«Das kann halt keine App!»

Von Feli Bayer, Dezember 2022

Auch wenn die Waldorfschulen nie das traditionell erprobte Vorgehen institutioneller Bildung und Didaktik vertreten haben, stehen sie doch vor einer ähnlichen Problematik: Heranwachsende entwickeln eigene Zugänge zur Informationsflut des Internets und bilden sich unabhängig von etablierten Zeitungen und Nachrichten ihre Meinung, lernen ohne Musik- und Sportverein und bilden sich ohne Schulen und andere Bildungseinrichtungen und ohne jede pädagogische Begleitung weiter.

Gibt es E-learning?

Eine der dringlichsten Fragen der Bildungswelt scheint der Einsatz von digitalen Geräten für den Lernprozess zu sein. Nach Wochen des Homeschoolings und Distanzlernens sprießen die Angebote und Tools zum Einsatz von digitalen Geräten für den Lernprozess scheinbar unaufhörlich aus dem Boden. Die Frage, wie Lernen digital überhaupt funktionieren soll, tritt dabei in den Hintergrund. Digitale Arbeitsblätter, die die Schüler:innen am Tablet ausfüllen, ändern am Lernprozess nur wenig – außer, dass auf alle haptischen und feinmotorischen Erfahrungen verzichtet wird.

Hybride oder agile Lern- und Arbeitsformen klingen erstmal super, schnell und effektiv. Die App im Smartphone kann morgens im Bus die Vokabeln abfragen – mit ähnlichem Erfolg wie ein herkömmliches Vokabelheft. Das Lernen mit Apps und Computerprogrammen hält aber ein Problem bereit: Durch die Gamification der Aufgaben verliert Lernen seinen Wert. Gewinnen wird wichtiger als der Inhalt und die smarten Schüler:innen beschäftigen sich im Grunde mit der Logik der Punktevergabe – wofür die Punkte vergeben werden, ist unwichtig. Studien zeigen, dass Schüler:innen, die gerne und viel lesen, eher im Mittelfeld der Punktevergabe bei den Lern-Apps landen – die Fähigkeit, komplexem Inhalt zu folgen, verliert an Bedeutung. Wissen wird erst dann nachhaltig, wenn wir uns damit verbinden können. Das Thema, der Sinn, die Beziehung gibt das vor, nicht das Medium, aus dem ich die Informationen beziehe.

Die wichtigste Frage beim Einsatz digitaler Medien in der Schule ist, an welcher Stelle im Unterricht digitale Methoden einen Mehrwert für das Lernen und somit für die Entwicklung der Heranwachsenden erwarten lassen. Gilt es lediglich, alte Methoden zu ersetzen? Oder erhalten wir die Chance, Dinge zu hinterfragen und neu zu denken?

Soziale Netzwerke im Lernprozess

Soziale Medien werden für systematische, strukturierte und damit mobile Ablage von Dokumenten und zur Pflege von Kontakten genutzt und zeigen, dass die digitale Kommunikation eine neue Bedeutung im Leben und in der Arbeit vieler, auch handwerklicher Berufe, bekommen hat.

Allerdings müssen wir feststellen, dass es keine Vorgaben und Gesetze gibt, nach denen diese Art der Kommunikation und Vernetzung funktioniert. Trial and error lautet die Devise – und Reflektion und Beobachtung, was funktioniert gut, was kann besser werden?

Jugendliche profitieren davon, wenn sie sich in Lernnetzwerken einrichten und auf zuverlässige Quellen zurückzugreifen können. Wenn es in unserem Netzwerk niemanden mehr gibt, von dessen Meinung wir uns gestört fühlen, befinden wir uns in einer Echokammer. Das Phänomen zu verstehen, ist elementar: Wie sollte ich mir sonst vorstellen können, dass mein Nachbar, Lehrer, Freund gänzlich andere Suchergebnisse mit den gleichen Anfragen bekommt und seine Meinung mit Hilfe dieser Ergebnisse bildet?

Der soziale Teil der Netzwerke besteht nicht im Teilen von Katzenvideos und Urlaubsbildern, sondern aus eigenen Beiträgen, Kommentaren und der Bewertung der Nützlichkeit von Informationen. Damit das Internet für die Wissensvermittlung besser wird, können wir einen eigenen Beitrag leisten und mehr tun, als immer nur aus Gewohnheit oder Langeweile zu konsumieren und uns über fake news zu ärgern. Wir können dazu beitragen, dass Fakten und Fake News als solche erkannt und verbreitet werden.

Filterblasen und Fake News

Die zunehmend schwierige Frage, welche Informationen denn nun stimmen, ist ein unbedingter Teil der Medienbildung von Heranwachsenden. Suchaufträge müssen immer in eine Fragestellung und ein eigenständig erstelltes Konzept eingebettet werden, das auf bereits vorhandenem Wissen beruht, sonst biegen wir womöglich an der falschen Stelle ab und der Suchverlauf führt in die falsche Richtung. Die Jugendlichen sollten darauf vertrauen lernen, dass ihr vorhandenes Wissen ein viel besserer und relevanterer Ausgangspunkt ist als die vermeintlich schnellen Ergebnisse im Internet. Gezielte Informationskampagnen, die uns zu bestimmten Handlungen oder Emotionen verleiten sollen, müssen von sinnvollen Informationen unterschieden werden können. Zur Unterscheidung brauchen Heranwachsende Strategien und Übung.

Umsetzung in der Schule

Welche Schritte können in der Schule vorgenommen werden? Zum einen geht es darum, individuelle analoge, digitale oder andere elektronisch gesteuerte Aufgabenstellungen zuzulassen. Sie ermöglichen den Jugendlichen das Experimentieren mit ihrer Ausdrucksfähigkeit (Film, Audioaufnahmen, Lichteffekte, Sounds, Fotomontagen…) und das Ausloten der jeweiligen Grenzen der Darstellung. Fächerübergreifendes Unterrichten wäre hier hilfreich.

Vielleicht erscheint die Behauptung nostalgisch, dass früher weniger nach der Prüfungsrelevanz handwerklicher Fächer gefragt wurde. Wir haben Kupfer getrieben, Pyjamas genäht, Teppiche gewoben und Steine gehauen … der «Nutzen» solcher Beschäftigungen kann nicht in Kompetenzrastern, Noten oder Lern-App-Punkten gemessen werden. Mag das Bild dem Einen besser gelingen als dem anderen, mag die Naht hier gerader sein als dort – den eigenen Anspruch an die Realität anzupassen, gelingt immer noch am besten im eigenen Tun. Hier gibt es keine Fakes, kein Copy-Paste, keine vorgegebenen Designs – nur «Dranbleiben». Eine unglaubliche wichtige Fähigkeit in unserer Zeit.

Ein Beispiel für den Einsatz digitaler Medien ist die Kommunikation zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen. Viele Jugendliche tun sich schwer mit der Emailkommunikation der Erwachsenen und ecken mit flapsigen Bewerbungsemails dann das erste Mal an. (Ebenso wie mit verkehrtherum gescannten Zeugnissen oder gänzlich fehlenden Anhängen). Die Möglichkeit, Schüler:innen eine Emailadresse zu geben, Hausaufgaben, Vertretungen oder Ähnliches direkt zu kommunizieren und die Verantwortung dafür zu übertragen, macht Sinn. Denn die Schüler:innen können sich die ungewohnte Bürokratie und verzwickte Ausfüllerei von Formularen etc. am besten learning by doing aneignen – aber eben im Bezug zu ihrer Lebenswelt.

Dadurch wird auch das Thema Netiquette präsent: es gibt einen Umgangston jenseits der sozialen Medien, der auch in der digitalen Welt einen Unterschied macht. Eine höfliche Anrede, ein ordentlicher Abschluss einer E-Mail und so weiter. Kenne ich nur Emojis und Kurznachrichten, wirkt diese Höflichkeit auf den ersten Blick überholt. Mittlerweile wird von einer «Smartphone-Etikette» gesprochen, meistens hinsichtlich des korrekten Satzbaus, anonymer Beleidigungen oder englischer Begriffe wie phubbing oder FOMO. Worum es geht? Darum, dass wir selbstverständlich von unseren Handys aufschauen, wenn jemand im richtigen Leben mit uns sprechen möchte. Darum, dass wir nichts verpassen, wenn wir eine Zeit lang nicht erreichbar sind und uns dem Schulunterricht, dem gemeinsamen Abendessen oder einem persönlichen Gespräch widmen – was auch für uns als Vorbilder gilt.

Und nun wieder zum Lernen: Können wir die Heranwachsenden dazu ermutigen, sich dabei zu beobachten, was ihnen beim Lernen hilft? Wie lernen sie 20 Englischvokabeln effektiver? Im Heft, mit Freund:in, per App? Warum ziehen sich manchmal die Internetrecherchen über den ganzen Abend, ohne zu einem Ergebnis zu führen? Was bringt es, wenn ich mitschreibe im Unterricht? Kann ein Youtube-Video wirklich die Teilnahme am Unterricht ersetzen? Wann fällt mir Lernen leicht? Wie lerne ich am besten für die Fächer, die mir nicht zu liegen scheinen?

Götz Werner schrieb in seinem Buch Womit ich nie gerechnet habe:

«Den roten Faden im Leben findet der Mensch nur, wenn er sich auf die Suche macht. Der Mensch ist ein suchendes Wesen, und das Leben ist ein permanenter Suchvorgang. Wer sich zurückzieht, wird nicht nur einsam, sondern lebt irgendwann nur noch abgekühlt. Irgendwann sitzt er ratlos vor dem Fernseher [Anm. oder Smartphone] und weiß gar nicht mehr, [...] wofür er eigentlich lebt. Einen solchen Menschen muss man hinausführen in die Welt und öffnen für das Funkenfeuer, das uns das Leben bereithält.»

Das kann halt keine App.

Feli Bayer, *1977, hat nach dem Abitur an der Freien Waldorfschule Hannover-Bothfeld Betriebswirtschaft und Gesundheitswissenschaften studiert. Sie ist Mutter von drei Kindern. Bis 2020 hat sie an der Freien Waldorfschule Offenburg als Lehrkraft für Wirtschaftskunde und Medienkunde gearbeitet. Seit September 2021 arbeitet sie als Dozentin für Medienbildung, Berufsorientierung und Kommunikation in München.

Kontakt: felicitas.bayer(at)gmx.de

Buchempfehlung: Philippe Wampfler: Generation «Social Media»: Wie digitale Kommunikation Leben, Beziehungen und Lernen Jugendlicher verändert, Vandenhoeck & Ruprecht.

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