Lies mich

Von Mathias Maurer, Juni 2011

Liebe Leserin, lieber Leser,

»Lies mich« – das war ein Befehl. Paul deutet auf das Buch, das er vom Vorlesen seiner älteren Geschwister kennt. Zielsicher nutzt er die Gelegenheit, einmal ganz allein etwas vorgelesen zu bekommen. Ich denke: Warum soll ich einem Dreijährigen ein Märchen vorlesen, das er sowieso nicht versteht? Was gefällt ihm daran? »Lies mich« – kann es sein, dass sein Versprecher weder etwas mit Wissbegierde oder Sozialneid, sondern nur mit ihm selbst zu tun hat? – Horchen auf das gesprochene Wort, das eine Bildwelt in ihm anregt, die – jenseits von Verstehen – ein inneres Bedürfnis stillt? Andere Überlegungen brachten mich einer Antwort näher.

Was tun Sie gerade? – Lesen! – ein Können, das heutzutage nicht mehr selbstverständlich ist. Immer mehr Erwachsene und Kinder sind leseabstinent. Die Zahl der sogenannten funktionalen Analphabeten, denen sich der Sinn des Geschriebenen nicht erschließt, wächst. Es reicht gerade noch für oberflächliches Infotainment, Infohappen mit Kapiergarantie, die die Suchmaschinen ausspucken.

Nur Schrift kann gelesen werden, eine Kulturtechnik, die das Bewusstsein der Menschheit revolutioniert hat. Was in früheren Zeiten von Mund zu Ohr ging, gesprochen oder handschriftlich weitergegeben wurde, wird heute massenhaft vervielfältigt. Ein Luther, ein Marx, ein Steiner wären nicht denkbar ohne den Buchdruck, eine Arabellion nicht ohne Nachrichten via Internet, E-Mail oder SMS. Das alles will gelesen werden. Vom ersten Lesebuch bis zur abstraktesten Theorie müssen tote Lettern aus ihren Werken auferstehen – anfangs im ungeschriebenen, vielleicht leise mitgesprochenen Wort, das die Lippen der Kinder stumm mitbewegen lässt, bis in des Lesers Herz, Sinn und Verstand.

Vielleicht haben Sie das schon einmal beobachtet: Ein Kind entziffert mühsam einzelne Buchstaben: »BBB ... III ... BBB ... III ... EEE ... BBB ... III ... EEE ... NNN ... EEE.« Das Kind liest B-I-E-N-E, versteht nicht und rät BIRNE. Wie war das mit dem langen I ? »BIENE!« Ah, welches Glücksgefühl. Es geht ihm regelrecht ein Licht auf. »BIENE« – es entziffert eine Bedeutung!

Und so geht das immer fort: Das Kind liest weiter, immer mehr Wörter, Sätze, ganze Seiten, schließlich Bücher … und steckt weitere Lichter an, die seinen »Weltinnenraum« ausweiten und erhellen. Die Be­deutungen vernetzen sich. Eine über den Buchstaben weit hinausgehende Welt der Gedanken, Bilder und Gefühle tut sich auf – menschen-, ideen- und weltverbindend.

Die Lesezeichen verdichten sich, Sinn wird entziffert. Lesend erkennt das Ich den Zusammenhang der Welt mit sich selbst. – Ist das noch steigerbar? Ja. Wenn das im eigenen »Weltinnenraum« Dargelegte, Auseinandergesetzte, Entwickelte, Eingesehene im gesprochenen Wort aufersteht! – Jeder kennt das, wie das Kind an den Lippen seiner Mutter oder seines Lehrers hängt. Als würde es sich durch die Worte ernähren, jenseits allen Verstehens und semantischen Interpretierens. Das Lesen bedarf des gesprochenen und gehörten Wortes. Deshalb wird ein Stück Welt- und Selbstverstehen verloren gehen, wenn die Kunst des Erzählens und des Lesens schwindet.

Aus der Redaktion grüßt 

Mathias Maurer

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