Lügenbeutel

Von Mathias Maurer, Dezember 2019

Kennen Sie die Geschichte von dem Mann, der alle Lügen in einen Sack einsammelte, sodass sich die Menschen nur noch die Wahrheit sagten? Das Zusammenleben wurde so lieblos, hart und unerträglich, dass der Mann rasch den Beutel öffnete und die Lügen wieder laufen ließ.

Ist es denn eine Lüge, den Kindern Märchen zu erzählen? – Ist es unwahr, wenn ein Kind am Morgen vom Engel spricht, der ihm im Traum erschien? Ist es eine Lüge, wenn wir sagen, die Sonne geht auf? – Wären wir im Besitz der einen Wahrheit, könnten wir nicht anders, als ihr bedingungslos folgen – und wären nicht mehr frei. Doch Freiheit erleben wir nicht im ehernen Besitz einer Wahrheit, sondern in der Möglichkeit, auch falsch handeln zu können. Selbst die logischste Gesetzmäßigkeit, das rationalste Urteil kann, wenn Zeit, Ort und Umstände es wollen, falsch und damit lügenhaft sein. Man denke nur an die »ethischen Probleme« selbstfahrender Autos. Genauso können die besten pädagogischen Rezepte im Klassen­zimmer misslingen. Der Grund: Die absolute Wahrheit versagt gegenüber dem Lebendigen.

»Man muss sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft«, schrieb Rudolf Steiner in der »Philosophie der Freiheit«, und das gilt auch für die Idee der Wahrheit. Und »erlebend« bedeutet: Prüfe die Wahrheit auf ihre Schönheit und Güte, denn sie ist nichts von Mensch und Welt unabhängig zu Denkendes. Steiner spricht sogar von einem Wahrheitssinn, der sich aus dem Empfinden für das Lebendige speist. In einem Vortrag am 31. Juli 1916 führt er weiter aus: »Tritt die Wahrheit ganz unbewusst in uns herein, dann ist sie fertig, und dann sagen wir einfach mit der gewöhnlichen Logik: Das ist wahr, das ist unwahr. Dann hat man ein viel geringeres Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber der Wahrheit, als wenn man weiß, dass die Wahrheit geradeso im Grunde abhängig ist von tiefliegenden Sympathie- und Antipathiegefühlen wie die Moralität und wie die Schönheit, sodass man ein gewisses freies Verhältnis zur Wahrheit hat.«

Es geht also nicht darum, alles Falsche und Unwahre in einen Lügenbeutel zu stecken, sondern darum, einen Sinn für das Leben in Wahrheit zu entwickeln. Das zeigen uns die Kinder unmissverständlich: Predigend kommen wir ihnen in Wahrheitsfragen nicht bei, wir selbst müssen wahrheitsliebend sein. Wahrheit – und Lüge – sind ein Lebensgefühl.

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