Die Oberstufe verträgt kein intellektuell gemütliches Weiter so!

Von Stephan Sigler, Februar 2019

»Neue Lehrer braucht das Land – ein Plädoyer für eine zeitgemäße Schule« ist der Titel eines Buches von Peter Struck, das schon 1994 erschien.

Foto: © Charlotte Fischer

In diesem Buch werden viele Themenfelder der Schule angesprochen, die auch die Waldorfschule betreffen: So spricht sich Struck für ein Klassenlehrerprinzip aus, womit gemeint ist, dass ein Lehrer oder eine Lehrerin die Klasse für einen Zeitraum von mehreren Schuljahren intensiv begleitet. Ebenso fordert Struck Berichtszeugnisse, Schulautonomie insbesondere in Hinsicht auf die Personalhoheit und vieles andere mehr. Nach über 20 Jahren sind einige dieser Forderungen im Regelschulbereich tatsächlich umgesetzt, manches ist noch immer in der Diskussion und manches in die vermeintliche pädagogische Mottenkiste eingelagert.

Was Waldorfschulen wirklich bräuchten, wäre allerdings ein Buch mit dem Titel »Neue Lehrer brauchen die Oberstufen«. Nicht nur weil ein Mangel an Ober­stufenlehrern herrscht – das natürlich auch –, sondern weil der Untertitel des oben genannten Buches auf das eigent­liche Defizit hinweist: Was kann heute eine »zeitgemäße Schule« sein? Genauer: eine »zeitgemäße Oberstufe«?

Angesichts der sich immer schneller verändernden Welt und der sich immer drängender stellenden Fragen zum Klimawandel, zur Digitalisierung oder zum Selbstverständnis der westlichen Gesellschaften ist die Frage nach der Zeitgemäßheit von Schule schon deshalb nicht leicht zu beantworten, weil sie sich auf eine offene Zukunft beziehen muss. Die Zukunftsfragen zielen in moralischer und philosophischer Hinsicht direkt auf die conditio humana: Ist beispielsweise die Forschung an künstlicher Intelligenz vertretbar, auch wenn überhaupt nicht absehbar ist, dass diese von ihren Erschaffern durchschaut und kontrolliert werden kann? Oder: Dürfen Elektroden ins menschliche Gehirn eingepflanzt werden, die durch elektrische Reize epileptische Anfälle verhindern? Dürfen Chips ins Gehirn eingesetzt werden, um kognitive Leistungen zu verbessern? Solche Fragen sind im Allgemeinen nicht eindeutig beantwortbar und fordern zu einer Entscheidung auf, wie das Menschsein zu begreifen ist.

Angriffe auf den Menschen

Welches Bild des Menschseins wird die Zukunft prägen? Wird es das Bild sein, das der Sozialdarwinismus zeichnet, wonach das Recht des Stärkeren gilt? Oder das Bild eines postmodernen Konstruktivismus, der den Menschen einreden will, dass es keine objektive Realität und keine Wahrheit gibt? Der produktive und zur unmittelbaren Begegnung mit der Weltwirklichkeit

befähigte Wesenskern jedes einzelnen Menschen kommt in solchen Konzepten nicht vor. Folglich muss sich der Mensch mit sich allein und in der Welt verloren erleben; er muss sich abschließen und sich seine Bedeutung von außen zuschreiben lassen, um Stabilität der Person zu gewährleisten.

Vor diesem Hintergrund erscheinen vielleicht auch die besorgniserregenden gesellschaftlichen Entwicklungen der Gegenwart in einem neuen Licht, etwa die vielfach immer lauter werdenden Forderungen, dass erneut geschlossene, kollektive Identitätsangebote entwickelt werden müssten, die eine definierte Zu- und Einordnung des Menschen etwa durch die Nationalität oder die ethnische Abstammung ermöglichen.

Die Überzeugung, keinen Realbezug zur Welt zu haben, nie Wesentliches erfassen zu können und damit auch den eigenen Einfluss auf die Welt nicht ermessen zu können, hat also zur Folge, dass nur einfache und eindeutige Deutungsangebote in offenen Situationen Sicherheit zu versprechen scheinen. Dieses Ohnmachtserlebnis wirkt sich entwicklungshemmend aus und ist daher pädagogisch äußerst schädlich.

Die eigene Schulzeit sitzt tief in den Knochen

Dieser weltanschauliche und lebensweltliche Kontext gehört zu dem Hintergrund, vor dem sich eine zeitgemäße Jugendpädagogik bewähren und legitimieren muss. Damit wird deutlich, dass es in der Oberstufe kein intellektuell gemütliches »Weiter so!« geben kann.

Die größte Herausforderung für die angehenden Lehrer besteht darin, anders zu unterrichten, als man selbst unterrichtet worden ist. Die Prägung durch die eigene Schulzeit sitzt tief in den Knochen. Sie gilt es zu verwandeln, wofür eine waldorfpädagogische Zusatzausbildung den Anstoß liefern soll. Die Auseinandersetzung mit Grundfragen des Menschseins im Rahmen der anthroposophischen Grundlagen der Waldorfpädagogik und im künstlerischen Üben dient einer solchen Verwandlung. Dabei geht es nicht um das bloße Aufnehmen von Inhalten, die als alternative Welterklärungen dienen könnten, sondern um einen Prozess der Individualisierung, der neue Wahrnehmungsperspektiven ermöglicht. Die eigentliche Herausforderung auch im späteren Berufsalltag besteht darin, die gebildeten Begriffe immer wieder in einer gewissen Vorläufigkeit zu halten, wieder aufzulösen, also mit ihnen experimentell zu arbeiten und sich damit nicht nur als Rezipient, sondern als Produzent zu verstehen. Dadurch können neue Zusammenhänge entdeckt werden, die handlungsfördernd und -leitend werden können. Darin liegt das Verwandlungspotenzial.

Diese Verwandlung der Lehrerpersönlichkeit bezieht sich auch auf das eigene Fach, also die prägende Erfahrung eines jahrelangen Fachstudiums, die einerseits unverzichtbare Voraussetzung ist: Fachkompetenz bildet die Basis eines erfolgreichen Oberstufenunterrichts. Andererseits müssen auch hier alte Denkgewohnheiten aufgebrochen werden. Das gelingt weniger durch theoretische Belehrung als vielmehr durch vielfältiges Üben. Beispielsweise in der Physik, wo vom Lehrer entsprechende Experimentreihen immer wieder selbst aufgebaut und durchgeführt werden, um die Augen zu öffnen für das, was tatsächlich unvoreingenommen wahrgenommen werden kann, ohne dass sich schon vorher ein Schleier der Modellvorstellungen darübergelegt hätte. Oder in Geschichte, wo das Erzählen in der Klasse so geübt wird, dass in den Schülern historische Imaginationen entstehen, die eine intensive Begegnung der Schüler mit dem Lerngegenstand ermöglichen. Im Fach Mathematik gilt es, den empirischen Untergrund, also mathematische Phänomene, wieder zu entdecken, die nur dadurch sichtbar werden, dass sie durch eigene innere Bewegung rechnend und zeichnend hervorgebracht werden.

Ohne diese übende Tätigkeit im Fach ist die Bedeutung und Wirkung der intendierten individuellen Urteilsbildung als Zentrum des Oberstufenunterrichts nicht verstehbar. Auch für werdende Lehrer gilt: Ohne eine leibhaftige Erfahrung setzt kein transformatorischer Prozess ein. Wie kann ein Physikunterricht realisiert werden, in dem die Begriffsbildung an der Wahrnehmung selbstständig erfolgt? Wie kann ein Geschichtsunterricht so gestaltet werden, dass er durch Perspektivwechsel und analytische Distanz die eigenen historischen Imaginationen kritisch reflektiert, die geschichtliche Narration der Schüler erweitert und den Zusammenhang mit der eigenen Identität stiftet? Und wie kann ein Mathematikunterricht aussehen, in dem mathematische Strukturen von den Schülern selbst entdeckt, bewiesen und in größere begriffliche Kontexte eingebettet werden?

Wie soll – allgemein gesprochen – Unterricht realisiert werden, der dem Eigenwesen der Schüler in jedem Hauptunterricht das seelisch-geistige Aufrichten und somit einen täglichen Individuationsprozess in einer Weltbegegnung ermöglicht?

Ziel ist es schließlich auch, die Oberstufe von einer funktionalistischen Vereinnahmung des Unterrichts zu befreien, wie sie beispielsweise in Anschluss an die PISA-Studien durch das einseitige Propagieren von Kompetenzen geschehen ist, wobei Kompetenzen vielfach allein daran bemessen werden, inwieweit sie dafür qualifizieren, an der wirtschaftlichen Wertschöpfung und am institutionell eingerichteten gesellschaftlichen Leben partizipieren zu können. Die Perspektive muss umgedreht werden: Der Bildungsprozess muss vom individuellen, in der Welt handelnden Menschen aus begriffen werden.

Bereit für offene Fragen

Dieser Ansatz im Oberstufenunterricht an Waldorfschulen ist aktueller denn je, denn er regt einen Bildungsprozess an, der auf eine immer im Werden begriffene Individualität zielt, eine Individualität, die in Polaritäten und Widersprüchen leben und mit offenen Situationen und Fragen umgehen kann. »Der Mensch ist das einzige Wesen, das in jedem Moment entscheidet, was es ist«, formuliert Viktor Frankl – und er entscheidet damit auch über die zukünftige Welt, mag hinzugefügt werden.

Der Beruf des Oberstufenlehrers an Waldorfschulen ist deshalb so lohnend, weil man durch ihn das Privileg genießt, täglich in den Schülern das individuell Zukünftige zu sehen. Davon kann ein ungeheurer Optimismus ausgehen. Man sieht dieses Zukunftspotenzial aber nur, wenn die Unterrichtsgestaltung den Raum gibt, dass es sich realisieren kann.

Zum Autor: Stephan Sigler ist Dozent am Lehrerseminar Kassel und Lehrer in der Mittel- und Oberstufe an der Freien Waldorfschule Kassel für Mathematik und Geographie.

Literatur: S. Sigler, W. Sommer, M. Zech (Hrsg.): Handbuch Oberstufenunterricht an
Waldorfschulen, Weinheim 2018 | V. Frankl: Trotzdem ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager, München 1996

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