Computerspielsucht erkennen und behandeln

Von Christoph Möller, November 2014

Wie kann Computerspielsucht erkannt und behandelt werden? Was können Eltern und Lehrer dazu beitragen, dass Medienkompetenz entsteht?

Foto: © Charlotte Fischer

Der Begriff »Internetsucht« wurde 1995 von dem New Yorker Psychiater Ivan Goldberg eher scherzhaft in der »New York Times« ins Gespräch gebracht. Seitdem mehren sich Untersuchungen und Diskussionen zu diesem Problem. In das Diagnostische Handbuch der Amerikanischen Psychiater-Vereinigung (DSM-V) sind erstmals 2013 Forschungskriterien zum »Internet Gaming Disorder« aufgenommen worden.

Das – nicht unumstrittene – Handbuch nennt neun Kriterien, die auf eine mögliche »Internet-Spielstörung« hin­deuten: gedankliche Vereinnahmung, Entzugssymptome, verminderte Frustrationstoleranz, Kontrollverlust, verhaltensbezogene Vereinnahmung, fortgesetzter Gebrauch trotz negativer Konsequenzen, Dissimulation (Verharmlosung) und dysfunktionale Stressbewältigung.

Will man eine Computerspielsucht erkennen und behandeln, sollten neben dem Computerspielverhalten und der mit Medien verbrachten Zeit immer auch das soziale Umfeld, die Schule, die Freizeitbeschäftigung und der psychische Zustand des Jugendlichen beachtet werden. Wer im Übermaß am Computer spielt und im Internet surft, kann sein Verhalten nur eingeschränkt kontrollieren. Er spielt und surft weiter, auch wenn das negative Folgen hat. Spieler und Surfer versuchen schnell und effektiv Gefühle wie Frustration, Ängste oder Unsicherheiten zu regulieren oder zu verdrängen.

Es geht ihnen darum, das Leben erträglicher und im persönlichen Erleben schöner zu gestalten. Die Jugendlichen finden im Internet und beim Computerspiel etwas, was ihnen im realen Leben verwehrt ist: Anerkennung, Erfolge, Kontakte und die Möglichkeit, die Schwierigkeiten des Alltags zu vergessen. Als begleitende Probleme finden sich häufig Symptome aus dem depressiven Formenkreis: Angststörungen, ADHS und soziale Phobien. Nach einer aktuellen Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstitutes in Niedersachsen, welche die DSM-V Kriterien berücksichtigt, sind unter den 15-jährigen 1,16% als süchtig einzu­stufen (KFN 2014).

Behandlung – notfalls stationär

Wenn Computerspiele und das Internet den Tag bestimmen, alterstypische Entwicklungsaufgaben wie die Schule, Hobbys, das Pflegen von Sozialkontakten zu Gleichaltrigen und die Körperhygiene vernachlässigt werden und eine entsprechende psychiatrische Grundstörung vorhanden ist, kann im Einzelfall eine stationäre Therapie notwendig sein. Diese Jugendlichen müssen lernen, ihren Tag zu strukturieren, einen Zugang zu ihrem Körper zu bekommen, Sozialkontakte aufzubauen und ihrem Leben jenseits der virtuellen Welten einen Sinn zu geben. Auf der Therapiestation für abhängige Jugendliche und Heranwachsende »Teen Spirit Island« in Hannover haben die Jugendlichen einen halt- und strukturgebenden Tagesablauf. Beim Hallen- und Felsenklettern können sie legale Kicks erleben und ihre Körperwahrnehmung schulen.

In der Klinikschule wird der kontrollierte Umgang mit dem Computer und dem Internet vermittelt; mit Hilfe von gruppentherapeutischen Angeboten lernen die Jugendlichen soziale Kompetenz und können ihre Ängste abbauen. Im Fokus steht die psychiatrische, psychotherapeutische Behandlung der Grundstörung.

Kompetent durch Abstinenz

»Spielen macht klug« titelte der Spiegel im Januar 2014. Tatsächlich ist das freie kindliche Spiel ein wesentliches Moment in der kognitiven und seelischen Entwicklung von Kindern. Doch im Titelbild verwies das Magazin auf das Spielen am Computer. Auch am Computer lernt das Kind und die entsprechenden Hirnregionen differenzieren sich. Die Frage ist nur, ob das frühe Spielen am Computer förderlich ist für die spätere Lern- und Lebenskompetenz.

Das Ergebnis vieler Untersuchungen ist, dass früher und langanhaltender Bildschirmmedienkonsum mit schlechteren Schulleistungen, Übergewicht, Aufmerksamkeitsschwierigkeiten und anderen Negativwirkungen auf die kindliche Entwicklung zusammenhängt. Vor allem kleine Kinder brauchen umfassende basale Sinneseindrücke und nicht überwiegend visuelle und akustische Reize, wie sie Bildschirmmedien bieten. Je intensiver ich mich mit einem Sachverhalt auseinandersetze, je mehr Sinneskanäle angesprochen werden, desto tiefer ist das Verständnis und die Verankerung im Gedächtnis.

Der Computer nimmt uns geistige Tätigkeit ab, aber gerade das ist für das kindliche Lernen nicht förderlich. Je jünger das Kind, desto wichtiger ist die Beziehung zum Lehrer für das Lernen.

Antoine de Saint-Exupéry soll gesagt haben: »Willst Du, dass die Menschen Schiffe bauen, lehre sie die Sehnsucht nach dem Meer«. Schiffsbauanleitungen finden sich im Netz.

Doch das bloße Vorhandensein dieser Information macht noch keinen zu einem begeisterten und guten Schiffsbauer. Wenn ich weiß, was ich suche und das Gefundene einer kritischen Beurteilung unterziehen kann, ist das Internet genial. Diese Voraussetzungen müssen aber in der Schule und durch die Begeisterungsfähigkeit des Lehrers geschaffen werden. Soziale Kompetenz wird nur im realen Miteinander zwischen Menschen erlernt. Später kann diese Fähigkeit in sozialen Netzwerken erweitert werden. Hier setzt sinnvolles Medienkompetenztraining an. Es geht darum, mit den Schülern kritisch über die Preisgabe privater Daten im Netz zu sprechen, die Glaubwürdigkeit von Kontaktangeboten zu hinterfragen und eine kritische Diskussion darüber zu führen, was ich im Netz poste und was ich in der persönlichen Begegnung mitteile.

Medienpädagogik, die Kinder möglichst früh in die technische Handhabung der jeweils modernsten Geräte heranführt, bereitet nicht auf die Technik in fünfzehn oder zwanzig Jahren vor.

Eine Pädagogik, die Kinder durch die persönliche Begleitung des Erziehers und Lehrers für das reale Leben begeistert, die die Lebenskompetenz fördert, ist die beste Prä- vention für einen späteren, selbstbestimmten Umgang mit den verführerischen Möglichkeiten der Technik im Bereich der Kommunikation, des Wissenserwerbs und auch neuer Formen des Spielens.

Zum Autor: Prof. Christoph Möller ist Chefarzt der Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Kinder- und Jugendkrankenhaus in Hannover.

Literatur:

Christoph Möller (Hrsg.): Internet- und Computersucht. Ein Praxishandbuch für Therapeuten, Pädagogen und Eltern, Stuttgart 2014

Christoph Möller, Vanessa Glaschke: Computersucht, was Eltern tun können, Paderborn 2013

Christoph Möller: Jugend sucht – ehemals Abhängige berichten. Göttingen 2009

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