Die wahren Helden der Schule

Von Mathias Maurer, April 2010

Liebe Leserin, lieber Leser,

Nico stürmt nach vorne, nimmt mit zwei Sätzen die Treppe, quer über die Bühne, am Lehrer schnell vorbei, ohne ihn richtig anzuschauen, zack sitzt er auf der Bank. Maria geht mit sicherem Schritt, ergreift die Hand des Lehrers, blickt ihm in die Augen und setzt sich auf die Bank. Henry verlässt nur zögernd den Platz neben seinen Eltern, als er aufgerufen wird. Auf halber Strecke kehrt er um ... es ist Einschulungstag und die Erstklässler absolvieren diesen markanten Einschnitt so unterschiedlich, wie sie sind.

Das Gefühl kennt jeder: In bestimmten Situationen von vielen Augen beobachtet zu werden und zu merken: Jetzt kommt es auf Dich an – dabei keinen blassen Schimmer davon zu haben, um was es eigentlich geht und was denn alle von einem wollen. Es schwebt eine diffuse Erwartungswolke um einen herum. Nur eines ist klar: Es passiert etwas und was passiert, wird folgenreich sein. Wird sich die Wolke als katastrophales Gewitter entladen oder zieht sie ruhig wie an einem Sommerhimmel vorüber? So fühlt und fragt sich ein Kind bei der Einschulung ganz unbewusst. Es ist ein Zustand unsicheren Herausgehobenseins, ein Schritt über den Abgrund, ohne zu wissen, ob der Fuß die gegenüberliegende Seite erreicht – ein hochriskantes Geschehen. Und das Kind ist nach der Einschulung tatsächlich und plötzlich ein anderes!

Es ist eine der Lebensprüfungen, die es mit diesem Übergang zu bewältigen hat. Welt – eine unbekannte neue Welt strömt auf es ein. Fremde Kinder, fremde Menschen – seine Lehrer – lernt es kennen. Sein soziales Umfeld ändert sich radikal. Das Elternhaus tritt in den Hintergrund. Wird Neugier oder Ängstlichkeit überwiegen? Der individuelle seelische Lebensgestus eines Kindes wird an diesem Schritt sichtbar. Das Kind weiß nicht, was es bestanden hat, es spürt nur: Ich habe etwas bestanden. Ich bin Mitglied einer neuen Gemeinschaft. Das zeichnet mich aus, das macht mich groß, jedenfalls größer als meine alten Freunde, die noch in den Kindergarten gehen. Jetzt beginnt die Eroberung: Erste Freundschaften, aber auch Feindschaften entwickeln sich. Jetzt zeigt sich, ob das mitgebrachte Handwerkzeug etwas taugt.

Erstklässler sind Helden. Ihnen stehen noch viele Prüfungen bevor. Schule sollte alles tun, um sie als solche auch zu entlassen, gestärkt für alle folgenden Übergänge.

Aus der Redaktion grüßt

Mathias Maurer

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