Neues aus der Fremdsprachenszene

Juni 2019

Der Trend der Fremdsprachen in den Waldorfschulen geht zum Epochenunterricht. Eine Übersicht.

Dialoge auf Russisch und Deutsch beim Tandemlernen zwischen der Arbeit im Gelände.

Guter Sprachunterricht in der Unterstufe

In zwei Umfragen 2017 und 2018 eruierte die Unterrichtsberaterin Dagmar Diestel, welche schulstrukturellen und inhaltlichen Merkmale als förderlich für guten Fremdsprachenunterricht in den Klassen 1–4 gelten. Kolleginnen und Kollegen aus rund 60 Waldorfschulen im In- und Ausland nahmen daran teil. Ziel war es, sowohl aktuelle Trends als auch bewährte Praxisbeispiele zu erfassen.

Was die strukturellen Bedingungen anbetrifft, so zeichnet sich in den Antworten ein Trend zum Epochenunterricht ab, der bisweilen auch als entscheidende Voraussetzung für den Lernerfolg der Schüler dargestellt wird. Einige Lehrkräfte drücken sogar deutlich ihr Bedauern darüber aus, dass an ihren Schulen diese Form zugunsten des fortlaufenden Fachunterrichts in der Unterstufe aufgegeben worden ist. Wenn dieser dann auch noch, wie öfter beklagt, mit nur zwei Wochenstunden bestritten werden soll, muss am Sinn des Fremdsprachenunterrichts gezweifelt werden.

An einigen Schulen scheint sich auch die Einführung von Sprachbändern oder Blöcken im Stundenplan, das heißt in mehreren Klassen parallel stattfindender Sprachunterricht mit mindestens drei Fachstunden als weitere effektive Lernvoraussetzung, etabliert zu haben.

Als wichtige Voraussetzungen für die Lehrkraft wurden neben waldorfpädagogischer Ausbildung in erster Linie genannt: fachgerechte Einarbeitung und Mentorierung neuer Kollegen, gegenseitige Unterrichtsbesuche, Hospitationen durch geschulte Fachkräfte von außen sowie eine klare Kontinuität, so dass der Unterricht möglichst sogar bis in die Mittelstufe hinein durch dieselbe Lehrkraft gewährleistet ist. 

Allen Zweiflern zum Trotz betonten die Befragten mit großer Häufigkeit auch die Bedeutung der konsequent durchgeführten Einsprachigkeit im frühen Fremdsprachenunterricht, wodurch die jüngeren Kinder zum Mitsprechen angeregt werden. Weitere, vielfach genannte Merkmale waren u.a. Methodenwechsel und inhaltliche Abwechslung mit einem reichen Angebot an sprachlicher, auch poetischer Vielfalt, bildhafte Vermittlung und kreative Spielelemente, die die Nachahmungskräfte und die Neugier der Kinder anregen, sowie ein wohlwollendes Miteinander und empathisches Lernklima, bei dem Humor und Spaß am Unterricht die Grundstimmung positiv beeinflussen.

All diese Merkmale sind zwar nichts Neues für erfahrene Fremdsprachenlehrer, allerdings rufen die Umfrage­erge­b­nisse dazu auf, durch förderliche Rahmenbedingungen das Augenmerk ganz besonders auf diese offenbar bewährten Charakteristiken zu richten und alles dafür zu tun, dass sie in der Praxis an der Waldorfschule zum Tragen kommen können.

Kontakt: diestel_fortbildung(at)icloud.com, http://dagmardiestel.eu

Fremdsprachenunterricht in Epochen 

Epochenunterricht wird an vielen Schulen praktiziert. Es war jedoch in der Waldorfpädagogik lange umstritten, ob sich Fremdsprachenunterricht überhaupt für Epochen eignet. In einer fundierten Untersuchung, einer Diplomarbeit an der Freien Hochschule Stuttgart bei Prof. Dr. Christoph Jaffke, kam Mechthild Contino aufgrund einer breit angelegten Schulbefragung zu einem überraschend klaren Ergebnis: Schulen, die den »Periodischen Fremdsprachenunterricht« eingeführt haben, gehen nur selten wieder davon ab, und wenn, dann eher aus äußeren, organisatorischen, nicht aus pädagogischen Gründen. 

Die große Mehrheit der befragten Schulen berichtet von vielen Vorteilen, die der Epochenunterricht mit sich bringt, angefangen vom konzentrierteren, vertiefenden Arbeiten bis zur Verbesserung der Lehrer-Schüler-Beziehungen. 

Kontakt: christophdrjaffke(at)email.de

Sprachblöcke im Stundenplan 

Zu den größten Hindernissen für guten Fremdsprachenunterricht gehört oftmals der leidige Stundenplan, dieses »Mordmittel für eine wirkliche Entwickelung der menschlichen Kräfte«, wie Steiner einmal drastisch formulierte. Für die sensiblen Sprachstunden, in denen Zuhören, soziales Miteinander und Interaktion besonders wichtig sind, forderte Steiner deswegen eine Unterrichtszeit möglichst früh am Vormittag. Die Praxis an den Waldorfschulen sieht aber bis heute oft anders aus. An der Widarschule Bochum-Wattenscheid ist nun bereits im zweiten Jahr ein Reformstundenplan in Gebrauch, bei dem alle Klassen bis zur 8. Klasse Fremdsprachenstunden nur noch vor 12 Uhr haben. Sie liegen in festen Sprachstreifen oder »Blöcken« an allen Wochentagen immer zur gleichen Zeit. Möglich wird dieser »Stufenstundenplan« durch eine Gruppierung der Lehrkräfte in Stufenteams, die sich neben dem Klassenlehrer auch um die pädagogischen Belange ihrer Klassenstufen kümmern, sowie gezieltes Versetzen der Arbeitszeit der verschiedenen Fachschaften. So entstehen größere Blöcke von Fächergruppen, die in den einzelnen Klassenstufen (Kl. 1–3, Kl. 4–6 usw.) kognitive, künstlerische und praktische Fächer gezielt abwechseln lassen.

Fremdsprache im Gartenbau- und Werkunterricht 

An der Rudolf-Steiner-Schule Genf wird seit einigen Jahren eine »Content and Language Integrated Learning« (CLIL) genannte Methode erfolgreich angewandt. Nikolai Höfer praktiziert dort erfolgreich Gartenbau- und Werkunterricht in der Fremdsprache Deutsch. Wie er 2018 in seiner Diplomarbeit an der Akademie für anthroposophische Pädagogik (Dornach/ Schweiz) dargestellt hat, gehören dazu bestimmte methodische Schritte, wie zum Beispiel konsequente Einsprachigkeit in weiten Teilen des Unterrichts, Heftarbeit, Beschilderungen, Arbeitsanleitungen durchgehend in der Fremdsprache, jedoch auch Möglichkeiten der Nachfrage durch die Schüler in ihrer Muttersprache. Die Methode wurde breit evaluiert, wobei auch die Schüler selbst befragt wurden. CLIL hat sich auch an anderen Schulen in der Schweiz verbreitet, in Deutschland noch wenig. 

Kontakt: ts(at)lebenslernen.ch (Thomas Stöckli); https://www.institut-praxisforschung.com/publikationen-und-downloads/steiner-schulen-schweiz/fremdsprachen/

Spanisch im Kommen

Als letzte der »großen Drei« hat sich neben Französisch und Russisch inzwischen auch Spanisch an deutschen Waldorfschulen etabliert. Heute bieten es rund 30 Waldorfschulen als Unterrichtsfach an. Acht Schulen beginnen gleich in der 1. Klasse, die übrigen in der Mittel- und Oberstufe. Teils wird die Sprache aufgrund des großen Interesses als AG angeboten. An einigen Schulen gelingt es bereits, Studienfahrten nach Spanien anzubieten oder andere Formen der Begegnung mit Spanien oder Lateinamerika zu pflegen.

Der Aufbau eines fundierten, fachlich und menschenkundlich begründeten Spanischunterrichts an unseren Schulen setzt voraus, dass die Kollegien wie auch die Spanischlehrer selbst sich miteinander vernetzen, Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten nutzen und den Austausch von Anregungen, Erfahrungen und Material fördern. Wie Anne Wolf von der Waldorfschule Greifswald berichtet, suchen, sichten, entwerfen und erfinden die Spanischlehrer an den einzelnen Schulen Unterrichtsmaterial aller Art, damit die Schüler sich ohne Lehrbücher sicher in die Sprache vertiefen können.

Es ist inzwischen schon dreimal gelungen, nach Art der übrigen Sprachwochen eine Semana Española zu organisieren: Im Juni 2016 erkundete eine Gruppe von Spanischlehrern das modernistische Barcelona und besuchte in der Escola Waldorf-Steiner El Til·ler in Barcelona Seminare bei Georgina Escalante und Luis Romaní; im März 2017 organisierte Elena Forrer (San Francisco Fair Oaks, California) den Teilnehmern einige intensive, lehrreiche Tage in der Akademie für Waldorfpädagogik in Mannheim; und im Mai 2019 konnten sich die engagierten Lehrer gemeinsam mit fünf erfahrenen Dozenten (Tamara Chubarovsky, Georgina Escalante, Robert Hartung, Isabelle Schweitzer und Gloria Picón) pädagogischen, methodischen und künstlerischen Fragen widmen.

Mit Russland im Austausch 

Weimarer Schüler fahren regelmäßig zum Schüleraustausch nach Russland. Wie die Russischlehrerin der Freien Waldorfschule Weimar, Christiane Harder, berichtet, gibt es bereits seit Goethes Zeiten enge kulturelle Beziehungen zwischen Weimar und Russland, etwa durch die Zarentochter und deutsche Fürstengattin Maria Pawlowna. 1999 wurde in Weimar ein Abkommen zur Förderung des Jugendaustauschs zwischen Russland und Deutschland geschlossen – übrigens im selben Haus, in dem Rudolf Steiner seine »Philosophie der Freiheit« geschrieben hat. Ein paar Jahre später kam der Urenkel des großen Romanciers Graf Lew Tolstoj nach Weimar, was einen Schüleraustausch der Waldorfschule mit Jasnaja Poljana, dem bekannten Landgut Tolstojs, nach sich zog.

Durch eine Begegnung mit Lehrern der Waldorfschule Pinskogo in Moskau entstand in der Folge etwas, was als Keim für ein neues gemeinsames Verantwortungsgefühl für Welt und Erde erlebt wurde. Weimarer und Moskauer Schüler fuhren zusammen in das völlig abgelegene Dorf Jurjewskoje nördlich von Jaroslawl, das auf keiner Karte eingetragen war, um dort Landwirtschafts- und Forstarbeit zu betreiben. Beim Gegenbesuch in Weimar beteiligten sich die russischen Schüler an der Pflege eines Forsts, der ursprünglich von Maria Pawlowna als Obstbaum-Hain für die ärmeren Weimarer angelegt worden war. Nun arbeiteten beide Schülergruppen wieder Seite an Seite und halfen bei der Umwandlung des inzwischen von Nadel­bäumen dominierten Waldstücks in einen Mischwald mit Nussbäumen.

Das Interesse am Schüleraustausch, der schon seit Jahren von der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch (DRJA) gefördert wird, hat an der Weimarer Schule stetig zugenommen. Inzwischen melden sich fast ganze Klassen zum Austausch und nehmen Gäste auf. In der Unter- und Mittelstufe ist deutlich zu spüren, dass das Sprachenlernen dadurch verstärkt motiviert ist, selbst wenn der Besuch nicht direkt erlebt wird. Auch private Freundschaften werden vermehrt gepflegt. Jeder spürt, dass Deutsche in Russland herzlich willkommen sind und die Begegnung in Wissenschaft, Kultur und Schulwesen sehr begrüßt wird. Von den Deutschen wird viel Gutes erwartet – allen politischen Krisen zum Trotz!

Lernen mit Chansons  

Französisch ist eine eminent musikalische Sprache. An vielen Phänomenen lässt sich beobachten, wie die Klanglichkeit der Sprache über die grammatikalische Logik gestellt wird. 

So kann auch das überaus reiche Repertoire der französischen Lieder, bei denen die Grenze zwischen »volkstümlichen« und »artifiziellen« Liedern fließend ist, eine unerschöpfliche Fundgrube für musikalisch-sprachlichen Unterricht sein, wie er von Bertold Breig an der Freien Waldorfschule Frankfurt praktiziert wird.

Sowohl musikalisch als auch inhaltlich haben die Chansonkomponisten und -sänger des 20. und 21. Jahrhunderts ein Repertoire von unglaublicher Vielfalt geschaffen. Die Texte, an denen man alles erleben kann, was die französische Gesellschaft bewegt, gehören zum anerkannten literarischen Kanon und es gibt kein Thema, das nicht besungen würde. Die Spannweite reicht von intimer, persönlicher Empfindung bis hin zum politisch engagierten Chanson.

All das bietet ein reichhaltiges Erfahrungsfeld für die Jugendlichen. Für jede Altersstufe gibt es Lieder, die in den Schülern etwas ansprechen. Von spritzigen bis zu melancholischen Stimmungen steht musikalisch alles zu Gebote, so dass sich für jede Persönlichkeit etwas finden lässt, womit sie sich gerne identifiziert. So führt der Unterricht sowohl zu chorischen Aufführungen als auch zu Darbietungen in kleinen Ensembles oder mutigen solistischen Auftritten, in denen sich die jungen Künstler mit selbst gewählten Chansons individuell auseinandersetzen.

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