Das Geheimnis der Seifensieder. In der 12. Klasse der Freien Waldorfschule Diez wird Seife hergestellt

Von Sebastian Sänger, Juni 2020

Rudolf Steiner betont an mehreren Stellen, dass Schüler Einblick in industrielle Prozesse erhalten sollen. Dafür bietet sich die Seifenherstellung an, da das Endprodukt »Seife« im täglichen Leben Verwendung findet. Das im Experiment selbst erzeugte Produkt kann tatsächlich und real ausprobiert und verwendet, gegebenenfalls auch verschenkt werden.

Foto: © lavrenkova / photocase.de

Hygiene im Zweistromland 

Die Geschichte der Seife beginnt im Orient. Das belegen sumerische Steintafeln, auf denen vor über 4.000 Jahren beschrieben wurde, wie aus einer Mischung aus basischer Pflanzenasche mit Ölzusätzen Heilsalben hergestellt wurden. Die Römer verwendeten Seifen dann zur Reinigung und Körperpflege. Die chemischen Grundlagen der Seifen wurden vor 1.300 Jahre entdeckt, indem man Fette und Öle mit Laugen vermischte. Dieses Wissen verbreitete sich über die mittelalterlichen Handelswege in ganz Europa. Die Hygiene war im Mittelalter besser, wie weithin angenommen. Der Besuch eines Badehauses gehörte zum Alltag, insbesondere vor Gottesdiensten oder hohen Feiertagen. Dabei ging es nicht nur um Körperhygiene, das Baden stellte auch ein gesellschaftliches Ereignis dar.

Seuchen ließen Skepsis an dieser Praxis aufkommen und man verzichtete auf das öffentliche Baden. Bakterien und Viren waren zwar noch unbekannt, aber man befürchtete, dass das Badewasser den Körper für Erreger öffnete. Auf ärztlichen Rat begann man, Körperöffnungen mit Puder zu verschließen. Der französische Sonnenkönig Ludwig XIV, vermutlich des Puderns überdrüssig, verhalf dann der Seife zu einer neuen Blüte. Seine Seifensieder, die er nach Versailles geholt hatte, entwickelten eine Rezeptur, durch die es gelang, Seife in großen Mengen herzustellen. Nicolas Leblanc (1742-1806) stellte erstmals 1790 aus Kochsalz und Schwefelsäure Soda her. Soda war die begehrte milde Base, mit der nach langem Kochen aus den Fetten und Ölen Seife gewonnen wurde. Dazu wurde das reichlich vorhandene Kochsalz mit Schwefelsäure verrührt und zu Natriumsulfat umgesetzt. Der entstandene Glaubersalzkuchen wurde mit Kalk und Kohle zu Soda verbrannt. Das Problem dieser Methode war, dass in einem ersten Reaktionsschritt Chlorwasserstoff freigesetzt wurde – ein Gas das bereits mit Luftfeuchtigkeit Salzsäure bildet, und in einem zweiten auch Calciumsulfid, das sich auf Halde gekippt langsam zu Kalk umsetzt und dabei das Giftgas Schwefelwasserstoff freisetzt. Vor allem wegen der giftigen Nebenprodukte wurde das Leblanc-Verfahren vom umweltfreundlicheren Solvay-Verfahren abgelöst. Der Belgier Ernest Solvay (1838-1922) entwickelte 1860 einen Kreisprozess, basierend auf Kalk, Kochsalz und Ammoniak. Da das einmal eingesetzte Ammoniak im Prozess wiederverwendet werden kann, entstehen bei diesem Verfahren keine giftigen Nebenprodukte und als Abfall bildet sich nur das unproblematische Calciumchlorid. So war genügend Soda für die Seifenherstellung vorhanden. Seife wurde zu einem bezahlbaren Produkt und das Waschen zum Trend. Die steigende Nachfrage kurbelte die industrielle Produktion an.

Vom Seifensieden

Bei der Herstellung von Seife werden insbesondere pflanzliche Fette wie Kokosfett, Palmkernfett, Palmöl, Olivenöl, Sonnenblumenöl, Maisöl, Sojabohnenöl und tierische Fette wie Talg, Schmalz oder Fett aus Knochen, die bei der Tierverwertung anfallen, verwendet.

Die Fett- und Ölmischung wird mit einer Lauge (wie Natronlauge oder Kalilauge, früher auch Pottasche oder Soda) mehrere Stunden lang gekocht. Daher heißt dieses Verfahren Seifensieden, die chemische Reaktion Verseifung. Durch anschließendes Salzen des Gemisches flockt die Seife aus. Es werden dabei die Esterbindungen gelöst und es bilden sich Natrium- oder Kaliumsalze der Fettsäuren. Neben den industriellen Verfahren werden Seifen auch im sogenannten Kaltverseifungsverfahren handwerklich hergestellt. Dabei werden eher hochwertige Fette und Öle mit einer genau abgemessenen Menge an Natronlauge verrührt. Ziel ist eine unvollständige Verseifung der Fette und Öle, um eine pflegende Wirkung zu erzielen (Überfettung genannt). Diese Seifen können dann puddingartig, dickflüssig als Seifenleim in Blockformen gegossen werden. In Stücke geschnitten, gelangen sie dann in den Handel. Für kleine Produktionsmengen können sie gleich in Silikonformen als Einzelstücke gegossen werden. Oft werden den Seifen noch Düfte und Farben zugesetzt. Da diese Seifen keine weiteren Zusatzstoffe beinhalten, bieten sie Allergikern eine Alternative zu industriell hergestellten Seifen.

Handwerkliches Geschick gefragt

Das kalte Verseifungsverfahren eignet sich gut für die experimentelle Arbeit, denn es führt innerhalb von zwei Schulstunden zu einem konkreten Produkt. Der Schüler macht Erfahrungen mit sich selbst, da seine Arbeit sich unmittelbar auf die Qualität des hergestellten Produktes auswirkt. Soziale Prozesse setzen ein, da sich die Schüler natürlich über die Seifenansätze austauschen. Es gibt wegen der Vielzahl von Ölen, Farben und Duftstoffen eine unendliche Zahl an Kombinationsmöglichkeiten und verlockenden Ansätzen. Mitschüler werden befragt, es wird recherchiert und gegoogelt. Der sich wiederholende experimentelle Vorgang erfordert ein genaues Protokoll. Erzielte Ergebnisse, gepaart mit Einfühlungsvermögen und Vorstellungskraft, führen zu neuen Rezepturen – eine erste kreative Forschung entsteht.

Die Schüler erwerben ein Geschick im Umgang mit Geräten, Chemikalien und dem experimentellen Arbeiten. Nach einer Epoche ist es dann soweit: Ansehnliche und wohlduftende Seifen sind entstanden, zur Freude der Käufer beim Adventsmarkt und zur Freude der beschenkten Menschen.

Aus der Praxis

Der Seifenkurs, den ich mit den Schülern der Klasse 12 durchführe, erfreut sich großer Beliebtheit. Besonders Schüler mit praktischer Begabung können zu sehr guten Ergebnissen kommen, die natürlich auch in eine Chemienote einfließen können. Die Kosten sind überschaubar und das Risiko beschränkt sich auf den Umgang mit einer Gefahrenquelle (Natronlauge), die sich aber in den Ansätzen kaum ändert und daher zu einer konstanten Größe wird. Mit Schutzbrillen und dem sich wiederholenden gleichen Vorgang hat man diese Gefahr gut im Griff. Natronlauge ist eine wesentlich stärkere Base als Soda. Sie kann ohne Kochen und in einer Zeitstunde in dem Kaltverseifungsverfahren Fette und Öle erfolgreich umsetzen.

Ausgehend von einer verpflichtenden Grundrezeptur (40 g Kokosfett, z.B. Palmin, 20 g Sojaöl, 20 g Rapsöl, 12,5 ­g Ätznatron & 30 ml Wasser) werden schon am folgenden Tag die Schüler in die Aufgabe der eigenen »Forschung« begleitet. Düfte und Farben werden zugesetzt und andere Öle ausprobiert. Auch transparente Glyzerinseife und Badepralinen gehören mit zum Programm.

Zum Autor: Sebastian Sänger ist Oberstufenlehrer für Biologie, Chemie und Erdkunde an der Freien Waldorfschule Diez

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