Ein Recht auf Exklusion?

Von Heinke Wickenhäuser, Juli 2013

Das inklusive Waldorfdreieck Mannheim bietet durchlässige Schulformen.

© Charlotte Fischer

Schon mit der Schulgründung vor 40 Jahren bot die Mannheimer Waldorfschule die Möglichkeit, benachteiligte Kinder in die Klassen zu integrieren oder durch das großzügige Gelände für neue Schulformen eigene Gebäude zu schaffen, mit Kleinklassen, mit Werkstätten oder barrierefreien Zugängen. So entstanden durch gemeinsame Initiative von Elternschaft und Kollegium nacheinander das Werkhaus für den Ausbau des handwerklich-künstlerischen Unterrichts und zur verstärkten Berufsvorbereitung die Odilienschule als Förderschule mit Kleinklassenunterricht und die Hans-Müller-Wiedemann-Schule als heilpädagogische Einrichtung. Auch der Kindergarten hat seit vielen Jahren eine inklusive Gruppe.

Angestrebtes Ziel der verschiedenen Institutionen im »Waldorfdreieck Mannheim« ist es, in absehbarer Zeit bei den Schulaufnahmen nicht mehr vor der Anmeldung in verschiedene Schularten zu differenzieren, und die Kinder einem gesonderten Aufnahmeverfahren auszusetzen, das sich nur auf die Schule bezieht, an die der Antrag gestellt wurde, sondern in einem gemeinsamen Aufnahmeverfahren zu sehen, welche Schulform für das jeweilige Kind die richtige ist. Da der »Blick vom Kinde aus« Grundlage unserer Pädagogik ist, lässt sich mit einem breiten Angebot weitaus besser auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen. So könnte das »hochbegabte« Kind zunächst den notwendigen Schutz einer Kleinklasse brauchen, ein anderes Kind würde durch den Tageslauf im großen Klassenverband in seiner Entwicklung angeregt, ehe es in den höheren Klassen unter Umständen des Rahmens und der Betreuung einer Kleinklasse bedürfte.

Voraussetzung für diese Durchlässigkeit ist das andauernde Gespräch aller Beteiligten. An der großen Schule erleben wir es immer als eine große Bereicherung, die Kompetenz der Heilpädagogen in pädagogischen Fragen einbeziehen zu können, oder sich gemeinsam fortzubilden mit den verschiedenen Gesichtspunkten, die jeder aus seiner Schulform mitbringt. So sehr der egalitäre Gedanke »alle Kinder in eine Klasse« Schranken zu überwinden scheint: maßgeblich muss aus unseren Erfahrungen immer sein, Voraussetzungen zur Entfaltung der Persönlichkeit des einzelnen Kindes zu schaffen, anders gesagt: Dort, wo es ein Recht auf Inklusion gibt, muss es auch eines auf »Exklusion« geben – wenn es dem Kindeswohl dient.

Eine Überlegung, die unserem oft defizitorientierten Denken einen neuen Impuls geben kann ist: Bei dem Gedanken der Inklusion geht es nicht darum, Kinder mit »Handikap« zu integrieren, sondern die wertvollen Eigenschaften jedes Kindes im Klassenverband zusammenzufassen. In diesem Sinn ist jede Klassengemeinschaft angewiesen auf die integrierenden sozialen Fähigkeiten und Besonderheiten der sogenannten »Förderkinder«, die den Horizont einer Klassengemeinschaft erweitern, auch wenn das einzelne Kind in einer heilpädagogischen Einrichtung perfekter betreut würde.

Um die im Schulalltag natürlich vorhandenen Vorbehalte zu überwinden, planen wir in Mannheim als nächsten Schritt, mehr Begegnungsräume zu schaffen, um den Prozess der Annäherung weiter voranzubringen. Hier sind die Lehrer der parallelen Klassenstufen an den verschiedenen Schulen gefragt. Wir haben gute Erfahrungen mit der teilweise gemeinsam durchgeführten Bauepoche in der 3. Klasse gemacht. Gibt es weitere Epochen, die gemeinsam durchgeführt werden könnten? Verschiedene Klassen der Unterstufe treffen sich einmal die Woche zum gemeinsamen Malen, auch Elternabende zu menschenkundlichen Fragen werden für die gesamte Elternschaft aller Schulen angeboten. Das Sozialpraktikum in der Oberstufe kann selbstverständlich an der heilpädagogisch ausgerichteten Hans-Müller-Wiedemann-Schule absolviert werden. Wichtig dabei ist jedes Mal der direkte Bezug der Initiativträger.

Dies lässt sich wohl ganz grundsätzlich zur Einführung der Inklusion sagen:

Per Dekret verordnet, muss sie scheitern. Der Nährboden der Gemeinsamkeit ist das gemeinsame Wollen, das zwischen Menschen lebt. Wo aber der Wille zur Gemeinsamkeit fehlt, ist der Boden steinig und hart.

Zwei Beispiele aus der Praxis:

»Als Klassenlehrerin einer 5. Klasse an einer Heilpädagogischen Schule erfahre ich von unterschiedlichen Schicksalswegen, die die Kinder gerade zu uns führen. Da ist ein Kind, das zwei integrative Beschulungen (zuletzt mit eigener Schulbegleitung) hinter sich hatte, schließlich den weiteren Schulbesuch verweigerte und nach einigen Wochen Schulpause bei uns in kleinster Gruppe und verlässlich wiederkehrenden Abläufen wieder Vertrauen gefasst hat, so dass sich Interesse und Lerneifer zeigen konnten.

Ein anderes Kind war medikamentös zur »Ruhe« gebracht worden und kann inzwischen ohne Psychopharmaka sein, da dank kleiner Gruppe und Räumlichkeiten Beziehung und individuelle Ansprache nahezu beständig gepflegt werden. Dank offener und vertrauensvoller Zusammenarbeit mit der Kollegin an der benachbarten großen Waldorfschule wird es möglich sein, gerade diese Kinder gemeinsam mit ihren Klassenkameraden Begegnung und Arbeit in der großen Klasse erleben und erproben zu lassen, wohl dosiert und ohne Erfüllungsdruck von irgendeiner Seite.« Gerlinde Maria Schmitt (Lehrerin an der Hans Müller-Wiedemann Schule)

Im »Waldorfdreieck Mannheim« befinden sich folgende Schulen und Einrichtungen:

Die Freie Waldorfschule Mannheim, eine zweizügige Schule, die alle Abschlüsse anbietet; mit stark ausgebautem Förder- und Therapiebereich, mit Schularzt und Schulpflegehelferin, mit Aufhebung des 45-Minutentaktes in den Fachstunden.

Die Odilienschule als Freie Schule für Kinder mit besonderem Förderbedarf in den Bereichen Lernen und Erziehungshilfe. Der Unterricht findet in Klassen mit bis zu 13 Schülern statt, wobei der/die Klassenlehrer/in von einer Klassenhelferin unterstützt wird. Therapeutische Maßnahmen auf anthroposophischer Grundlage sind in den Schulalltag eingebunden.

Die FreiZeitSchule, 1975 als erste ihrer Art begründet, ist ein behindertengerechtes freies Kultur- und Bildungszentrum auf der Grundlage von Anthroposophie und Waldorf-Pädagogik. Sie ist Treffpunkt und Begegnungsort für alle Generationen.

Der Hort an der FreiZeitSchule, der als erster Hort in freier Trägerschaft in Mannheim Schüler von der 1. bis zur 6. Klasse aus allen Mannheimer Schulen aufnimmt.

Die Hans Müller-Wiedemann Schule als eine freie heilpädagogische Ganztagsschule auf anthroposophischer Grundlage für Kinder und Jugendliche, die von sogenannter geistiger Behinderung oder Mehrfachbehinderung betroffen sind.

Der Werkhof als Ort zur individuellen Förderung von Jugendlichen aus schwierigem sozialen Umfeld, mit dem Ziel der gesellschaftlichen Integration durch Qualifikation und Persönlichkeitsbildung. In allen Bereichen werden mit den Jugendlichen erreichbare Ziele und gangbare Lösungswege entwickelt.

Die Kinderkrippe »Gänsweide«, in der zwei Gruppen für Kleinstkinder, davon eine integrativ, geführt werden.

Der Waldorfkindergarten »Gänsweide« mit vier Gruppen (20-22 Kinder), wovon eine als integrative Gruppe geführt wird.

Zur Autorin: Heinke Wickenhäuser ist Klassenlehrerin an der Freien Waldorfschule in Mannheim

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