Der Zauber des Anfangs

Von Ellen Niemann, September 2020

Eltern, deren Kinder dieses Jahr in die Schule kommen, brauchten in den letzten Monaten ein wenig mehr Vorstellungskraft als sonst, wenn sie versuchten, sich die Schulzeit an der Waldorfschule auszumalen. Der Gedanke an den Zauber der Einschulung wollte nicht so recht passen zu den mit Hinweisschildern und Bodenmarkierungen beklebten Schulen. Die sonst beim Betreten einer Waldorfschule einhüllende Atmosphäre verströmte in den letzten Wochen eher den Duft von Desinfektionsmitteln als von Holz und Wolle.

Foto: Charlotte Fischer

Der erste Informationselternabend vor den Sommerferien fand nicht im schön gestalteten Klassenraum statt, sondern in der Turnhalle oder er musste aufgeteilt werden und man konnte so nur eine Hälfte der neuen Miteltern kennenlernen. Kollegium und Krisenstab zerbrachen sich den Kopf, wie der Schulanfang unter den gegebenen Umständen und mit allem, was uns in den letzten Monaten an Einschränkungen begleitet hat, doch noch zu einem magischen Moment werden könnte. Und man erinnert sich an die letzten Jahre, in denen die Schulgemeinschaft die Einschulung feiern durfte und auf das, was dieses Ereignis ausgemacht hat: Das Leuchten in den Gesichtern der Kinder und Eltern, der Gang durch das Blumentor, der Empfang der Sonnenblume, die Geschichte und die musikalische Begleitung umspielen die frohe Erwartung und bilden Licht und Freude wie ein Kissen, auf dem sich alle Sorgen und Bedenken ausruhen können. Ein echter Schatz, den wir nun, zum Beginn des neuen Schuljahres, wieder heben dürfen. 

Welches ist die richtige Schule?

Die Wahl der richtigen Schule ist ein Herzensmeilenstein für die ganze Familie. Das letzte Kindergartenjahr ist meist schon erfüllt vom Blick auf die Schulzeit. Es werden Schulen besucht, auf Festen »erfühlt« und bewertet. Familien begeben sich gleich in mehrere Aufnahmegespräche in der Hoffnung, am Ende einen Platz in der Wunschschule zu erhalten.

Man reist von Infoveranstaltung zu Infoveranstaltung, um sich ein Bild zu machen, welche Schule wohl den Bedürfnissen des Kindes am ehesten gerecht wird. Eltern erfahren, wie Epochen gestaltet werden, warum mit welchen Materialien gearbeitet wird, wie Buchstaben und Zahlen eingeführt werden und warum Bewegung und künstlerische Betätigung so wichtig sind für die menschliche Entwicklung. Weiterführende Veranstaltungen erklären dann den Lehrplan in der Mittel- und Oberstufe, die Praktika, Klassenfahrten und Abschlüsse.

Aus einer Fülle von Eindrücken entsteht nach und nach ein äußeres und inneres Bild, was Schule für Kind und Familie sein soll und möglicherweise sein wird. In nahezu allen Aufnahmegesprächen wünschen sich die Eltern an erster Stelle, dass sich ihr Kind wohlfühlt und gerne zur Schule geht. Es soll gesehen und in seinen individuellen Fähigkeiten gefördert werden. Die Eltern erklären ihren Unterstützungswillen für die Schulgemeinschaft und erhoffen sich ein gutes Miteinander im besten Sinne für ihr Kind. Sie haben schon Monatsfeiern und Feste der Schule besucht und sind angetan von den Schülerdarbietungen und von der harmonischen Atmosphäre. Manche Eltern erwarten auch nichts anderes als eine lückenlos glückliche Schulzeit mit direktem Weg zu Abitur. Diese Ansprüche sind natürlich verständlich. Wer wünscht sich nicht eine harmonische, glückliche Schulzeit für sein Kind, wenn dabei auch noch eine rundum gelungene Persönlichkeitsbildung und hervorragende Wissensvermittlung herauskommen?

Viele Waldorfschulen beschreiben ein solches oder ähn­liches Bild auch in ihren Leitbildern und die Eltern sind nur zu willig, sich mit ihrem Kind auf den Weg zu machen, der ihnen dort beschrieben wird: Das Kind im Mittelpunkt, Entfaltung der Individualität durch eine Balance von kognitiven und handwerklich-künstlerischen Unterrichten, Erleben der Natur, Wertschätzung und Verlässlichkeit im gemeinsamen Handeln.

Schule – eine Aufgabe für alle

Nun ist ein Leitbild keine Beschreibung eines Ist-Zustandes, sondern eines Zieles, auf das man gemeinsam hinwirken will. Ein Ideal muss getragen werden vom Willen aller Beteiligten, um wirksam zu werden, sonst wird es zu einer Anspruchslast, unter deren Gewicht kein Zauber mehr erscheinen will.

Dass dieses Wirken am Ideal eine Aufgabe für Pädagogen und Eltern zugleich ist, wird schon mit Beginn des Schulalltags erkennbar. Oft ist es schon der erste Schultag, der zeigt, dass eine schöne Schulzeit nicht einfach über uns kommt, sondern Aufgabe aller Beteiligten ist. Zum Beispiel mit dem Abschied an der Klassenraumtür: Da wird das Loslassen zu einer Elternaufgabe, die auf einmal eine andere Färbung erhält, als noch im Kindergarten. Das Gebäude hat eine andere Dimension, es gibt viel mehr Personen, als nur die Erzieherin. Die Erstklässler müssen sich in einer großen, altershomogenen Gruppe zurechtfinden, in der sie nicht mehr allein die »Königskinder« sind, sondern ihren Platz im Sozialgefüge neu finden sollen. »Loslassen« wird für die Eltern eine ganz neue Übung, ebenso für die Kinder. Es wird zur ersten Schulaufgabe der Eltern, ihren Kindern zu zeigen, dass sie nicht nur Vertrauen in die Schule und in die Menschen haben, die dort sind, sondern auch in ihr Kind, sich diesen neuen Gegebenheiten stellen zu können. Eine Aufgabe, deren Gelingen nicht nur im Willen der Eltern liegt, und von der ganzen Schulgemeinschaft begleitet werden sollte.
An den Zauber, die Magie und damit auch die Ideale immer wieder anzuknüpfen, ist Geschenk und Auftrag zugleich. Vieles begegnet uns im Schulalltag, das den Zauber verschleiert. Wenn auf dem Elternabend nur noch über Klassenkassen, Organisationsfragen und Hausaufgabenregelungen gesprochen wird, gehen die Eltern selten verzaubert nach Hause. Wenn sie aber durch die Lehrer erfahren dürfen, wie die Kinder die Wasserfarben erleben, welche Wandlung eine Klasse durch ein Märchen oder eine eurythmische Übung erfährt, wenn sie in ihren Herzen ihr Kind in der Erzählung des Lehrers erleben, dann setzt die Magie ein und das gute Gefühl, das Richtige zu tun.

Um diesen Zauber über die Schulzeit zu bewahren, müssen sich die Eltern mit allem verbinden, was rund um ihre Kinder in der Schule geschieht. Es braucht Interesse und Herzenswärme für die Pädagogik und eine offene Haltung gegenüber ihrer Umsetzung. Dies bedeutet nicht, kritiklos zu sein, ganz im Gegenteil. Wer in gutem, kontinuierlichem Austausch bleibt – und hier sind die Eltern und Lehrkräfte gleichermaßen gefordert – kann auch kritische Nachfragen so in die Beziehung einbetten, dass sie in etwas Konstruktives münden, das am Ende dem Kind zugutekommt.

Es braucht dafür eine achtsame Gesprächs- und Streitkultur, die in entsprechend angelegten Strukturen der Schule erübt werden kann. Es können Verabredungen getroffen werden, in welcher Form Kommunikation stattfinden soll, etwa mit Hilfe einer E-Mail-Netiquette, in welchen Konstellationen Gespräche stattfinden, welche Aufgaben den Elternvertretern zufallen, wie Vertrauliches gehandhabt wird und worüber ein regelmäßiger Austausch stattfinden soll.

Hoffnungsanker Waldorf

Erlebnisräume zu schaffen, Zeit für Hingabe und Vertiefung zu ermöglichen, sind einige der Aufgaben, denen sich die Waldorfschulgemeinschaften stellen. Dass es eine Sehnsucht danach gibt, zeigt sich nicht nur in den Aufnahmegesprächen mit den Eltern der Schulanfänger. Oft soll auch für Quereinsteiger die Suche nach der richtigen Schule mit der Aufnahme in eine Waldorfschule ein Ende haben. Das Kind soll endlich ein schulisches Zuhause finden und glücklich werden, wenn es dem Leistungsdruck an der Regelschule nicht mehr standhält oder sich dort nicht gesehen und verstanden fühlt. Die Waldorfschule ist dann für viele Eltern ein Hoffnungsanker, der dem Kind und damit der ganzen Familie wieder Ruhe und Zufriedenheit schenken kann. Oftmals funktioniert das auch und Eltern und Schüler erleben für sich ein Aufatmen und das Gefühl, angekommen zu sein.

Manchmal sind allerdings die Ansprüche an das Heilbringende größer, als eine Schulgemeinschaft sie erfüllen kann und der Zauber des Anfangs weicht einer Ernüchterung. Dieser Herausforderung begegnet man entweder mit Mut und Herzenskraft oder man resigniert.

Der gemeinsame Wille zählt

Die Waldorfschulzeit umfasst eine Lebensspanne, in der, wie das eben im Leben so ist, alle Facetten eines gemeinsamen Tuns ihren Aktionsraum haben können. Aus dem persönlichen Erleben der eigenen Schulzeit haben wir Erwachsenen unsere Vorstellungen einer idealen Schule entwickelt. Uns nun mit unseren Ideen in eine Gemeinschaft zu begeben und am anderen zu lernen, ist eine Aufgabe, der sich die Schüler und die Erwachsenen gleichermaßen stellen und die wir mal besser oder auch mal nicht so gut lösen. Was uns vereinen sollte, ist der Wille, dieses Stück unseres Lebensweges einem gemeinsam geformten Ideal folgen zu lassen und damit die Schulzeit nicht nur für unsere Kinder, sondern auch für uns Eltern zu etwas unvergleichlich Wertvollem zu machen.

Es ist ein beeindruckendes Erlebnis, wenn Schüler und Eltern am Ende auf die Waldorfschulzeit zurückblicken und noch einmal das erleben, was sie umgeben und geformt hat: Wenn man noch einmal den Zeugnisspruch der ersten Klasse hört, die alten Epochenhefte ansieht, die Klassenspiele reflektiert, umschließt die Klassengemeinschaft erneut diese magische Kraft, die sich oft viele Jahre später noch in gehaltenen Kontakten oder Freundschaften zeigt.

Und so kann der Zauber des Anfangs, von dem Hermann Hesse spricht, tatsächlich zu etwas werden, das uns beschützt und hilft zu leben.

Zur Autorin: Ellen Niemann ist seit 2007 Mitglied des Landeselternrates Berlin-Brandenburg und seit 2013 Mitglied der Bundeselternkonferenz. Mitarbeit in der Bundeskonferenz und im European Network of Steiner Waldorf Parents.

Kommentare

Gerdi Horn, Winningen, 02.09.20 11:09

Der Kern von WS und das Tun der Eltern, wunderbar beschrieben! Ich hätte es nicht besser ausdrücken können ;-)

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