Einsatz in Marokko

Von Isabella Geier, Agnes Kuhs, Christiane Leiste, Februar 2018

Sieben Jahre nach der ersten Begegnung zwischen dem Lycée Al Farbai und der Freien Waldorfschule Augsburg fanden in diesem Sommer zwei Waldorf-Workshops in Marokko statt: einer im Süden, in dem kleinen Städtchen Lakhsass in der Semi-Sahara, der andere in Fès, beide bei Temperaturen über 40 Grad.

Zaineb Armouch, eine junge Grundschullehrerin, die als Kamerafrau zweimal an den Austauschbegegnungen der Waldorfschule Augsburg mit Marokko teilgenommen hatte, sagte nach der Hospitation in einer Eurythmiestunde: »Genau das brauchen meine Schüler!« Sie bat um eine Einführung. Zurück in Marokko recherchierte sie im Internet intensiv über die Waldorfpädagogik und bat mich, ihr zu helfen, einen Einführungskurs in Marokko zu organisieren. Vor Ort wandte sie sich an ihren ehemaligen Professor an der Universität von Agadir, der ihr Ansinnen unterstützte. Es musste ein Programm erstellt und beim marokkanischen Bildungsministerium eingereicht werden, von dem es tatsächlich abgesegnet wurde.

Das kleine Städtchen, in dem der erste Kurs stattfand, liegt an einer Durchfahrtstraße, die durch die ganze Wüste bis in den Senegal führt. Eigentlich besteht der Ort hauptsächlich aus dieser Straße, auf der täglich hunderte Lastwagen hindurchdonnern. Im Staub am Straßenrand sitzen die Männer in Cafés und plaudern oder schauen dem Leben auf der Straße zu.

In den Seitengässchen ist es aber still und heiß, nur wenige Fußgänger sind unterwegs, die ihre Einkäufe erledigen und dann schnell wieder in den Häusern verschwinden. Wir wohnten bei Zainebs Familie. Das Häuschen hatte Raum für jeden, der einer Unterkunft bedurfte, auch die Kursteilnehmer, die von auswärts kamen, fanden Platz. Die Frauen schliefen auf dem Dach unter den Sternen. Tagsüber nahmen alle zusammen die liebevoll zubereiteten, bescheidenen Mahlzeiten ein und wurden auch sonst von der ganzen Familie rührend umsorgt.

Träger des Seminars war aufgrund verschiedener bürokratischer Verzögerungen schließlich doch nicht die Universität Agadir, sondern ein kleiner Verein zur Förderung alleinstehender Frauen durch Bildungsangebote und durch die Produktion von Arganöl, dessen Präsidentin Zaineb etliche Jahre war. Im Versammlungsraum des Vereines fand der Kurs statt.

Die Teilnehmer waren zum größten Teil Lehrer aus dem Dorf und Lehramts-Studierende. Sie zeigten sich von der ersten Minute an tief berührt. Sie saugten das Dargebotene auf wie trockene Schwämme. Noch nie hatten sie von der Wichtigkeit der inneren Beteiligung, der Gefühle, des Willens gehört. Bis jetzt kannten sie nur das Leistungsprinzip und zwar hauptsächlich durch die Methode des Auswändiglernens. Sie machten bei allem begeistert mit. Trotz Hitze und Lärm entstand eine innige Stimmung, die so keiner erwartet hatte.

Wir gaben eine Einführung in die Buchstaben- und Zahlenvermittlung, das Formenzeichnen, Wasserfarbenmalen, die Eurythmie, den Fremdsprachenunterricht und das Storytelling. Alles wurde konzentriert und dankbar aufgenommen. In Kleingruppen erarbeiteten sich die Teilnehmer Buchstabengeschichten und Buchstabenbilder in Arabisch und in der Landessprache der Berber.

Oft gingen die Gespräche beim Essen weiter, neue Fragen entstanden, wir suchten und fanden Antwort. In der Abschlussrunde am letzten Tag der Intensivwoche hielt ein Student eine von Herzen kommende Dankesrede und schloss mit den Worten: »Ihr habt mein Leben verändert!« Dem schlossen sich alle an.

In Marrakesch und Fés

Die Referentinnen besuchten auch eine kleine Waldorf-Initiative in Marrakesch. Sie geht von einer ehemaligen Waldorfschülerin aus Holland aus, die mit einem Marokkaner verheiratet und vor einiger Zeit aus der Schweiz dorthin gezogen ist. Ihren fünf Söhnen will sie das rein intellektuelle, auf Reproduktion fokussierte ganztägige Lernen in der Regelschule nicht länger zumuten. So hat sie kurzerhand eine Privatschule gegründet, Eltern eingeladen und Lehrer eingestellt. Eine ihrer Lehrerinnen hat an dem Workshop im Süden teilgenommen. Wie viel Waldorf so auf die Schnelle zu realisieren ist, wird sich zeigen. Jedenfalls freut sie sich über jeden, der nach Marrakesch kommen und helfen kann.

In Fès fand der zweite Workshop statt. Dort hatte sich im letzten Jahr ein intensiverer pädagogischer Austausch mit dem Pionier der inklusiven Vorschulerziehung und Leiter des angeschlossenen Erzieherseminars, Seddik Hachimi, ergeben, als wir im Rahmen unseres Partnerschaftsprojekts eine seiner 14 Vorschulen besuchten: Einen Tag lang hatten wir mit den Kindern geknetet – Hirte, Schafe und Palmen –, hatten ihnen französische Fingerspiele beigebracht, die sie noch und noch einmal machen wollten, hatten Reigen mit ihnen getanzt und sie zu einem Spielplatz begleitet.

Seddik war so begeistert wie die Kinder und Erzieherinnen und zeigte Interesse an einem Kurs für seine Mitarbeiter. Vor Ort war alles, wirklich alles organisiert: Teilnehmer, Örtlichkeiten, Unterbringung, Verköstigung und das Freizeitprogramm. Nur dass wegen des Geburtstags des Königs, der ein nationaler Feiertag ist, der erste Kurstag ausfallen musste, erfuhren wir erst zwei Tage vorher. Stattdessen gab es eine Stadtführung mit Souk-Besuch.

Dieser zweite Kurs war von den äußeren Bedingungen her komfortabler und professioneller organisiert und es nahmen deutlich mehr Interessierte teil: 28 Frauen und drei junge Männer erschienen täglich pünktlich in der Vorschule, hörten aufmerksam zu und übten begeistert Formenzeichnen. Sie erfanden eine Geschichte zur Einführung eines Buchstabens auf Arabisch und fanden sofort Zugang zu den Qualitäten der Zahlen: Die Fünf – aber natürlich, der marokkanische Stern ist ein Fünfstern, der Islam hat fünf Säulen, fünfmal am Tag betet der Moslem. Auch dieser Workshop traf auf ein dankbares Echo.

Besonders der große Praxisbezug wurde geschätzt. Zaineb und Seddik wünschen sich unbedingt eine weitere Zusammenarbeit. Wie die allerdings aussehen könnte, darüber müssen wir noch intensiv nachdenken.