Kindeswohl

Von Ute Hallaschka, September 2018

Sein Buch war ein Bestseller, nun hat der Autor Ian McEwan auch für die Verfilmung das Drehbuch geschrieben: Kindeswohl, in der Regie von Richard Eyre, ist ein großartiger Film geworden.

Emma Thompson spielt die Richterin Fiona Maye, die über das Schicksal des 17-jährigen Adam entscheiden muss. Der Junge ist an Leukämie erkrankt und braucht eine lebensrettende Bluttransfusion. Sowohl er als auch seine Eltern sind strenggläubige Zeugen Jehovas, für die eine solche Praxis nicht in Frage kommt. Das ist gleich die erste Überraschung im Dialogtext. Eine Glaubensdiskussion auf philosophischer Ebene, die keineswegs Klischees bedient, sondern so gehalten ist, dass sie die Vermittlung verschiedener Standpunkte sucht. Gar nicht so einfach für den (anthroposophischen) Zuschauer, sich zu distanzieren, wenn die Eltern vor Gericht erklären: Blut als besonderer Saft sei nicht nur Materie, sondern Träger des individuellen Seelenwesens.

Nicht nur die wundervolle Emma Thompson, auch die übrigen Darsteller agieren mit einer so einfühlsamen Aufmerksamkeit und zugleich lakonischem Humor im britischen Stil, dass es ein Genuss ist, der wirklich zu Herzen geht. Der Junge Adam wird gespielt von Fionn Whitehead, als wäre er ein Jüngling aus Novalis Zeiten. Ganz erstaunlich und unvermutet in der heutigen Jugendgeneration, diese spielerische Überzeugungskraft ist eine Freude. Besonders im Hinblick auf die Diskussion der männlich-weiblichen Identitäten. Dieser Romantiker ist ganz Seele und doch alles andere als ein Softie. Auch Jack, der Ehemann der Richterin, wird von Stanley Tucci als Figur so gezeichnet, dass die Geschlechterzuschreibungen aufgebrochen werden. Er verhält sich in seiner Fürsorglichkeit geradezu mütterlich, während die Richterin durch ihren Beruf in einer gewissen Härte- und Kältestarre befangen scheint. Sie ist vor allem bemüht um Objektivität als Basis für das Ideal der Justiz: Gerechtigkeit in der Rechtsprechung.

Eigentlich steht der Urteilsspruch von Anfang an fest, denn es gibt Grundsatzentscheidungen. Doch die Richterin würdigt die besondere Situation: der Junge steht kurz vor seinem 18. Geburtstag, ein paar Wochen später könnte er selbst über sein Leben und Sterben entscheiden. Sie besucht ihn im Krankenhaus zum persönlichen Gespräch und damit beginnt eine neue Erzählung. Adam besteht darauf, dass sie nun in eine Schicksalsbeziehung eingetreten ist, für deren Wahrnehmung beide Personen verantwortlich sind. Was fortan zwischen ihnen spielt, wird behutsam in Szene gesetzt. Spätestens wenn das Lied erklingt Down by the sally gardens, braucht man Taschentücher, doch sentimental wird der Film zu keiner Zeit. Dazu ist er zu geistreich. Am Ende erwartet uns die Einsicht, dass Kindeswohl immer untrennbar mit der Welt der Erwachsenen verbunden ist. Im Vertrauen darauf, dass der Erziehende und Urteilende sich selbst wahrnimmt und weiterentwickelt. Dazu gehört unbedingt die Frage, ob der Erwachsene sich selbst wohlfühlt in seinem Leben oder was ihm dazu fehlt.

Kindeswohl. England 2017, 106 Min., Altersfreigabe: FSK 12. Regie: Richard Eyre, Drehbuch: Ian McEwan.

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