In der Oberstufe: Erziehung zur Freiheit?

Von Dirk Rohde, Juli 2019

»Das Kind in Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen, in Freiheit entlassen.« So lassen sich sowohl die Waldorfpädagogik insgesamt als auch ihre Schwerpunkte in den ersten drei Jahrsiebten prägnant charakterisieren.

Foto: © kallejipp/photocase.de

Versetzt man sich in die jeweiligen Blickrichtungen der Pädagogen und Kinder, erkennt man, dass sich beide anschauen, wenn das Kind in den Kindergarten oder in die erste Klasse aufgenommen wird. In der Unter- und Mittelstufe richtet sich der gemeinsame Blick auf die Lerninhalte. Und in der Oberstufe geht er bei beiden auf das Schulzeitende und darüber hinaus. Jetzt sind die Lehrkräfte vor allem dazu aufgerufen, die Jugendlichen »in Freiheit zu entlassen«. Was kann das bedeuten?

Freiheit bedeutet in erster Linie, frei im Denken zu sein. Und Denken will gelernt sein. So sieht Rudolf Steiner einen markanten Wendepunkt beim Übergang von der 9. zur 10. Klasse, bei dem in kurzer Zeit der »Übergang von der Kenntnis zur Erkenntnis« gefunden werden muss. Ging es vorher im Unterricht vor allem um das »Was« und »Wie«, ist nun das »Warum« verstärkt in den Mittelpunkt zu stellen. Hier beginnt eine Entwicklung, die am Ende der Schulzeit zu einer bestimmten Form von Selbstständigkeit führt: »Etwas, zu dem eigentlich ein im aktiven Denken zu erringendes Urteil notwendig ist, kann man überhaupt nicht wissen bis zu einem Zeitpunkte im Leben, der ungefähr zwischen dem 18. und 19. Lebensjahre liegt.« (Rudolf Steiner) Eine zentrale Aufgabe der Oberstufen-Lehrkräfte liegt daher darin, die Schüler auf den Übergang ins Erwachsensein durch das Erüben der verschiedenen Formen der Urteilsbildung vorzubereiten.

Dazu gehören das praktische und das theoretische Urteilen, das vergleichende Urteilen, das ästhetische Urteilen u.a. Und auch die Denkbewegung als solche wird thematisiert, wobei Metamorphosen und Umstülpungen für die Waldorfpädagogik charakteristisch sind. All dies wird in allen Unterrichten erübt – in den kognitiven Fächern vor allem denkend, in den musisch-künstlerischen Fächern mit sensitiv-emotionaler Betonung, und in den praktischen und Bewegungsfächern vor allem über die Gliedmaßen. Beispielhaft sei auf den Biologieunterricht eingegangen. Hier kann die Metamorphose der Schmetterlinge besprochen werden. Diese ist im Prinzip bereits aus der Unterstufe bekannt und kann in der Oberstufe in allen Details vertieft werden. Während die Raupe eine Art langsam wanderndes Stück Darm ist, mit den Hauptaufgaben einer raschen Nahrungsverwertung und eines rasanten Wachstums, ist der erwachsene geschlechtsreife Schmetterling polar dazu organisiert. Nach dem Klären der Beschaffenheit und der Arbeitsweisen der einzelnen Organe beider Formen (dem »Was« und »Wie«) lassen sich beide vorwärts und rückwärts denkend ineinander überführen (Metamorphose). Anschließend kann man zum »Warum« übergehen: Inwiefern lässt sich die Sinnhaftigkeit einer solchen Entwicklung verstehen? Man gelangt auf diesem Weg zu den wechselseitigen Beziehungen der Geschlechtstiere einerseits und zu deren Beziehungen zu den von ihnen besuchten Blüten andererseits. Von einseitig gerichteten Kausalitäten kommt man damit zu gegenseitigen Abhängigkeiten. Solche Beziehungsgefüge sind auch im zwischenmenschlichen Miteinander von immenser Bedeutung. Das zu verstehen kann für die Schüler in ihrem gesamten Leben ausgesprochen hilfreich sein.

Einer Sache auf den Grund gehen

Hat man so die Grundlagen gelegt, kann man anhand des bemerkenswerten Beispiels des Birkenspanners gegen Ende der Schulzeit die Notwendigkeit für ein eigenständig zu erarbeitendes Urteil aufzeigen. Seine Biologie ist seit langem gut erforscht. Er existiert als erwachsenes Tier in zwei Formen, einer hellen und einer dunklen Variante. Ursprünglich fing man fast ausschließlich helle Tiere. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert ging dann die Kohleverbrennung und eine daraus resultierende Belastung der Luft einher. Im Zuge dessen beobachtete man in England, dass sowohl die Stämme der Birken immer dunkler wurden, als auch die Anzahl der dunklen Birkenspanner immer häufiger. Als dann im 20. Jahrhundert durch Umweltschutzmaßnahmen die Luft wieder sauberer wurde, wurden auch die Stämme der Birken wieder heller, und die Anzahl der hellen Birkenspanner nahm wieder zu. Die Schlussfolgerung lag nahe, dass gemäß Darwins Annahmen die hellen Schmetterlinge auf den hellen Birkenstämmen besser vor ihren Fressfeinden geschützt sind und die dunkle Variante auf den dunklen Stämmen. Dieses Beispiel findet sich in vielen Schulbüchern weltweit als Illustration eines Beweises für evolutive Verläufe. Das reicht als Abiturwissen vollständig aus.

Aber man kann darüber hinausgehen. Nach und nach wurde dieser Sachverhalt in Fachkreisen hinterfragt. Für die Fotos in den Schulbüchern wurden meist tote Tiere auf die entsprechenden Stämme geklebt. Das Problem ist, dass sie sich tagsüber nur selten auf solchen Birkenstämmen aufhalten. Mehr noch, man weiß bis heute nicht genau, wo sich die nachtaktiven Falter tagsüber verstecken – man vermutet, in den Kronen von Laubbäumen. Ob ihre Färbung sie dort vor Fressfeinden schützt, ist unsicher. Unklar ist ebenfalls, inwieweit sie von Fledermäusen gefressen werden, die sie anhand ihrer nächtlichen Bewegungen orten. Lässt man lebende Exemplare tagsüber fliegen, suchen sie die nächstgelegenen Baumstämme auf. Passt ihre Färbung dann nicht zur Unterlage, werden sie rasch von Vögeln gefunden und gefressen. Das kann ihnen aber bei ihrer nachtaktiven Lebensweise so nicht ohne Weiteres geschehen. All diese Zusammenhänge sind daher bis heute Gegenstand einer kontroversen Diskussion. Die evolutiven Zusammenhänge sind offenbar deutlich komplexer als ursprünglich angenommen. Nach einleitenden Hinweisen können die Schüler sie selbstständig recherchieren und sich ein eigenes Urteil erarbeiten. Dazu gehören die Auseinandersetzung mit den Originalstudien und die Formulierung weiterführender Forschungsaufgaben. Das Erlebnis, einer Sache wirklich auf den Grund zu gehen, sie auf dem aktuellen Kenntnisstand zu verstehen und daran eigene Möglichkeiten zu entdecken, einen selbstständigen Beitrag für den weiteren Fortschritt zu leisten, kann das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärken und einen ausgesprochen optimistischen Ausblick auf die Zeit nach der Schule geben.

Individualisierung durch Jahresarbeit

Auf dem Weg durch die Oberstufe ist gleichzeitig die sich immer stärker bemerkbar machende Individualisierung der Schüler ein wichtiger Entwicklungsschritt. Diesem gilt es gerecht zu werden. Die Waldorfpädagogik bietet dafür eine Reihe von Möglichkeiten. So kann in Klassenspielen Rollenverhalten in einem kreativen Kontext erprobt werden und in Jahresarbeiten können die Schüler ihren eigenen Anliegen intensiv und selbstständig nachgehen. Bei solchen Aufgabenstellungen werden die Schüler so weit wie möglich frei gelassen. Sie können die ihnen entsprechende Herangehensweise frei wählen, was bereits mit der Entscheidung für eine eher kognitive, künstlerische, praktische oder mehrere Ansätze integrierende Arbeitsform beginnt. Am Ende stehen Ergebnisse, die berufsbiographisch bedeutsam und mit einem Portfolio auch Bestandteil des Schulabschlusses sein können. Solche und weitere Resultate schulischer Arbeit werden häufig zu Höhepunkten bei Feiern der ganzen Schulgemeinschaft.

Konterkariert das Abitur die Entfaltung zur Freiheit?

Diese pädagogisch fruchtbaren und nachhaltig wirksamen Elemente des Unterrichts in der Oberstufe können durch das Abitur konterkariert werden. Wie die WEiDE-Studie, die erste repräsentative Befragung der deutschen Waldorfschuleltern, eindrucksvoll zeigt, hat dieser höchste Schulabschluss für unsere bildungsaffine Elternschaft einen sehr hohen Stellenwert. Er soll in staatlich anerkannter Form in den Waldorfschulen sichergestellt sein und rund zwei Drittel aller Schüler sollen ihn nach den Wünschen ihrer Eltern erfolgreich absolvieren. Die Lehrkräfte laufen daher Gefahr, ihre Pädagogik daran auszurichten. Dabei ist das Abitur ein »Scheinriese«. Seine Anforderungen sind deutlich geringer als die eines erfolgreichen Waldorfschul-Abschlusses. Die Vorbereitungen können sich dank des Zentralabiturs schematisch an den Aufgaben früherer Jahre orientieren, da sich die Prinzipien stets wiederholen. Das Abitur und die Fachhochschulreife werden inzwischen von ca. 50 Prozent eines Jahrgangs erreicht und stellen keine Eliteauswahl mehr dar, auch wenn sie deshalb nicht anspruchslos sind. Aber die waldorfpädagogischen Anliegen gehen mit ihrer Unterstützung des Selbstständigwerdens der Schüler nicht nur einen anderen Weg, sondern in ihren Anforderungen über die des Abiturs hinaus.

Um herauszufinden, inwiefern sich dies in der Vorbereitung der Waldorfschüler auf das Abitur zeigt, habe ich eine Interviewstudie durchgeführt, die voraussichtlich Ende 2020 erscheinen wird. Es gab Schüler, die Prüfungsängste zwei bis drei Jahre vor dem Abitur äußerten, die mit dem Heran­nahen des Prüfungstermins immer geringer wurden. Und es gab andere, die nicht recht wussten, wie sie in einer ihnen adäquaten Weise selbstständig lernen können. Im ersten Fall kann man – unter Einbeziehung weiterer Fakten – eine gelungene waldorfpädagogische Beschulung vermuten, während im letzteren Fall unterrichtliche Verbesserungen notwendig sein können. Besonders eindrucksvoll ist die vollkommen selbstständige Umgangsweise mit dem Abitur, die Waldorfschüler in Freiburg entwickelt haben. Sie beschlossen, sich unabhängig von ihrer Schule gemeinsam auf das Abitur vorzubereiten und haben dazu vor zwölf Jahren den Verein »methodos« gegründet. Sie organisieren sich selbstständig die notwendigen Mittel, stellen Lernbegleiter ein und lernen in einer für sie sinnvollen Weise. So verbinden sie das fachliche Lernen mit einer Vorbereitung auf viele Herausforderungen, die das Leben nach der Schule an sie stellt. Nach dem ersten erfolgreichen Jahrgang sind ihnen alljährlich Schüler nachgefolgt, inzwischen auch von anderen Schulformen, und es wurde mit ABINOM ein Ablegerverein gegründet. Nach Steiner ist das Ziel der Waldorfpädagogik, »dem Seelisch-Geistigen gewissermaßen die Möglichkeit zu bieten, sich aus sich selbst heraus zu entfalten.« Die Schüler müssen demnach nicht zur Freiheit erzogen werden. Vielmehr müssen sie Gelegenheiten erhalten, die in ihnen bereits veranlagte Freiheit auch zur Entfaltung zu bringen. In der Oberstufe geschieht dies insbesondere dadurch, dass ihnen Wege aufgezeigt werden, ihre Kompetenzen zu entwickeln. Das beginnt mit dem Erüben vielseitiger, kreativer Denk­weisen und dem Hinterfragen von Normen. Auf dieser Grundlage können eigene Urteile gebildet werden, die ein selbst­ständiges, zum eigenen Lebensentwurf passendes Handeln ermöglichen. 

In Freiheit entlassen bedeutet dann, dass die jungen Erwachsenen sich ihrer Freiheiten und zugleich ihrer damit verbundenen Verantwortung bewusst werden, wenn sie Entscheidungen treffen, in welchen Zusammenhängen sie ihre Fähigkeiten zukünftig einsetzen wollen. 

Zum Autor: Dr. Dirk Rohde ist Oberstufenlehrer für Naturwissenschaften an der Waldorfschule in Marburg, Dozent für Waldorfpädagogik und Bildungsforscher. 

Literatur: R. Steiner: Erziehungsfragen im Reifealter, Vortrag vom 21. Juni 1922; GA 302a, Dornach 1983; R. Steiner: Pädagogischer Jugendkurs, 11. Oktober 1922, GA 217, Dornach 1988; R. Steiner: Die gesunde Entwickelung des Menschenwesens, Vortrag vom 3. Januar 1922, GA 303, Dornach 1987; M. Neukamm: Die Kontroverse um den Birkenspanner Biston betularia, www.martin-neukamm.de biston2.html; S. Koolmann, L. Petersen, P. Ehrler (Hrsg.): Waldorf-Eltern in Deutschland, Weinheim und Basel 2018

methodos-ev.org | abinom.de

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