Deputat oder Stundenplan?

Von Eugen Riesterer, Februar 2010

Oft sehen sich die Schulen aufgrund finanzieller Nöte gezwungen, die Deputate zu erhöhen oder ganze Fachbereiche zu streichen. Die Unterrichtsqualität und die Gesundheit der Lehrer leidet darunter, was wiederum sinkende Schülerzahlen und finanzielle Verluste nach sich zieht. Eugen Riesterer, Klassenlehrer an der Waldorfschule Hamburg-Farmsen, nimmt Stellung.

Foto: Charlotte Fischer

Rudolf Steiner strebte eine grundlegende Entlastung der Kollegen an: »12 (Wochen-) Stunden ist genügend für den Lehrer. Das ist ein achtstündiger Arbeitstag mit der Vorbereitung« (Konferenz vom 8.9.1919). Sind wir heute noch diesem Ideal der 12-Wochen-Stunden verbunden, oder sind 24 oder mehr Stunden kein Thema mehr?

Steiner formulierte in den »Kernpunkten der sozialen Frage« (1919), dass »ein Verständnis für geistige Güter« nur durch »Muße« geweckt werden könne. Wenn wir aber gestresst durch das Schuljahr hetzen, wird uns der doppelte Sinn des Wortes »Geistes-Gegenwart« verschlossen bleiben und damit das zentrale Ziel pädagogischen Handelns, an dessen Stelle dann schnell Routine und Tradition treten. Auch vor der Überlastung der Schüler – damaliger Anlass waren 44 Wochenstunden in der 10. Klasse – warnte Steiner. Er sah darin den »Grund, warum viele gar nichts können« (Konferenz vom 15.10.1922). Die andere Seite der Deputats-Medaille ist der Stundenplan. Auch hier scheint der Kompromiss längst das Ideelle verdrängt zu haben. Steiner äußert sich am 1. Juni 1919 in Stuttgart deutlich: Der Stundenplan sei eine »Mördergrube für jede wahre Pädagogik«. Und einige Monate später, am 10. August 1919 in Dornach, führt er aus, dass die Ökonomie des Unterrichts nur durch eine Abschaffung des »verfluchten Stundenplans«, dieses »Mordmittels für eine wirkliche Entwicklung der menschlichen Kräfte« erreichbar sei. »Wir dürfen überhaupt nicht mehr daran denken, dass Lehrfächer da sind, damit ›Lehrfächer‹ gelehrt werden; sondern wir müssen uns klar sein: im Menschen vom 7. bis 14. Jahre müssen entwickelt werden in der richtigen Weise Denken, Fühlen und Wollen.«

Eine stundenplanfreie Arbeit – ist das möglich?

In Versuchen über mehrere Jahre, diesen Gedanken in die Schulwirklichkeit überzuführen, habe ich die Erfahrung gemacht, dass die festen Jahrespläne »dynamischer« werden, sich zeitweilig verdichten und wieder auflockern. Nicht selten wird gefordert, der Waldorflehrer solle »Unternehmer« sein. Dessen Kennzeichen ist aber gerade das Gestaltungsrecht über den eigenen Terminkalender, über den eigenen Stundenplan!

Trennen wir uns also vom Begriff der »Lehrfächer«, der etwas Teilendes, Isolierendes in einen fließenden pädagogischen Prozess hineinbringt! Damit kommen wir zu einer notwendigen Beleuchtung der Begriffe »Deputat« und »Stundenplan«. In der Regel handhaben wir beides gleich: Soviel Deputatsstunden, soviel Stundenplanstunden. Dabei übersieht man, dass es sich beim Deputatsbegriff um einen ideellen Begriff handelt, der zunächst »nur« meinen pädagogischen Auftrag beschreibt: nämlich dass ich die Verantwortung für bestimmte pädagogische Entwicklungsprozesse übernommen habe. Hierbei steht eigentlich das Ziel, die Kinder zu fördern und ihre Entwicklung zu begleiten, im Vordergrund. Das WIE der Umsetzung darf damit aber noch nicht festgelegt sein. Denn das hieße, ein Ideeles (Deputat) an ein Materielles (Stundenplan) zu binden.

Wie lässt sich das angerechnete Deputat freier umsetzen?

Ein Fremdsprachenlehrer könnte sich fragen: Wie viel Zeit benötige ich eigentlich in dieser 6. Klasse? Muss ich dort häufiger präsent sein – oder tut ein zeitweiliger Abstand sogar gut? Kann ich die Klasse vorübergehend in Gruppen einteilen? Kann ich mit dem Klassenlehrer verabreden, im rhythmischen Teil eine kleine Impuls-Epoche einzulegen, täglich 20 Minuten lang, für die er bei Bedarf an zwei oder drei Tagen einen dreistündigen Hauptunterricht bekommt? Oder brauche ich kontinuierlich ein oder zwei feste Stunden im Stundenplan? Auch für den Musikunterricht bietet sich vor allem in den unteren Klassen eine Zusammenarbeit mit dem Klassenlehrer im Hauptunterricht an. Warum zwei Musik betreibende Lehrer in derselben Klasse, aber in getrennten Stunden, nicht selten ohne Kontakt zueinander? Eine Kooperation würde auch das Tagespensum der Kinder erheblich entlasten. Wenn dann noch das Spielturnen hinzukäme, wären drei Gebiete in den Hauptunterricht gebracht, und durch die engere Zusammenarbeit dreier Lehrer mehr Qualität bei gleichzeitiger Entlastung der Stundenplanstunden möglich.

Was im Spielturnen möglich ist, könnte auch im Sportunterricht zu einzelnen Unterrichtsänderungen führen, zum Beispiel bei der Behandlung des Griechentums in der 5. Klasse in Form einer olympischen Wettkampf-Epoche im Hauptunterricht. Der Gartenbau könnte konzentriert in die Frühlings- bis Herbstzeit gelegt werden, im Winter dafür (fast) gänzlich ruhen und dann von einem entgegengesetzten Rhythmus im Handarbeits- oder Werkbereich abgelöst werden.

Selbst wenn der Fachlehrer nur außerhalb des Unterrichts sein Gebiet mit dem Klassenlehrer vorbereiten würde – zum Beispiel bei der Einübung von Liedern – und nie im Unterricht erschiene, wüsste die Verwaltung: Er betreut das jeweilige Fach in Klasse 5 – das wären zum Beispiel drei anzurechnende Stunden im Deputat.

Die bisher geschilderten Überlegungen lassen sich umsetzen, ohne dass dadurch die Stundenplanstruktur einer ganzen Schule betroffen wäre. Das Ideal könnte jedoch die komplette Freigabe des Stundenplans sein; an seine Stelle müsste eine Zeitplanung treten, die nicht an Stundentakte gebunden wäre. Und um möglichen Missverständnissen vorzugreifen: Wer ein solches Modell will, muss sich auf Zeiten der Entlastung ebenso einlassen können wie auf konzentrierte, wenngleich zeitlich begrenzte Be-, ja Überlastungen. Wer seine Arbeit nur reduzieren will, wird an der Verantwortung gegenüber Kindern, Eltern und Kollegium scheitern müssen. Auch muss sich der Lehrer immer selbst für die Umsetzung seines Lehrauftrages verantwortlich fühlen. Man wird einwenden, dass die Trennung von Einkommen und Arbeit an Waldorfschulen längst Praxis sei. Sie legt aber nicht nur die Deputatsstunden im Stundenplan fest, sondern beinhaltet auch die einseitig ausgerichtete Erwartung, mehr zu leisten als vertraglich vereinbart ist.

Eine ausführliche Fassung kann per E-Mail beim Autor angefordert werden.

Kommentare

Wolfgang Debus, 23738 Lensahn, 13.03.10 10:03

das spricht mir aus der Seele, lieber Eugen Riesterer! Wir kennen uns ja nun schon eine Weile, und Du warst an unserer Schule schon immer einer der herausragenden Lehrer, die in erster Linie auf die Kinder geschaut haben. Mehr als wir Eltern es erfahren konnten, haben uns die Kinder diesen Eindruck mit nach Hause gebracht.
Als Lehrer habe ich an einer anderen Schule gearbeitet und dort zu Beginn meines zweiten Durchgangs meinen Wunsch vom Kollegium bewilligt bekommen, den Hauptunterricht verlängern zu dürfen. Innerhalb des Gesamtstundenplanes ging das nur durch einen "Trick": Die Stundenplaner legten mir meine Fachstunden für diese Klasse - Musik, Englisch und Spielturnen direkt in die Zeit anschließend an den Hauptunterricht. Außerdem bot ich den Stundenplanern an, weitere sich diesen Stunden anschließende Hohlstunden (die in dem Gewirr von Deputaten, Fachstunden, Epochen, durchlaufenden Stunden und dem dafür zur Verfügung stehenden Kollegium kaum vermeiden lassen)in meiner Klasse ohne Deputatsanrechnung selber zu füllen.
Zwei Jahre konnte ich die Erlösung eines komponierten Unterrichtszeitraums von mindestens 3, an manchen Tagen 4 Zeitstunden erfahren. Ein ruhiges Ankommen in der Klasse, eine gefasste Begrüßung, ein ausgiebiger Bewegungsteil mit Musik, Volkstanz, Sinnesschulung, Rollenspielen, ein ausreichend langer Arbeitsteil, eine Frühstückspause in der Klasse und ein ruhiger abschließender Erzählteil waren täglich möglich. Englisch lernten die Kinder epochenweise im Bewegungsteil. (1997 habe ich im Lehrerrundbrief darüber berichtet)
Später habe ich an einer anderen Schule unterrichtet. Auch da war es nicht möglich, das Kollegium zu bewegen: Die Stundenplaner stöhnten immer über die aufreibende Arbeit während ihrer Sommerferien, wollten aber trotzdem davon nicht lassen. Vor allem die Fachkollegen hetzen sich ab, im 3/4 Stunden-Takt von Klasse zu Klasse, wovon ihnen kaum eine halbe Stunde für den Unterricht bleibt. Stunden fallen aus oder bleiben von vornherein ungefüllt, in denen Klassen (glücklicherweise?!) unbeaufsichtigt bleiben.
Ein kleiner Trost ist, dass der Hauptunterricht in Lensahn 2 Zeitstunden und 2o Minuten zur Verfügung hat und dass wir gute Lehrer hier haben. Sie hetzen sich aber trotzdem lieber bis zum Umfallen ab, verteidigen ihr Fach und ihr Deputat. Sie können sich nicht dazu entschließen, einmal innezuhalten und in den Spiegel zu schauen: Was machen wir eigentlich? Was geshieht mit uns? Was geschieht mit den Kindern?
Seit fünf Jahren bin ich "nur" noch Vater. Ich habe die Unterstufe mit meinem Sohn durchstanden, weil er einen Klassenlehrer hat, der ihn versteht und mit dem wir konstruktive Gespräche führen können. Aber ohne häuslichen Ausgleich mit viel Musik, Bewegung, draußen spielen, jeden Abend vorlesen... und sein sonniges Gemüt hätte unser Sohn diese Zeit nicht heil überstanden.
Ich habe inzwischen Erfahrungen sammeln können in den "Traumhäusern der Zukunft", alternative Schulen, die uns vormachen, wie man - kindgerecht- den Stundenplan auflöst, altersübergreifend mehr voneinander als vom Erwachsenen lernt (der als aufmerksamer Beobachter, Begleiter und Impulsgeber wichtig bleibt), die selbstbestimmt und selbstverantwortlich lernen, die früh und natürlich soziale Kompetenzen erwerben... und das soll mit Waldorfideen nicht unter einen Hut zu bringen sein?!? Worauf warten wir?

einen lieben Gruß Wolfgang D.

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