Die Waldorfschule braucht neue Formen der Leistungsbewertung

Von Frank de Vries, Juni 2014

Die traditionelle Leistungsbewertung in der Oberstufe der Waldorfschulen wird den Anforderungen einer individualisierten Unterrichtspraxis nicht mehr gerecht und durch die Notengebung für staatliche Prüfungen weiter in Frage gestellt.

© Renate Alf

In der Waldorfschule praktizieren wir offene Unterrichtsformen, es stehen uns aber für die Beurteilung der Lernfortschritte und die Bewertung der Lernergebnisse keine eigenen Diagnoseverfahren zur Verfügung. Viele Kollegen konzentrieren sich im Unterrichtsalltag darauf, ihren Schülern Fachwissen zu vermitteln und sie auf die staatlichen Abschlussprüfungen vorzubereiten. Vielfach übertragen sie Leistungsanforderungen und -bewertung der staatlichen Schulen unreflektiert auf die Waldorfschule. Deren kognitiv orientiertes Leistungsver- ständnis entspricht nicht dem Waldorf-Lehrplan und auch nicht einem zeitgemäßen Anforderungsprofil unserer Oberstufe.

Die Oberstufe der Waldorfschule braucht eine tiefgreifende Reform der Leistungsbewertung

Die dominante Stellung der Leistungsüberprüfung, ihre Konzentration auf Kontrolle durch Tests, die dann in Form von Noten bewertet werden, muss durch eine der Pädagogik entsprechende Bewertung ersetzt werden. Die Leistungsbewertung steht in einem engen Wechselverhältnis zum Lernen. Die neuen Formen der Leistungsbewertung wirken anders auf das Lernen: Sie sind Bewertung und Lernhilfe zugleich. Sie führen im Dialog mit dem Schüler zu inhaltlichen Aussagen und pflegen eine Feedback-Kultur. Wollen wir die Schule und den Unterricht weiterentwickeln, müssen wir die Leistungsbewertung weiterentwickeln.

In der Oberstufe werden bisher hauptsächlich Noten gegeben. Daneben sind viele Lehrer dazu übergegangen, ihren Schülern ausgearbeitete schriftliche Rückmeldungen zu geben. Diese sollen zeigen, wo der Schüler steht und ihm helfen, seine Lernstrategien zu verbessern. Diese sogenannte formative Evaluation zielt auf die Verbesserung und Förderung der Lernprozesse und eine nach außen kommunizierbare Dokumentation des Entwicklungsstandes. Damit haben wir sowohl ein Evaluationsinstrument, das dem individuellen Kompetenzprofil des Schülers, das er sich an einer Waldorfschule mit ihrem breiten Lernangebot erworben hat, gerecht wird, als auch eine transparente und ganzheitliche Beurteilung. Als die Kultusministerkon­ferenz vor einigen Jahren Bildungsstandards einführte, steuerte sie damit das Bildungssystem grundlegend um.

Auch die Waldorfschulen in Deutschland haben einen eigenen kompetenzorientierten Lehrplan erstellt. Diesen sollten wir im Hinblick auf eine staatliche Anerkennung nutzen und umsetzen und einen Waldorfabschluss auf den Kompetenznachweis ausrichten.

Die Waldorfschulen verfügen im Hinblick auf den Kompetenzerwerb mit den Praktika, Projektarbeiten und dem handwerklich-künstlerischen Unterricht über ein pädagogisches Potenzial, das seinesgleichen sucht. Es sind über das Wissen und die Kenntnisse hinaus vor allem die sozialen und persönlichen Kompetenzen, die für die Ausbildungs- sowie Studierfähigkeit und für das spätere Leben von entscheidender Bedeutung sind. Mit ihrem pädagogischen Selbstverständnis verfügt die Waldorfschule über einen Erfahrungsvorsprung, denn der Waldorflehrplan war und ist immer schon »kompetenzorientiert«, ohne dass der Begriff verwendet wurde. Kann also nachgewiesen werden, dass Waldorfschüler vergleichbare Kompetenzen erwerben wie Regelschüler, dann bestünde kein Grund, den Waldorfschulen äquivalente Abschlüsse zu verweigern.

Grundsätzlich kann das Kompetenzportfolio der Waldorfschule den Übergang von der Schule zum Beruf und den Zugang zum Studium besser gestalten als vergleichbare staatliche Abschlüsse.

In einem gemeinsamen Projekt (www.apf-waldorf.de) hat die Waldorfschulbewegung – zunächst in Nordrhein-Westfalen, inzwischen bundesweit – Form und Inhalt eines Abschlussportfolios entwickelt, das sich auf die gesamte Oberstufe bezieht. Seit 2009 erhalten die Schüler der APF-Projektschulen zum Abschluss ihrer Schulzeit am Ende der 12. Klasse das Abschlussportfolio der Waldorfschulen. Zurzeit umfasst das Projekt 37 Projektschulen in verschiedenen Bundesländern, von denen voraussichtlich mindestens 27 Schulen in diesem Schuljahr (2013-2014) das Abschlussportfolio an ihre Schüler vergeben werden.

Zum Autor: Frank de Vries unterrichtet seit 1978 die Fächer Deutsch, Geschichte, Kunstgeschichte, Religion und Philosophie in der Oberstufe der Rudolf Steiner Schule in Bochum.

Literatur: Wenzel M. Götte; Peter Loebell; Klaus-Michael Maurer: Entwicklungsaufgaben und Kompetenzen. | Zum Bildungsplan der Waldorfschule, Stuttgart 2009 | Hartmut von Hentig: Die Krise des Abiturs und eine Alternative, Stuttgart 1980 | Frank de Vries: Kompetenznachweis und Lernbegleitung in Waldorfschulen, Stuttgart 2011

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