Simons Blick

Von Mathias Maurer, Juni 2016

Simon sitzt auf dem Schoß seiner Mutter und verfolgt gespannt das Bühnengeschehen auf der Monatsfeier; er sieht ein Eurythmiestück, aufgeführt von Oberstufenschülern. Danach folgt ein englisches Gedicht. Da fragt er leise: »Mama, wann kommen die Engel wieder?« – »Welche Engel?« – »Vorhin, die Könige mit den schönen Gewändern.«

Der Fünfjährige hat mit Engeln und Königen in schönen Gewändern den Kern der Eurythmie intuitiv erfasst. In unserem Leben gibt es keine Könige mehr und im Schulalltag sind die eurythmischen Engel eher im Absturz begriffen. Das »Alleinstellungsmerkmal« der Waldorfschulen »Eurythmie« kämpft mancher­orts ums Überleben. Finanziell nicht bezuschusst – der Rotstift zuckt –, unverstanden von Eltern und Schülern – die Eurythmisten befinden sich unter ständigem Rechtfertigungsdruck – und selbst in den Kollegien wegen der notwendig geringeren Deputate neidisch beäugt – lässt sich dieses »lästige« Ange­bot doch rasch reduzieren oder gar ganz vom Stundenplan streichen. Es geht ja, je näher sie rücken, nur um die Abschlüsse, es zählen nur die »harten« Fächer.

Um einen neuen Impuls für die Eurythmie zu setzen, bedarf es dreierlei:

Aufklären, was Eurythmie ist und warum man sie betreibt – und zwar gegenüber Eltern und Schülern, besonders in der Oberstufe. Am bes­ten praktisch erfahrbar machen, in Kursen, Elternabenden, Aufführungen, Vorträgen. Am wirksamsten ist, die Eurythmie am eigenen Leibe selbst zu erleben. Nachhaltigkeit durch künstlerische Selbsterfahrung.

Erforschen, wissenschaftlich begründen, dass Eurythmie kein exotisches l’art pour l’art ist, sondern die Fähigkeitsbildung des Menschen ganzheitlich und nachhaltig beeinflusst, nicht nur als ein sich bewegender, sondern sogar als ein rechnender zum Beispiel im Fach Mathematik. Seit Jahrzehnten ist bekannt, Hochgeschwindigkeitskameras lieferten den Beweis, dass der Mensch unbewusst ständig eurythmisiert – selbst wenn er nur zuhört. Überzeugen durch Fakten.

Befähigen, dazu ausbilden, dass Eurythmisten an den Schulen in erster Linie Lehrer sind. Im Fokus steht: Wie bringe ich als Pädagoge, der Eurythmie unterrichtet, die Inhalte meines Faches meinen Schülern nahe? – nicht umgekehrt. Denn es nützt nichts, im professionellen Ernst und Glanz zu erscheinen, ohne dass der Funke den Lernwillen der Schüler und die Unterstützung der Eltern entzündet. Selbstbewusst punkten mit pädagogischem Profil.

»Kannst Du Deinen Namen tanzen?« – man kann den Satz, der zu einem Synonym von Waldorf anvancierte, nicht mehr hören. Müsste er nicht lauten: »Tanzt Du noch oder bewegst du schon?« Man möge sich den Blick des kleinen Simon für diese hohe Kunst wieder aneignen.

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