons«, einer Geschichte um und mit »Romeo and Juliet«.

Fast wie im wirklichen Leben …

 

Die Rahmenhandlung griffen wir aus dem Leben: Eine literaturbegeisterte Lehrerin behandelt »Romeo and Juliet«. In der Klasse gibt es zwei verfeindete Gruppen mit ihren jeweiligen Anführern Tim und Rob. Unmotiviert beginnen die Jugendlichen, das für sie trockene Werk zu lesen. Die Schlüsselszenen aus dem Werk Shakespeares werden auf einer zweiten Bühne gespielt, und das alte Stück erwacht zum Leben. Als auf einer Party am See beide Gruppen zusammentreffen, entflammt ein erbitterter Streit, und als Rob sich in Tims Cousine Jules verliebt und die beiden sich näher kommen, eskaliert die Situation. Die Klasse beginnt nach einem schrecklichen Zwischenfall, Parallelen zum Stück zu ziehen und schafft es, sich aus scheinbar festgefahrenem Rollenverhalten zu lösen.

Zur Vorbereitung befassten sich die Schüler mit Originalszenen, um ein Gefühl für die Sprache und die eigentliche Geschichte zu bekommen. Sie konnten sich entscheiden, ob sie eine Rolle in der modernen Rahmenhandlung wollten oder eine Rolle innerhalb des originalen Stücks von Shakespeare.

Schnelle Dialoge, Sprachwitz und authentisches Spiel von »Schülern« waren in der einen Gruppe gefragt; die andere musste sich langen Textpassagen, einer ungewohnten Sprache und großen Emotionen stellen. Eine Szene schrieben die Schüler selbst. Musik-, Gesang- und Tanzeinlagen lagen ebenfalls in Schülerhand und wurden im Musikunterricht aufgegriffen … bis »Shakespeare Lessons« als Freilichttheater im Innenhof der Schule aufgeführt werden konnte.

Hilft Theaterspiel beim Englischlernen?

 

Ich denke ja. Das Gefühl für die Strukturen der Grammatik, das in der Unter- und Mittelstufe angelegt wurde, wird durch das Spiel aufgegriffen und neu belebt. Wie das geht? Beim Lernen einer Rolle werden Satzgebilde immer wieder durchgekaut – und die Satzstruktur wird langsam, aber sicher zu einer Selbstverständlichkeit. Grammatik wird in die lebendige Sprache übertragen. Aber was ist mit der so häufig erlebten Hemmschwelle in den Fremdsprachen, die vor allem beim Sprechen auftritt? Es hilft, eine Rolle zu lernen, da sie ja bereits »fertig gebaute Sätze« mit sich bringt. Die Konzentration auf den schauspielerischen Teil der Aufgabe rückt in den Vordergrund und verdrängt die Angst vor dem Sprechen.

In unserem Fall arbeiteten die Schüler der zehnten Klasse in »Organisation Groups« zusammen, in denen sie nur Englisch miteinander sprechen durften. Hier ging es um alle anfallenden organisatorischen Aufgaben: von den Kostümen und Requisiten bis hin zu Sponsoring und Werbung für das Projekt. Ob bei der Arbeit in diesen Gruppen jeder Satz grammatisch völlig richtig war, interessierte nicht – wichtig war, dass munter drauflos gesprochen wurde, ohne Angst vor möglichen Fehlern. Für die Schüler wurde das Sprechen nach und nach selbstverständlich und sie konnten frei von Ängsten und Unsicherheiten kommunizieren.

Allmählich begannen sie sogar, an den Feinheiten der Sprache zu feilen.

Ist es möglich, in Englisch zu denken?

 

Im Verlauf der Arbeit hat sich das Verhältnis der Schüler zur Sprache tiefgehend verändert. Eine Schülerin sagte: »Anfangs dachte ich, das macht zwar Spaß, aber ich war mir nicht sicher, ob es uns was bringt. Bis ich merkte, dass ich anfing, zu Hause auch mal in Englisch zu denken.« Die Qualität der Aussprache verbesserte sich, aber auch das Gefühl für die geschriebene Sprache, beispielsweise für Satzkonstruktionen.

Alan Maley und Alan Duff schildern in »Drama techniques in Language Learning« Aktivitäten, die die natürliche Fähigkeit des Menschen aktivieren, zu imitieren, zu mimen und zu gestikulieren.

Diese Aktivitäten fördern die Vorstellungs- und Gedächtniskräfte sowie die Fähigkeit, Erlebtes, das möglicherweise nie zum Vorschein gekommen wäre, zu neuem Leben zu erwecken. Die schauspielerischen Aktivitäten, von denen die Autoren reden, unterstützen die Jugendlichen in ihrem Lernen, weil sie auf Vorhandenem aufbauen, ihr Interesse wecken, sie persönlich ansprechen und integrieren.

Es geht dabei nicht um das intellektuelle Lösen einer Aufgabe, sondern um das Erschaffen einer Persönlichkeit, einer Situation, einer Stimmung und um die Möglichkeit, sich in diesem Prozess selbst auszudrücken. Nicht das Ergebnis steht im Vordergrund, sondern der Prozess. Die Fremdsprache kann »lebendig« werden, weil der Sprechende sich ihr ganz hingibt, sich emotional öffnet und sie aus dem Herzen spricht. All dies geschieht durch die Theaterarbeit in einer Fremdsprache. Die Jugendlichen ergreifen ihre Rolle, sie formen und füllen sie mit Leben. Und plötzlich weben sie im Zauber der Sprache, ergreifen dieses Wesen, das größer ist als sie, und werden von ihm ergriffen. Und das ist ohne Zweifel das Beste, das einem Fremdsprachenlehrer passieren kann.

Zur Autorin: Lara Jost, Englischlehrerin für Unter-, Mittel- und Oberstufe an der Freien Waldorfschule Schopfheim.

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