Über den Mythos der Hirnhälften

Von Axel Ziemke, Februar 2013

In den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts gehörte die Durchtrennung des Balkens (Corpus callosum) zu den durchaus gebräuchlichen chirurgischen Eingriffen bei der Behandlung schwerer Fälle von Epilepsie. Der Balken besteht aus mehreren dicken Nervenfaserbündeln, die die beiden Hirnhälften miteinander verbinden. Erstaunlicherweise brachte der Eingriff bei den betroffenen Patienten lediglich subtile Nebenwirkungen hervor.

Rechts und links – ein Mythos?

Einer systematischeren Untersuchung dieser Patienten widmeten sich besonders die beiden amerikanischen Neurobiologen Roger Sperry und Michael Gazzaniga. Schon zuvor wusste man, dass die beiden Hirnhälften je für die Sinnesempfindungen und Bewegungen der jeweils gegenüberliegenden Körperseite verantwortlich sind. Nun schien sich zu bestätigen, was man aufgrund von Hirnverletzungen bereits vermutete: Die beiden Großhirnhälften sind auch hinsichtlich ihrer kognitiven Funktionen spezialisiert. Diese Befunde wurden begierig von Therapeuten, Pädagogen und New-Age-Propheten aufgesaugt, die es sich zum Ziel machten, die Leistungen der ihrer Meinung nach vernachlässigten rechten Hirnhemisphäre besser zur Geltung zu bringen oder aber die Zusammenarbeit der beiden Hemisphären zu optimieren. Auch an vielen Waldorfschulen werden Diagnoseverfahren und Therapien angewandt, die durch Erkenntnisse der Hirnforschung zur Spezialisierung der Großhirnhälften und ihrer Koordination gerechtfertigt sein sollen.

Neurobiologen sehen solche Versuche einer »Diagnose« und »Optimierung« der Hemisphärendominanz und -koordination in ihrer übergroßen Mehrheit außerordentlich skeptisch. Eine gewisse Rolle spielen dabei neuere Ergebnisse auf der Grundlage von bildgebenden Verfahren zur Untersuchung des Gehirns, die die damaligen Ergebnisse ein gutes Stück weit relativieren. So kann man nur bei der Spracherzeugung davon ausgehen, dass sie bei den meisten Menschen (95% der Rechts- und 70% der Linkshänder) stark auf einer Seite des Gehirns konzentriert ist – wenn auch Gehirnabschnitte der anderen Seite beteiligt sind. Alle anderen kognitiven Leistungen sind allenfalls schwerpunktmäßig auf eine der beiden Seiten konzentriert.

Weit problematischer ist jedoch, dass all diese Methoden auf gewagten Spekulationen beruhen, die von vereinfachten neurobiologischen Forschungsergebnissen ausgehen. Ist es wirklich hinreichend, motorische Koordinationsprobleme der beiden Körperhälften oder eine »Kreuzdominanz« von Sinnesorganen auf verschiedenen Seiten zu diagnostizieren, um auf Probleme im Zusammenwirken der beiden Hirnhälften zu schließen? Erreichen ausgefeilte Überkreuzungsübungen wirklich das, was sie beabsichtigen, nämlich eine Verbesserung dieser Zusammenarbeit?

Um die Wirksamkeit solcher Methoden zu überprüfen, müssten neuropsychologische Experimente zunächst einmal klären, ob die entsprechenden Symptome wirklich mit Koordinationsstörungen der Hemisphären einhergehen und ob diese Koordination überhaupt dauerhaft gefördert werden kann. In einem weiteren Schritt wäre dann zu untersuchen, wie effizient die angewandten Methoden sind. Bislang gibt es nur wenige Studien in dieser Richtung und diese wenigen Studien liefern keinerlei Belege dafür, dass die Hirnhemisphärenkoordination optimiert werden kann.

Jeder mit den Grundbegriffen wissenschaftlicher Methodik vertraute Mensch weiß, wie schnell vermeintlich »gute Erfahrungen« täuschen können, wie viele methodische Fallen hier lauern: Eine Klassenlehrerin glaubt nach der Untersuchung von »Kreuzdominanzen« endlich zu wissen, warum ein bestimmter Schüler solche Lernprobleme hat. Aber wie viele gute Schüler haben ähnliche Testergebnisse? Der Schularzt diagnostiziert bei einem Kind Koordinationsprobleme der Hemisphären, setzt eine entsprechende Therapie an – und freut sich über die nun doch problemlos verlaufende Entwicklung. Könnte die Entwicklung einfach deswegen so problemlos verlaufen, weil die Diagnose falsch war?

Natürlich kann man nicht völlig ausschließen, dass an diesen Methoden doch »etwas dran« ist. Künftige seriöse Forschungen könnten hier vielleicht doch Belege liefern. Ich persönlich wäre davon überrascht: Der Balken besteht aus etwa 250 Millionen »Hochgeschwindigkeitsnervenfasern« – ganz abgesehen von ihren indirekten Verbindungen über subcorticale (erklären) Hirnabschnitte. Zum Vergleich: Durch beide Sehnerven zusammen laufen gerade mal 2,5 Millionen.

Nirgendwo in der gesamten Biologie findet eine so intime Feinabstimmung von Funktionen statt wie zwischen unseren beiden Hirnhälften. Gerade hier einen »Engpass« der Informationsverarbeitung zu suchen, scheint mir paradox.

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

Folgen