Die pädagogische Bedeutung des praktischen Lernens

Von Wilfried Gabriel, Februar 2018

Welche Fähigkeiten soll die Schule den Kindern und Jugendlichen mitgeben, damit sie den Herausforderungen von morgen zuversichtlich begegnen können? Auf welcher Grundlage können die immer größer und komplexer scheinenden Aufgaben – Globalisierung und Digitalisierung, Frieden und soziale Gerechtigkeit, Verantwortung für Mensch und Erde – in Angriff genommen werden? Aus Sicht der Waldorfpädagogik kann der Beitrag der Schule zur Meisterung dieser Herausforderungen nur aus einem humanen Bildungsverständnis hervorgehen.

Foto: © Charlotte Fischer

Der Bildungsbegriff, den Goethe einst mit lebendigen Strichen in seiner »Pädagogischen Provinz« malte, hörte sich nach symphonischer Dichtung und Pferdegalopp an, roch noch nach Holz und praktischer, körperlicher Arbeit. Er schloss die kraftvolle Entfaltung der freien Persönlichkeit mit der Wertschätzung dessen zusammen, was unter, um und über ihr ist. Bereits in den 1980er Jahren diagnostizierte der renommierte Erziehungswissenschaftler Wolfgang Klafki eine »Verfallsgeschichte des Bildungsbegriffs« in Deutschland. Gefragt sind vornehmlich Problemlösungsstrategien und Kompetenzen für den Arbeitsmarkt. Es ist eine blasse Bildung, verdünnisiert zu gesellschaftlichen Benimm-Regeln und bloßem Bescheid-Wissen. Sie wird immer weniger vermittelt durch Vorbild, Buch und Bibliothek, vielmehr durch Smartphones und das allgegenwärtige Internet. Dabei nehmen wir heute deutlich wahr, dass unsere gesellschaftlichen Aufgaben und Probleme nicht allein durch die Förderung des Kopfes und der künstlichen Intelligenz gelöst und gestaltet werden können. Der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer meint: »Wenn ich die Bildungsinvestitionen oder Bildungsbemühungen nur in den Bereich des Kognitiven stecke, führt das über kurz oder lang dazu, dass das Humane verloren geht.« Wir erinnern an Rudolf Steiner, der bei Begründung der ersten Waldorfschule auf das Auseinanderdriften der intellektuellen und moralischen Entwicklung in der Neuzeit hinwies und damit einen pädagogischen Auftrag verband.

Im Spannungsfeld polarer Kräfte

Die menschliche Persönlichkeit steht in der Mitte grundlegender Polaritäten: Eine anthropologische Dimension, die sich aus der Polarität von Erkennen und Handeln ergibt. Sie verweist auf ein Lernen mit »Kopf, Herz und Hand« – unterrichtsorganisatorisch metamorphosiert zu kognitiven, künstlerischen und praktisch-handwerklichen Angeboten. Die Polarität von Individuation und Sozialisation markiert die zweite, soziale Dimension. Die eigene Identität kann der Einzelne nicht für sich allein finden und aufrechterhalten, sondern nur im Zusammenhang mit anderen. Auch sie ist Quelle weiterer Polaritäten, wie zum Beispiel Selbstwahrnehmung und Empathie, Distanz und Nähe, Identität und gesellschaftliche Rolle. Bezogen auf das Lernen zum Beispiel durch selbstgesteuertes Lernen und Gruppenarbeit.

Eine dritte Dimension, die gesellschaftlich-kulturelle, bezieht sich auf die Polarität von Tradition und Innovation, in der zum Beispiel Vergangenheit und Zukunft, Wertevermittlung und Ideale mitschwingen, aber auch bewährte Praxismodelle und kreative Methoden.

Im Sinne der goetheschen Idee von »Polarität und Steigerung« bedingen sich die skizzierten Polaritäten gegenseitig. Die Andeutungen mögen genügen, um zu zeigen, dass diese Grundfigur nicht statisch gemeint ist: Sie bezieht sich sowohl auf die innere Verfasstheit des Menschen, als auch auf die korrespondierende Organisation der Schule und die Struktur unseres Bildungswesens. Nur durch ein allseitiges pädagogisches Angebot, das die entsprechenden Polaritäten fördert und fordert, können sich die inneren Impulse der menschlichen Individualität entfalten und steigern. In einem ganzheitlichen Bildungswesen müssten die jeweiligen Polaritäten viel stärker aufeinander bezogen werden. Durch die Trennung von Allgemeinbildung und beruflicher Bildung – das uneingelöste Erbe Humboldts – werden einzelne Bereiche tendenziell unterschiedlich angesprochen und gewichtet. Hier Wissenschaftspropädeutik, dort mehr handlungsbezogenes, praktisches Lernen. Hier mehr selbstgesteuerte Lernprozesse, dort mehr Arbeit in Teams. Dadurch kann die Bildung einseitig werden.

Praktisches Lernen ist praktisch

Die pädagogische Bedeutung des praktischen Lernens liegt nicht nur darin, dass es neben dem kognitiven und künstlerischen Lernen einen wesentlichen Aspekt in einem ganzheitlichen Bildungsverständnis repräsentiert – sie liegt in ihrer eigenen Qualität. Das praktische Lernen fördert und entfaltet wesentliche Fähigkeiten, wenn es altersgemäß aufgebaut wird. Auf der physischen Ebene vermittelt es unmittelbare sinn­liche Erfahrungen und körperliche Geschicklichkeit. Es fördert die lebendige Entwicklung von Kindern, wenn sie sinnvolle Produkte herstellen und in durchschaubaren Abläufen erleben, wozu sie selbst fähig sind. Dadurch kann sich ein gesundes Lebensgefühl in salutogenetischem Sinn entwickeln.

Auf der seelischen Ebene fördert das Planen, Durchführen und Überprüfen der eigenen Tätigkeit die Selbstreflexion und schult den Willen. Die Angleichung von »Gedankenlogik« und »Tatsachenlogik« stärkt das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit. Unter sozialen Aspekten wird durch das Erleben der Arbeit als Arbeit für andere eine altruistische Haltung begünstigt. Es veranlagt einen wertschätzenden Umgang mit den Dingen. Ebenso können dabei grund­legende ökologische und ökonomische Denkweisen und Methoden vermittelt werden. Nicht zuletzt bereitet praktisches Lernen auf gesunde Weise auf den digitalen Wandel vor. Der Umgang mit der Digitalisierung verlangt nach Fähigkeiten, die nicht in der digitalisierten Welt erworben werden können. Nur wer mit der realen Welt zurechtkommt, kann die virtuelle angemessen einordnen.

Auf dem Weg vom Spiel zur Arbeit fördert das handwerklich-praktische Lernen in der Waldorfschule die individuelle Handlungskompetenz, bietet berufliche Erstqualifikationen und schließlich die Grundlagen einer Verantwortungsethik auf jeweils unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Wenn die Waldorfschulen diesen Bereich weiter so aufwerten würden, dass er durch einen entsprechenden Abschluss parallel zu den künstlerischen und kognitiven Abschlüssen (zentrale Prüfungen) führt, wäre dies ein wichtiges Signal und zugleich ein Beispiel für die Reform des Bildungswesens. Dies könnte durch ein Abschlussportfolio »Praktischer Allrounder« im Rahmen des Waldorfabschlusses umgesetzt werden. Auf dieser Basis könnten dann weitere berufliche Qualifikationen aufbauen. Damit wäre ein weiterer Schritt zu einer ganzheitlichen Allgemeinbildung getan.

Zum Autor: Dr. Wilfried Gabriel, Waldorf-Berufskolleg Schloss Hamborn, Forschungsstelle Waldorf-Arbeitspädagogik, Berufsbildung an der Alanus-Hochschule Alfter. E-Mail: waldorf-berufskolleg(at)alanus.edu

Literatur: W. Flitner (Hrsg.): Goethes pädagogische Ideen. Die pädagogische Provinz nebst verwandten Texten, Düsseldorf 1962 | W. Gabriel: Erziehungswissenschaft und Waldorfpädagogik. In: P. Heusser, J. Weinzirl, A. Zajonc, S. Baumgartner (Hrsg.): Rudolf Steiner. Seine Bedeutung für Wissenschaft und Leben heute, Stuttgart 2014| J. Nida-Rümelin/K. Zierer: Auf dem Weg in eine neue deutsche Bildungskatastrophe, Freiburg 2015

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