Bewegung macht den Menschen

Von Andrea Berlin-Zinkhahn, Juli 2015

Unser Bewegungsleib ist Ausdruck unseres Seelischen. Ein Leben lang müssen wir daran arbeiten, gegen Verhärtungen, Blockaden und Stauungen anzugehen.

Foto: © Gerti G. photocase

Der gesamte Bewegungsmensch wird, wie man durch die Analyse von Filmaufnahmen mit Hochgeschwindigkeitskameras entdeckt hat, schon in der embryonalen Entwicklung vor allem durch die Laute, Töne und Geräusche der Außenwelt geprägt, das heißt, dass man bei Wiederholung derselben, immer wieder zu exakt denselben, reproduzierbaren Bewegungsmustern kommt. Daraus bildet jedes Kind sein Gehen, Sprechen und Denken zunächst durch Nachahmung aus, verwandelt dieses aber dann durch unermüdliches Tätigsein zu seiner individuellen Körper- und Bewegungsgestalt. Dieses Tätigsein entwickelt sich in drei Phasen:

Zunächst überwiegt die Reflexmotorik, die im Mutterleib beginnt, beim Geburtsprozess überlebenswichtig ist, dann im Laufe des ersten Jahres »gehemmt« oder »integriert« und in Eigen-Bewegung übergeführt wird.

In der zweiten Phase strebt der »motorische Mensch« tief unbewusst danach, die Bewegungen der Welt nachzuahmen, um sie schließlich in der dritten Phase zu individualisieren und zu beherrschen. Damit erringt sich der Mensch aus der

Bewegung die »Kenntnis« seiner Leiblichkeit, das Körperschema oder die Körper­geographie, die ihm Selbstwahrnehmung, Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und Selbstwertgefühl vermitteln. Auf diesen Prozess des Bahnen-Bildens, Spuren-Legens und der neuronalen Vernetzungen hat die Neurobiologie besonders durch die Forschungen von Manfred Spitzer in den letzten Jahren aufmerksam gemacht. Durch seine Ausführungen wird heute das Ausmaß der desaströsen Folgen von Bewegungsmangel und Bewegungsverzögerung im ersten Jahrsiebt für die frühkindliche Entwicklung, besonders für das Lernen deutlich.

Leibgestaltung durch Bewegung

In der Waldorfpädagogik sind Bewegungsübungen eine Grundlage für das Lernen. Entscheidend dabei ist, dass wir in der Bewegung eine unmittelbare Begegnung mit dem Sein der Welt haben. Das heißt, auf der einen Seite wird die Motorik selbst zu einem Wahrnehmungsinstrument des Welt-Erlebens und auf der anderen Seite führt die Eigenbewegung zur einzigartigen Individualisierung des Menschen. Wie schwer dieser Individualisierungsprozess ist, kann jeder von uns erleben, der einmal andere als die gewohnten Bewegungen auszuführen hat, beispielsweise in der Eurythmie, im Tanz oder der Jonglage.

Rudolf Steiner wies die Lehrer darauf hin, dass der Mensch ein Leben lang mit Krankheitsneigungen ringt (z.B. Verhärtung, Verkrampfung, Blockaden, sich an die Umgebung verlieren) und dass er ein Leben lang daran arbeitet, gesünder, menschlicher, vollkommener zu werden. Dabei ist die Bewegung ein ständiger Gestaltungs- und Gesundungsvorgang.

Können wir das nachvollziehen? Setzen Sie sich einmal an einem heißen Sommertag in ein Straßencafé einer belebten Fußgängerzone und halten Sie Ausschau nach Menschen, von denen Sie sagen können, dass ihr Gang, ihre Haltung, ihre Bewegungen und der Gesichtsausdruck harmonisch, ausgewogen oder »gesund« wirken. Sie werden plötzlich, auch ohne Therapeut zu sein, feststellen, wie seelische Verspannungen, Blockaden, Ängste, mangelndes Selbstvertrauen, Fahrigkeit, Hemmungen, Trägheit oder Depression in der Bewegung der Menschen zum Ausdruck kommen. Unser Bewegungsleib ist Ausdruck unseres Seelischen.

Was Bewegung offenbart

Für die Diagnostik von Lernschwächen und Lernstörungen ist mir die Bewegung eine große Hilfe. Die Übungen zur Zweitklassuntersuchung beinhalten eine Reihe von Bewegungsabläufen, die dem Entwicklungsstand am Ende des 8. Lebensjahres entsprechen. Ballspielen, Vorwärts- und Rückwärtsgehen, Hüpfen, Balancieren, Formenzeichnen – all diese Tätigkeiten offenbaren etwas über die Verbindung des Seelisch-Geistigen mit dem Physisch-Leiblichen: Ist das Kind in seinem Leib zuhause, »bei sich«, fühlt es sich wohl oder ist es etwa »aus dem Häuschen«?

Das können Sie ganz wörtlich nehmen: Gehen sie in Gedanken einmal durch Ihre Wohnung. Sie wissen genau, wo Sie sich gerne aufhalten, wo Sie die Sache im Griff haben und wo die Problemzonen sind, die man am Besten großräumig umschifft.

Wie fühlt es sich also an, wenn ich beim einhändigen Ballfangen mit der »freien« Hand unbewusst spreize oder zusammenzucke, oder wenn statt zu greifen, alle Finger ohne mein Zutun sich strecken und den Ball abprallen lassen?

Was machen denn die Füße bei einer diagnostischen Ballübung? Steht das Kind fest und kommt im Werfen und Fangen in einen Rhythmus, oder fällt es nach jedem Wurf fast um und ist »nicht da«, wenn der Ball wieder kommt? Sie glauben gar nicht, was man in diesem Bereich alles zu sehen bekommt und ich kann jedem Leser nur raten, mit seinen Kindern, Neffen, Nichten und Enkeln jede Gelegenheit zu nutzen, Ball zu spielen, wobei ich mit »Spielen« nicht das harte Abwerfen oder Kicken meine, sondern das rhythmische Hin und Her oder die Ballschule mit ihren zehn Geschicklichkeitsstufen.

Lernvoraussetzung: Geschicklichkeit

Aus der Gehirnforschung ist die Zuordnung der Hände zu bestimmten Arealen im Gehirn bekannt. So wurde erforscht, wie die Tätigkeiten der Hände »Spuren« legen, die besonders für das Lernen gebraucht werden. Besonders fein ausgebildet sind zum Beispiel diese Gehirnregionen bei Musikern, die in besonderem Maße ihr »Fingerspitzengefühl« erübt haben. In meinem Förderunterricht kann ich keinen Instrumentalunterricht machen, aber ein Teil der Übungen, die ich mit den Kindern mache, richtet sich auf die Geschicklichkeit der Hände, der Füße und des Gleichgewichtes. Viele Alltagsbewegungen sind den Kindern nicht mehr vertraut, wie zum Beispiel fegen, rühren oder Wolle wickeln. Aber auch Finger tippen, Klatschspiele, Fadenspiele, Seilchen hüpfen oder Ball spielen sind heute nicht mehr selbstverständlich und manche Kinder müssen sich dazu sehr anstrengen.

Die Bewegungsübungen aus der »Extrastunde« von Audrey McAllen, an denen ich mich im Förderunterricht orientiere, haben gewissermaßen Urbild-Charakter (Kreis, Lemniskate, Spirale) und wirken dadurch ordnend und strukturierend auf die Bewegungsabläufe der Kinder. Mit der Zeit erfassen die Kinder das eigene Körperschema besser und handhaben es auch sicherer.

Dazu wird die Beziehung zum Raum, oben-unten, vorne-hinten, rechts-links und der eigene Standpunkt in diesem Raum, der uns erst Sicherheit in Bezug auf die irdischen Dinge gibt, gründlich erübt. Die Übungen sollen durch den Willen und die rhythmische Wiederholung das Zusammenspiel des Seelisch-Geistigen mit dem Physisch-Leiblichen harmonisieren und dadurch besseres Lernen möglich machen.

Bei einigen Kindern nehme ich Bewegungsverzögerungen und Ungeschicklichkeiten sowie fortbestehende Reflexe in ganz elementaren Bewegungsbereichen wahr. Das sind oft Kinder, die nicht gerobbt, gekrochen oder gekrabbelt sind und dadurch bestimmte Bewegungsmuster nicht abgebaut und andere nicht ausgebildet haben. Gerade solche Bewegungsverzögerungen können zu massiven Lernschwierigkeiten führen. Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Junge, 11 Jahre alt, mit einem persistierenden ATNR (Asymmetrisch-Tonischen-Nackenreflex) hatte größte Mühe, die Schreibhand, die durch den Reflex immer in die Streckung gehen wollte, auf dem Papier zu halten. So konnte er nur mit größter Kraftanstrengung und mit zitternder Hand schreiben, war schnell erschöpft und hatte keine »Reserven« mehr für Rechtschreibung und dergleichen. Das Schriftbild kann man sich vorstellen.

Diese Bewegungen nachreifen zu lassen, dazu bedarf es besonderer, fachlicher Kenntnisse und Voraussetzungen über die herkömmliche Ergotherapie hinaus, z.B. eine gezielte Therapie zur Reflexintegration.

Obwohl man in der 5./6. Klasse auch noch durch Bewegung fördern und einiges bewirken kann, haben Kinder in diesem Alter schon viele negative Erfahrungen gemacht und finden leider auch die Übungen meist »peinlich«. So würde ich mir wünschen, dass sich noch mehr und vor allem jüngere Lehrer, Erzieher und

Therapeuten mit der Bedeutung der Bewegung als Voraussetzung für das Lernen befassen, damit die Probleme vielleicht schon im Vorschulbereich erkannt und behandelt werden können.

Zur Autorin: Andrea Berlin-Zinkhahn war in den Heil- und Erziehungsinstituten Bingenheim und Eckwälden sowie in der Michael Bauer Schule tätig. Zeitweise Auslandstätigkeit in den Waldorfschulen Mexiko und Kolumbien. Seit 1998 ist sie Förderlehrerin an der Freien Waldorfschule Engelberg.

Literatur:

Manfred Spitzer: Lernen – Gehirnforschung und die Schule des Lebens, Heidelberg 2002 | Audrey E. McAllen: Die Extrastunde, Stuttgart 2012

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