Standpunkt

Binden wir die Waldorf-Ashram-Katzen los!

Stefan Grosse

Nun sind hundert Jahre vergangen. Rudolf Steiner ist inzwischen eine historische Persönlichkeit. Viele Eltern heute kennen die Anthroposophie, wenn überhaupt, dann eher peripher. Anthroposophie, hat man den Eindruck, wird mehr als eine Lebenseinstellung wahrgenommen, weniger als eine Ideenwelt und Erkenntnismethode. (Demeterwein zu trinken oder Infludoron einzunehmen, führt nicht regelmäßig zum tieferen Verständnis anthroposophischer Ideen).

Und den Lehrer:innen  geht es manchmal ein bisschen so, wie es in folgender Geschichte zugeht:

In Indien lebte einst ein weiser Guru. Jeden Abend, wenn seine Schüler und er sich zur Andacht versammelten, streunte die Ashram-Katze um sie herum. Das lenkte die Betenden ab. So befahl der Guru: «Bindet die Katze während des Gottesdienstes draußen an einen Pfosten». Schließlich starb der weise Guru. Die Katze wurde aber wie bisher jeden Abend zum Abendgottesdienst draußen angebunden. Als nach einigen Jahren auch die Katze starb, wurde eine neue angeschafft, um sie ordnungsgemäß während der Andacht draußen anzubinden. Hundert Jahre später schrieben die Schüler des Gurus gelehrte Abhandlungen darüber, welch wichtige Rolle eine an einen Pfosten gebundene Katze in jedem ordentlichen Gottesdienst spiele. Wer sich vor der Katze nicht verneigte, galt als Sünder. Und wer es wagte, die Bedeutung der angebundenen Katze in Frage zu stellen, wurde als Ketzer verbrannt.

Solche Ashram-Katzen gibt es einige in den Waldorfschulen! Ausufernde Jahreszeitentischlandschaften, die ihren eigentlichen Sinn längst verloren haben etwa oder Lehrplanangaben, die vor dem Stand der Forschung nicht mehr bestehen können, um nur zwei zu nennen.

Binden wir die Katzen los und lassen wir zu, dass sich anthroposophische Ideen lebendig entwickeln, damit aus ihnen die Kraft kommt, Gegenwartsfragen lebenspraktisch zu gestalten. Waldorfschulen sind auf der ganzen Welt in allen Kulturen und Gesellschaftsformen zu Hause, wenn die ihnen zugrunde liegenden Ideen lebendig und wandlungsfähig gehalten werden. Insbesondere sei vermerkt, dass Waldorfpädagogik keiner Religion und keinem Glaubensbekenntnis den Vorzug gibt, sie respektiert alle in gleichem Maße.

Kommentare

Stefan Oertel,

Ich bin Waldorfpädagoge und Anthroposoph und glaube Gründe zu haben, Herrn Steiner ziemlich ernst nehmen zu müssen. Ich bin übrigens nicht besonders alt. Wenn ich lese, was Sie hier schreiben, Herr Grosse, bin ich ratlos. Der Vorstand möchte gerne frischen Wind in die Waldorfwelt bringen. Und dieser Wind hat eine bestimmte Richtung. Ich finde die Richtung ziemlich schief und wundere mich, warum Sie und Ihre Mitstreiter unter den Artikeln in der Erziehungskunst nicht regelmäßig Widerspruch oder kritische Fragen bekommen. Aber vielleicht denken ja wirklich viele so wie Sie. Ich selbst zögere hier darzustellen, was mein Problem ist, weil die Schablone "versteinerter Dogmatiker" schon fertig vorgestanzt bereitliegt. Da passe ich dann bestimmt gut rein.

Und damit diese Schablone möglichst auch angewendet wird, dafür wird sie nun von Ihnen nochmal zurechtgeschnippelt. Der Vergleich der Waldorfpädagogen mit den Ashram-Dogmatikern zementiert ein altes Klischee. Denn das wissen ja nun wirklich alle, das die Jahreszeitentische zu groß, die Wachsblöckchen nicht so wichtig und Goethe, naja, bei der Farbenlehre doch nicht so toll wie Newton... Oder was jetzt? Sie sichern sich jedenfalls den Applaus derjenigen, die schon immer wussten, dass alles oder vieles ziemlich versteinerter Quatsch war. Und sie bestätigen es offiziell und von Vorstandsseite: Ja, die Waldorfs, bei denen staubt's, so wie's die Kritiker immer gesagt haben.

Wissen Sie was? Ich hatte in den letzten fünfzehn Jahren echt Mühe, irgendwo mal einen ECHTEN, ALTEN Waldorf-Dogmatiker aufzufinden. Den aus der Legende, Sie wissen schon, der mittwochs den Zweigabend besucht und ständig Steiner zitiert. Was man tatsächlich STÄNDIG antraf, war Waldorf-Oberflächlichkeit. Leute, die Jahreszeitentische zelebrierten und Stockmar-Blöckchen benutzen ließen, aber selber zur Anthroposophie kein eigentliches Verhältnis hatten. Der Oberflächling, der ist allerdings auch eine Art Dogmatiker. Er macht's den anderen im Ashram einfach nach. Zum Meister selbst hat er aber kein Verhältnis. Der Oberflächling wird Ihnen, Herr Grosse, immer gerne folgen, wenn sie flugs Steiner für veraltet erklären. Denn mit Anthroposophie hat er's ja wie gesagt nicht.

Wo bleibt Sie am Ende, die Anthroposophie? Ich kann ein Bestrebung zu Ihrer Vertiefung in weiten Teilen der Waldorfwelt und in der Zeitschrift Erziehungskunst nicht finden. Was ich finde, ist der Wunsch sich vom realen Rudolf Steiner tüchtig zu distanzieren und ganz modern sein zu wollen. Schade, dass das so gewünscht wird. Ich wünsche ganz anderes und habe den Eindruck, dass eine Vertiefung der anthroposophischen Grundlagen der Waldorfpädagogik dringend notwendig wäre. Samt – es tut mir leid! - gründlichem Steiner-Studium. Ich weiß, die Dogmatiker-Schablone wird gerade aufgehoben, sie passt auf mich. Klick, eingerastet!

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