Der Mensch kommt aus der Zukunft

Von Henning Köhler, Oktober 2011

»Woher kommt es, dass so viele Menschen von der nicht nachlassenden psychologischen Wirkung der frühen Lebensjahre ausgehen?«, wundert sich der Entwicklungs­psychologe Jerome Kagan. »Die Ereignisse in den ersten Lebensjahren bringen das Kleinkind auf einen bestimmten Weg, doch es ist ein Weg mit einer außerordentlich großen Zahl von Abzweigungen und Kreuzungen. Manchmal genügt ein einzelnes Ereignis, um eine dramatische Wendung herbeizuführen.«

Der Kindheitsdeterminismus vernachlässigt die Unwägbarkeiten des Lebens – »Zufälle« nennt es Kagan – und den Umstand, dass wir Erfahrungen nicht einfach sammeln, sondern »interpretieren«, und zwar – von klein an – sehr eigenwillig. Die Hoffnung, anhand von Kindheitsanamnesen sichere Zukunftsprognosen stellen zu können, habe sich zerschlagen.

James Hillman, ein Psychologe der jungschen Schule, ist der Ansicht, das Schicksal müsse wieder in Betracht gezogen werden, aber nicht so, dass der Determinismus, kaum verabschiedet, wieder durch die Hintertür Einzug hält, sondern auf eine zeitgemäße, die menschliche Freiheit berücksichtigende Weise. Jeder Mensch – wenn er nicht gänzlich abgestumpft ist – trage eine tiefe Sehnsucht nach sich selbst in sich, was eigentlich jeder Logik spotte. Gleichwohl drückt der Satz: »Ich bin mir selbst fremd geworden« ein reales Erlebnis und ein schmerzhaft empfundenes Desiderat aus. Dieses Phänomen sei weder durch Erbfaktoren noch durch Umwelteinflüsse erklärbar. Es verweise auf ein Drittes. Auf der Suche nach diesem Dritten geht Hillman zu den Anfängen philosophischer Seelenkunde zurück und wird bei Plato fündig.

Der hatte die Figur des lichten Daimons eingeführt, eines unsichtbaren Begleiters, dessen Aufgabe es ist, uns, wenn nötig, daran zu erinnern, was wir auf dem Weg zur Erde den Göttern versprochen haben. An diesem Mythos sei etwas zeitlos Wahres. Dieses Versprechen zu vergessen, heißt, sich selbst fremd zu werden.

Man muss sich den lichten Daimon als reines Zukunfts­wesen vorstellen. Was von ihm ausstrahlt, ist Vertrauen in die Gestaltbarkeit der Welt aus den Kräften der Seelenwärme. Dieser Zukunftsmensch, den jeder von uns ganz real in sich trägt, kann Wunder vollbringen.

Etwa das Wunder, die Schlacken abgelebter Zeit, negative Erfahrungen eingeschlossen, in Werkzeuge für anstehende Aufgaben umzuschmelzen. Pädagogik hat eigentlich keine andere Aufgabe, als den Kindern zu helfen, dass sich der schöpferische Mensch in ihnen strahlend erheben kann. – Allein durch Erb- und Umwelteinflüsse lasse sich »die schöpferische Qualität des Handelns nicht erklären«, bekannte kein Geringerer als Jean Piaget. Diese Qualität wird nur erklärlich, wenn wir den dritten, aus der Zukunft hereinwirkenden Faktor ernst nehmen. Dann erhellt sich auch, warum uns die Vergangenheit nicht festlegt. Jedenfalls nicht festlegen muss.

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