Herzensleid

Von Ute Hallaschka, Mai 2011

In einer besseren Welt. Szenenbild

»In einer besseren Welt« von Susanne Bier hat einen Oscar als bester fremdsprachiger Film gewonnen; im dänischen Original heißt er »Himmel«. Man könnte das für zynisch halten, denn was er zeigt, ist unaussprechliches Leid. Aber die Art und Weise wie diese Leidensfrage gestellt wird, macht den Zuschauer zu Parzival.

Der Protagonist Anton (Mikael Persbrandt), für »Ärzte ohne Grenzen« in Afrika, operiert in einem staubigen Camp im Nirgendwo die Opfer eines sadistischen lokalen Machthabers – heilen kann er letztlich nicht, was den Sozialverhältnissen in Afrika geschuldet ist. Mikael Persbrandt spielt diesen Arzt mit einem solchen Zartgefühl, dass wir vor allem eines sehen: seine Anstrengung, die Menschenwürde zu bewahren.

Zu Hause in Dänemark wird sein Sohn Elias in der Schule brutal gemobbt. Er ist das Opfer einer ganzen Gruppe, sie nennen ihn »Rattenfresse«, wegen seiner vorstehenden Zähne. Von all dem hat Anton keine Ahnung. Dann kommt ein neuer Schüler, Christian, der vor keiner Tat zurückschreckt und Schwäche verachtet. Der Außenseiter und der Neue werden Freunde. Christian sorgt mit brutaler Härte dafür, dass Elias fortan in Ruhe gelassen wird. Die Erwachsenen mit ihren Idealen von Friede, Freude und antiautoritärer Erziehung haben keinerlei Zugang zu der wirklichen Lebenswelt der Kinder. Die übernehmen notgedrungen Selbstverantwortung für Fragen auf Leben und Tod.

Subtil und treffend im Detail verwebt das Drehbuch die beiden Erzählstränge. Die Geschichten driften unaufhaltsam auf Katastrophen zu. Aber es ist nicht äußere Gewalt, die vorgeführt wird – auch wenn es Schreckensbilder zu sehen gibt.

Wie in einem Schicksalsdrama wird die Selbstgewissheit des Urteils erschüttert und der Zuschauer geläutert. Es tritt am Ende das ein, was der Regisseur Peter Brook einmal als das Rätsel griechischer Dramen beschrieb: Man sieht das nackte Grauen und verlässt den Saal als besserer Mensch.

Man kommt aus dem Kino, als käme man vom Mars auf die Erde, es dauert eine halbe Stunde, bis man sich wieder zurechtfindet. Darum sollte man nicht allein in diesen Film gehen, man muss danach mit jemand sprechen – und er ist Jugendlichen wirklich zuzumuten. Hier fällt alle »Coolness« von der Seele ab, – wessen Herz darin nicht entbrennt, der hat keins mehr zu verlieren. 

»In einer besseren Welt« (Haevnen). Drama, Dänemark, Schweden 2010, FSK ab 12. 117 Min. Verleih: Universum.

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