Nur im Hier und Jetzt

Von Philipp Gelitz, November 2010

Im Waldorfkindergarten gehen die Kinder mit Gewohnheiten und kleinen Ritualen durch den Tag. Auf wortreiche Erklärungen wird verzichtet. Die Dinge werden einfach getan. Der verfrühte Appell an die Intellektualität wird vermieden. Auch das gezielte »Hochholen« von Erlebtem – das Erinnern – wird so wenig wie möglich von den Kindern verlangt. Warum eigentlich?

Foto: Charlotte Fischer

Das Kind lernt durch Nachahmung, nicht durch Erklärungen

Montagmorgen im Waldorfkindergarten: Die Kindergärtnerin sitzt am Tisch und schneidet Äpfel. Es soll heute Apfelmus geben – wie jeden Montag. Kommt ein Kind mit seinen Eltern herein, so wischt sie sich kurz ihre Hand ab und wünscht einen guten Morgen. Die Kinder setzen sich zu ihr und helfen eine Weile, andere malen ein Bild oder beginnen sofort zu spielen.

Die Kindergärtnerin erklärt nicht, dass die Äpfel zunächst klein geschnitten werden müssen, damit sie schneller gar werden und noch rechtzeitig zum gemeinsamen Frühstück als Apfelmus serviert werden können. Sie schnippelt einfach. Die Kinder lernen das Schneiden von Äpfeln aus der Nachahmung heraus, nicht durch Erklärungen.

Heute ist heute und gestern war gestern

Dienstagmorgen im Waldorfkindergarten: Die Kindergärtnerin sitzt wieder am Tisch. Diesmal knetet sie den Brötchenteig – wie jeden Dienstag. Kommt ein Kind mit seinen Eltern herein, so verweist sie auf ihre klebrigen Hände, wünscht trotzdem einen guten Morgen und knetet weiter. Andere Kinder kommen. Sie setzen sich zu ihr und helfen eine Weile, andere malen ein Bild oder beginnen sofort zu spielen.

Auch heute keine Erklärung zum Sinn des Knetens oder ob das Mehl aus dem Bioladen besser ist als aus dem Supermarkt. Und noch etwas findet nicht statt: Die Kindergärtnerin fragt nicht, ob noch jemand weiß, was es denn gestern zum Frühstück gab, und ob sich noch jemand ans Äpfelschneiden erinnern kann. Die Kinder können sich mit ihrer Lebenskraft und Schaffensfreude ganz dem Brötchenteig hingeben – es steht ihnen keine Erinnerungsvorstellung im Weg, kein Appell an ihre Gedächtniskräfte.

Erinnern verbraucht Lebenskraft

Es gehört zu den zentralen Erkenntnissen der anthropo­sophischen Menschenkunde, dass die Erinnerung und die Gedächtnisleistung dieselben Kräfte anwenden, die als Lebenskräfte unseren Körper aufbauen und erhalten. Diese Lebenskräfte braucht das kleine Kind vor dem Schuleintritt aber noch dringend, um sich in seinem Körper zu beheimaten. Der Weg vom Säugling, der nur Milch zu sich nehmen kann und selbst im Sommer ein Mützchen braucht, zum Schulkind, das barfuß durch den Schnee hüpft und danach sofort wieder warme Füße bekommt, ist lang.

Den Leib zu ergreifen, den Körper geschickt zu machen, die Welt durch die Sinne kennenzulernen, zu wachsen, Fähigkeiten und Fertigkeiten auszubilden – all das braucht Lebenskraft. Und die wird den Kindern entzogen, wenn sie sich zu früh erinnern und alles mit dem Verstand begreifen sollen.

Gescheite Kinder sind blass und stolpern

Nach etwa zweieinhalb Jahren ist das Gehirn anfänglich so weit, dass es als Instrument expliziten Lernens dienen kann. Also etwas zu lernen, das sich nicht aus dem gegenwärtigen Lebenszusammenhang ergibt (implizites Lernen), sondern das extra erklärt, verstanden und erinnert wird. Und in dem Maße, wie man diese Möglichkeit bei kleinen Kindern benützt, verhindert man das Geschicktwerden des Körpers und das Kraftvollwerden von Atmung, Durchblutung, Stoffwechsel und Regenerationsfähigkeit.

Etwas überspitzt heißt das: Je gescheiter ein Kindergartenkind, desto mehr wird es zur Blässe neigen, und desto häufiger wird es stolpern. Klingt hart, trifft aber den Kern der Sache.

Man kann sich diesen Zusammenhang zwischen Lebenskraft und vorstellender, erinnernder Tätigkeit am Besten klar machen, wenn man bedenkt, wie es um die Fähigkeiten des Erinnerns und Vorstellens bei uns Erwachsenen bestellt ist, wenn wir durch Krankheit ganz auf unseren Leib zurückgeworfen werden. Dann ist so wenig Lebenskraft für das Denken frei, dass wir es schwer haben, einem komplizierten Sachverhalt zu folgen. Wir brauchen sie für die leibliche Regeneration. Auch wenn wir außer Atem sind, Verdauungsprobleme haben oder wenn uns kalt ist: Immer ist nicht genug Lebenskraft »über«, um sich in gewohnter Art etwas vorstellen oder an etwas er­innern zu können.

Wackeln die Zähne, ist das Kind lernbereit

Kommt ein Kind in den Zahnwechsel, dann wird die Lebenskraft, die bis dahin mit dem Aufbau des Leibes beschäftigt war, langsam frei von dieser Aufgabe. Den Körper, der aus der Vererbung hervorgegangen ist, hat sich das Kind nun mehr oder weniger zu eigen gemacht. Es kann seine Körpertemperatur halten, es kann ein Steak verdauen und auf einem Bein hüpfen. Nun wird ein Teil der Lebenskraft für Gedächtnisleistungen frei. Rudolf Steiner spricht daher nicht nur von Lebenskräften, sondern auch von Bildekräften: Die Lebenskraft, die den vererbten Körper so umbildete, dass er geschickt und kräftig wurde, dass in ihm kraftvolle Lebensprozesse in Atmung, Durchblutung, Wachstum und Regeneration verankert wurden, kann sich nun anderweitig entfalten; sie ermöglicht die seelische Tätigkeit der Vorstellungsbildung.

Einschulung mit fünf ist ungesund

Im Kindergarten kündigt sich dieser schrittweise Übergang vom Aufbau des Leibes hin zur vorstellenden Tätigkeit leise an: Die fünf- bis sechsjährigen Kinder fangen an zu planen, was sie spielen wollen, und greifen dabei auch das Spiel von gestern wieder auf. Dafür brauchen sie Zeit und Übung. Das Gefühl, dass es Intentionen durchsetzen kann, hängt davon ab, ob das Kind lange Zeit üben durfte, Spielvorstellungen zu einem Spiel werden zu lassen. Es ist gut und gesund, wenn auch Sechsjährige dabei nicht durch intellektuelle Nachfragen in diesen Prozessen gestört werden. Deshalb ist es gesund, wenn Kinder nicht unbedingt mit fünf Jahren eingeschult werden, weil ihnen sonst die Zeit im Kindergarten fehlt, die sie benötigen, um aufsteigende Vorstellungen in die Tat umsetzen zu lernen.

Mit Beginn der Schulzeit fängt das Kind an, explizite Er­klärungen allmählich zu begreifen, vorzustellen und gezielt zu erinnern. Damit in der Schulzeit das Gedächtnis ausgebildet werden kann, ist der Schutzraum der gesamten Kindergartenzeit nötig. Was in der Schule kultiviert, gepflegt, gefördert und genutzt wird: die Kraft des Vorstellens und des Gedächtnisses, muss in der Kindergartenzeit seine leiblichen Grundlagen erhalten. Und diese leiblichen Grund­lagen sind funktionierende Lebensprozesse sowie die differenzierte Ausgestaltung der Hirnstruktur durch wiederholte mannigfaltige Sinneserfahrungen. Hirnforscher nennen dieses Erfahren über die Sinne »Primärerfahrungen«. Sie sind es, die in den ersten sechs bis sieben Lebensjahren die Grundlage des Vorstellens und Erinnerns schaffen – und eben nicht das zu frühe Abschöpfen der intellektuellen Ressourcen! Das schwächt nur die Ausbildung des Gehirns und die Lebenskräfte.

Gesunde Kinder haben Zeit

Im Waldorfkindergarten geht es den Pädagogen vor allen Dingen darum, die körperliche Gesundheit als Grundlage der seelischen und geistigen Gesundheit zu fördern. Und dazu gehört auch, nicht an den Verstand der Kinder, nicht an ihre Intellektualität zu appellieren.

Die wortreiche Erklärung, dass es nett wäre, wenn ein Kind beim Äpfelschneiden helfen würde, weil das nun wichtig ist – schließlich kochen wir ja heute Apfelmus –, wird schlicht dadurch ersetzt, dass der Erwachsene Äpfel schneidet. Und wenn der Tee umkippt, so wird gewischt. Sonst nichts. Keine Ermahnungen. Es herrscht eine Tatsachenlogik. So kann die Lebenskraft im Körper bleiben und diesen mit Hilfe nachahmenswerter Vorbilder sowohl der Individualität des Kindes als auch den Anforderungen der Umgebung auf gesunde Weise anpassen. – Und dafür braucht es eben Zeit.

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