Schafft PISA ab

Von Mathias Maurer, März 2011

Liebe Leserin, lieber Leser,

wer hätte das gedacht: Wir sind wieder wer! Zumindest im oberen Mittelfeld liegt Deutschland nach den neuesten PISAErgebnissen in Sachen Lesekompetenz und Rechnen. Natürlich müssen die Schulen noch ordentlich nachlegen. Denn nach wie vor werden wir von den asiatischen TigermamaStaaten zu Entwicklungsländern degradiert, was regelmäßige bildungspolitische Depressionen auslöst. Was machen wir nur falsch? Auch hierzulande trimmen wir doch schon die Dreijährigen in den Kindergärten, der Nachhilfemarkt boomt durch alle Klassenstufen – das Abitur ist bei den meisten ohne nicht mehr denkbar – und Punktsysteme prägen die studentische Lernmotivation an den Hochschulen. Ist es, weil wir in unserem Bildungssystem Druck und Drill öffentlich ablehnen, aber dennoch durch subtilere Formen anwenden? Sind wir nicht genauso weit entfernt von einer kindgerechten Lernkultur wie die PISAGewinner? Sollte man dann nicht lieber Farbe bekennen und sagen: Ja, auf die Noten, auf die Credit Points kommt es an, und die entscheiden über deine Berufsund Lebenschancen. Oder stimmt an PISA etwas nicht, weil es genauso schief hängt wie der Turm? Nicht nur, dass man den Zahlen-Päpsten blinden Glauben schenkt: Die Auftraggeber sind nicht die vereinigten europäischen Kinderschutzvereine, sondern Wirtschaftsunternehmen, und die verfolgen ihre eigenen Interessen: Wie lässt sich Bildung rechnen? Was springt am Ende einer langen – aus ihrer Sicht viel zu langen – Bildungszeit heraus? Und springt ihnen nicht der Staat zur Seite, der an möglichst vielen, möglichst jungen Rentenzahlern interessiert ist? Es scheint, dass die PISA-Empirie an einem wesentlichen Punkt vorbei geht: Dass es zwar Bildungssysteme gibt, die exzellente Ergebnisse aus den Schülern heraustreiben, aber gleichzeitig die angeborene Lernfreude der Kinder, je höher sie auf der Stufenleiter der Auslese steigen, korrumpieren und in humankapitalistische Portfolios pressen. Die Konsequenz wäre, sich nicht PISA, sondern PISA an ein Bildungswesen anzupassen, das ein menschliches Antlitz besitzt – oder PISA gänzlich abzuschaffen.

Aus der Redaktion grüßt

Mathias Maurer

Folgen