Frohe Nachricht

Von Henning Kullak-Ublick, Mai 2018

Es kommt vor – selten, aber nicht nie –, dass ich mich über einen Artikel in der Erziehungskunst richtig ärgere. Dazu gehörte ein Interview mit Daniele Ganser, das 2016 erschien, kurz nachdem ich die Waldorfschulen aus gegebenem Anlass davor gewarnt hatte, »irgendwelche Verschwörungstheoretiker« einzuladen und stattdessen für einen fundierten Gesellschaftskundeunterricht warb.

Sowohl über den Begriff »Verschwörungstheoretiker« wie über die Relevanz des Interviews waren sich Herausgeber und die Redaktion nicht einig.

Obwohl ich mein Urteil dazu mitnichten geändert habe, bin ich froh, dass wir eine Redaktion haben, die tut, was sie für richtig hält! Eine der wichtigsten Aufgaben für uns als Herausgeber ist es, ihr den Rücken freizuhalten, damit sie auf der Grundlage ihrer eigenen (sehr hohen) Kompetenz entscheiden kann, was sie veröffentlicht und was nicht. Natürlich tauschen wir uns aus, aber wir pfuschen ihr nicht ins Handwerk, und deshalb stellt sie Monat für Monat eine der besten pädagogischen Zeitschriften her, die man heute finden kann.

Ich schreibe das auf, weil die redaktionelle Freiheit außerhalb unserer in dieser Beziehung tatsächlich einmal heilen Waldorfwelt zunehmend durch kommerzielle Zwänge, politische Sanktionen wie in der Türkei und einer wachsenden Zahl von Ländern, aber auch durch die skandalsüchtigen Online-Empörungsplattformen der »sozialen« Medien bedroht wird. Während es immer schwieriger wird, gut recherchierten und solide belegten Journalismus überhaupt zu finanzieren (es gibt ihn, auch in den oft gescholtenen Mainstream-Medien), greifen Plattformen wie Breitbart, Berlusconis Medienimperium oder russische »Trolle« immer unverblümter mit gezielten oder völlig offensichtlichen Lügen in das Nachrichtenwesen ein. Wir werden gerade daran gewöhnt, »alternative« und »belegte« Fakten als völlig gleichwertig anzusehen. Übrig bleibt ein Wust von Meinungen, während der Diskurs um Ideen, Konzepte und Zusammenhänge auf der Strecke bleibt.

Für die Demokratie ist das genauso fatal wie für die – unantastbare – Würde jedes einzelnen Menschen, die ohne unsere höchste Fähigkeit – das individuelle Ringen um Wahrheit in unserem Denken und Fühlen – in sich zusammenfällt. Wenn Meinungsmehrheiten aus sich gegenseitig bestätigenden Netzwerk-Gruppen wichtiger werden als der Mut, selbst zu erkennen, wird auch die Sehnsucht nach neuen Führern größer, die uns jene Orientierung versprechen, die wir in unseren eigenen Seelen nicht mehr finden können.

Auch deshalb kommt es immer mehr darauf an, dass Kinder Menschen um sich haben, denen sie vertrauen können, weil sie sich wirklich darum bemühen, ihnen Zugänge zur Welt zu erschließen, die sie mit ihren Herzen, mit ihren Sinnen und natürlich mit ihrem Verstand selbst erkennen lassen, worum es geht. Das meinte Rudolf Steiner mit der »geliebten Autorität« während der Klassenlehrerzeit. Wer sie – und ihre Verwandlung zur Eigenverantwortung in der Oberstufe versteht sich – erleben kann, wird der autoritären »öffentlichen Meinung« hoffentlich nicht so leicht auf den Leim gehen. ‹›

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis sowie Koordinator von Waldorf100 und Autor des Buches »Jedes Kind ein Könner. Fragen und Antworten an die Waldorfpädagogik«.

Kommentare

Hubert Aretz, Borchen, NRW, 11.07.18 19:07

Sehr geehrter Herr Henning-Kullak Ublick,

Ihre Ausführungen zu diesem Thema sind mir wiederholt in ihrer Qualität ohne konkrete Bezüge aufgefallen, (zuletzt in der Ausgabe von Anthroposophie weltweit 7-8/18)
Es würde mich interessieren, was Sie unter "Verschwörungstheoretikern" verstehen (bitte mit Nachweisen & Links zu konkreten Themen) und warum Sie Daniele Ganser als solchen bezeichnen, bitte mit Bezugnahme zur entsprechenden Quelle (welcher Vortrag?, welches Buch?, welches Interview?, welche Thematik?). Woher stammt dieses Wort und was wird bezweckt, wenn man jemand damit bezeichnet? Soll es (ohne weitere Begründung) disqualifizieren? Daniele Ganser ist unter anderem Beirat in der Zeitschrift „Rubikon“. Schauen Sie sich mal die vielen weiteren Beiräte an:
https://www.rubikon.news/beirat
wie zum Beispiel Rainer Mausfeld, Daniela Dahn, Jean Ziegler, Karin Leukefeld… usw…., und sagen Sie mir ob Sie sich mit den Aussagen dieser Menschen auseinandergesetzt haben?
Auch würde mich interessieren, was Sie mit russischen Trollen genau meinen und wo diese aufzufinden sind.

Freundlich grüßt Hubert Aretz

Henning Kullak-Ublick, Hamburg, 11.07.18 21:07

Sehr geehrter Herr Aretz, ich empfehle dazu ein aktuelles Buch: „Nichts ist, wie es scheint“ von Michael Butter:
https://www.suhrkamp.de/buecher/nichts_ist_wie_es_scheint_-michael_butter_7360.html
Mit freundlichen Grüßen, Henning Kullak-Ublick

Hubert Aretz, 15.07.18 11:07

Sehr geehrter Herr Henning-Kullak Ublick,

Sie gehen auf keine meiner Fragen ein und verweisen lediglich auf ein Buch. Ich könnte Ihnen auch eins nennen, z.B. "Illegale Kriege" von Daniele Ganser
https://www.danieleganser.ch/1102.html
oder diesen interessanten aktuellen Artikel von Karin Leukefeld vom 14. Juli 2018:
https://www.rubikon.news/artikel/die-chemiewaffen-manipulation
Indem wir lediglich Bücher nennen, entsteht keine Einsicht. Wenn Eltern in der Waldorfschule die besondere Methode des Lesen und Schreibenlernens verstehen wollen, kann der Lehrer nicht einfach auf irgendeine Literatur verweisen. Der Verdacht läge nahe, dass er selbst die Hintergründe der Unterrichtsmethodik nicht wirklich verstanden hat bzw. sie nur äußerlich handhabt.

Ich habe eine eigenständige Argumentation von Ihnen erwartet; stattdessen kam nur der Hinweis auf eine äußere Autorität, die Sie vermutlich für wichtig halten. Mich interessiert, was Sie zu sagen haben, insbesondere bezüglich des von Ihnen genannten und als "Verschwörungstheoretiker" bezeichneten Daniele Ganser. Ihr tatsächliches, authentisch angeeignetes Verständnis ist für mich maßgebend, mit konkreten Bezügen zu Ihren Behauptungen, die es erlauben zu verstehen, wie Sie zu Ihrer Meinung gekommen sind. Nur dadurch wird Ihre subjektive Ansicht objektiviert bzw. in einer Gemeinschaft diskutabel.

Ich gehe davon aus, dass Sie aus gründlichem Studium der Sachverhalte heraus sich Ihre Meinung bilden und nicht leichtfertig das Werk eines anderen Menschen beurteilen oder Begriffe benutzen, die den anderen ohne weitere Begründung abwerten. Ich möchte Sie auffordern, Ihre eigenen Gedanken so zu formulieren, dass Sie argumentativ nachvollziehbar sind. Hier noch einmal kurz zusammengefasst alle meine Fragen:
1. Was verstehen Sie unter einem Verschwörungstheoretiker?
2. Warum bezeichnen Sie Daniele Ganser als einen solchen?
3. Haben Sie sich mit Werken oder Vorträgen von Daniele Ganser, Rainer Mausfeld, Daniela Dahn, Jean Ziegler und Karin Leukefeld befasst? Diese Persönlichkeiten (und viele weitere) bilden zusammen mit Daniele Ganser den Beirat von Rubikon.news, https://www.rubikon.news/beirat
4. Was genau meinen Sie mit russischen Trollen und wo sind Sie Ihnen begegnet?

Freundlich grüßt Hubert Aretz

Henning Kullak-Ublick, Hamburg, 15.07.18 14:07

Sehr geehrter Herr Aretz, da Ihre Kritik stimmt, möchte ich meine Antwort begründen - und dann ein bisschen darüber hinausgehen. Allerdings möchte ich auch klarstellen, dass es in diesem "Standpunkt" gar nicht vor allem um Daniele Ganser ging, sondern um die Freiheit der Presse (die er bestreitet). Aber gut:

Vor einiger Zeit schrieb ich einen Brief an die Kollegien der Waldorfschulen, dessen Anlass eine geplante Veranstaltung mit Ken Jebsen gewesen war. Darin warnte ich, kurz gefasst, davor, "irgendwelche Verschwörungstheoretiker" an die Schulen einzuladen und empfahl stattdessen einen soliden Gesellschaftskunde-Unterricht. Obwohl der Brief nur an meine Kolleg*innen gerichtet war, verbreitete er sich viral und ich hatte das nächste halbe Jahr mit einer Mailflut zu tun, vor der ich irgendwann kapitulieren musste (weil das argumentativ zu überhaupt nichts führte) und wollte (weil ich genug darüber erfahren hatte, dass ich der "Teufel im Dreikönigsspiel", "völlig Ich-los", ein Gegner Rudolf Steiners und noch einiges mehr bin).

Ich habe das dann mit einer Diskussion auf "dreigliederung.de" beendet.

Nun hat, nachdem ich den Beitrag oben verfasst hatte, eine Veranstaltung in der Baseler "Scala" stattgefunden, in der gleich vier Herren auftraten, um uns den Sand aus den Augen zu waschen, unter anderem auch die Herren Ganser und Jebsen: https://youtu.be/u730_dCSBzo

Diese Veranstaltung veranlasste einige Anthroposophen, eine öffentlichen Stellungnahme in "info3" und "Anthroposophie weltweit" zu veröffentlichen: https://www.info3-magazin.de/die-offene-anthroposophie-und-ihre-gegner/

Da ich auch etwas dazu beigetragen habe, erhielt ich anschließend Zuschriften, in denen mir vorgeworfen wurde, ich hätte wohl noch nie etwas von Ganser gelesen oder ihm zugehört. Daher: Ich habe Vorträge von ihm gehört und auch Ken Jebsen persönlich aufgesucht - über meinen durchaus subjektiven Eindruck hatte ich in dreigliederung.de berichtet.

Aber da ich oben den Link zu der Veranstaltung in der "Scala" gepostet habe, füge ich hier meinen Kommentar dazu an. Auch das ist zwar keine inhaltliche Auseinandersetzung, aber es beschreibt das Marketing-Schema, das sich immer wiederholt und das Herr Jebsen seinen Kritikern in der Einleitung ja ausdrücklich empfiehlt:

Das oben verlinkte Video zeigt sehr schön die kommerziell durchaus erfolgreiche Marketingstrategie der beteiligten Herren: Es beginnt mit lauter eloquent vorgetragenen Allgemeinplätzen, die jeder unterschreiben kann, das Publikum wird gelobt und nach und nach in ein kollektives "Wir" hereingeholt, das sich das Fragen und eigenständige Denken nicht verbieten lässt, nicht zuletzt, weil "wir" ja Waldorfschüler waren. Methodische oder inhaltliche Kritiker werden en passant, aber wiederholt, als Feiglinge, Mitläufer oder gar Agenten des "Mainstreams" gebrandmarkt, zu dem neben der CIA natürlich auch die klassischen journalistischen Medien gehören. Es folgt der eigene Heldenmythos der beteiligten Herren, die wegen ihres Mutes gegenüber den herrschenden Eliten ins Abseits geschoben, mundtot gemacht und wirtschaftlich ruiniert werden sollten, aber weiterhin tapfer dagegen antreten und jetzt erst frei sind.

Von da aus geht es über zu WTC3 etc. und ein munteres Assoziieren beginnt.

Dass die Kritik an dem Vorgehen überhaupt nicht am "Fragen" an sich liegt, sondern an der assoziativen Aneinanderreihung dieser "Fragen" zu einem gefühlten Gesamtkomplex, wird einfach übergangen bzw. als weiterer Beleg für die erfolgreiche Verschleierungstaktik der im Verborgenen wirkenden Strippenzieher insinuiert – natürlich wieder nur als "Frage", versteht sich.

Das Ganze ist trotz der unbestreitbaren Eloquenz zumindest der beiden Hauptprotagonisten so simpel konstruiert, dass man sich immer wieder nur wundern kann, wie ansonsten intelligente und zu kritischem Denken fähige Menschen darauf reinfallen.

Ergänzend sei noch angemerkt, dass die oben erwähnte Stellungnahme weder die Existenz von Verschwörungen noch die teils äußerst geschickte Propaganda zur Durchsetzung knallharter Machtinteressen bestreitet; diese durchziehen die Geschichte ebenso wie die Gegenwart. Die Kritik wendet sich dagegen, dass hier im Namen der "Aufklärung" mit Assoziationen um sich geworfen wird, bei denen es überhaupt nicht um einen kritischen Diskurs geht, sondern um die gefühlte Bekräftigung längst feststehender Urteile. Damit lässt sich gut Geld verdienen – nur führt das leider geradewegs in den politischen Populismus hinein.

Hubert Aretz, 19.07.18 23:07

Sehr geehrter Herr Kullak-Ublick, trotz Ihres weiteren Kommentars vermisse ich immer noch konkrete Antworten auf meine Fragen.

Bleiben wir bei dem von Ihnen erwähnten Daniele Ganser, zur Erinnerung Ihre Worte:
„Es kommt vor – selten, aber nicht nie –, dass ich mich über einen Artikel in der Erziehungskunst richtig ärgere. Dazu gehörte ein Interview mit Daniele Ganser, das 2016 erschien, kurz nachdem ich die Waldorfschulen aus gegebenem Anlass davor gewarnt hatte, »irgendwelche Verschwörungstheoretiker« einzuladen und stattdessen für einen fundierten Gesellschaftskundeunterricht warb.“ (Mai 2018, Erziehungskunst, Standpunkt, Kullak-Ublick).
Zeigen Sie bitte konkret einen Gedankengang auf, der Ihre Behauptung stützt, D. Ganser sei ein Verschwörungstheoretiker? Übernehmen Sie Verantwortung für Ihre oben zitierte Aussage!

Im Weiteren merkten Sie in Ihrem letzten Kommentar an, dass Ihre Stellungnahme „weder die Existenz von Verschwörungen noch die teils äußerst geschickte Propaganda zur Durchsetzung knallharter Machtinteressen bestreitet; diese durchziehen die Geschichte ebenso wie die Gegenwart.“ (Mai 2018: Erziehungskunst: Kommentar zu Standpunkt: Kullak-Ublick)
Wenn Sie die Existenz von echten Verschwörungen inklusive geschickter Propaganda einräumen, dann wäre es sicherlich wichtig, Fähigkeiten zu entwickeln, diese zu erkennen, um eine solche Vorgehensweise ans Licht zu befördern. Menschen mit solchen Fähigkeiten könnte man Verschwörungs-Entdecker nennen, die keine Verschwörung erfinden, sondern eine tatsächlich vorhandene aufdecken. Diese Art von Erkenntnisarbeit würde sicherlich dazu beitragen, die friedliche Koexistenz zu fördern.

Und schließlich möchte ich gern Konkretes über die von Ihnen erwähnten russischen "Trolle“ erfahren, die "immer unverblümter mit gezielten oder völlig offensichtlichen Lügen in das Nachrichtenwesen" eingreifen (Mai 2018: Erziehungskunst: Standpunkt: Kullak-Ublick)
Bitte nennen Sie konkret angebliche Lügen der russischen "Trolle" und wo, in welcher Situation, in welchem Medium Sie diese bemerkten. In diesem Zusammenhang wäre es interessant zu erfahren, ob Ihnen auch Trolle anderer Nationalität aufgefallen bzw. wie deren Nationalität feststellbar ist?

Bitte beantworten Sie meine Fragen konkret und nachvollziehbar, es dankt und grüßt freundlich Hubert Aretz

Henning Kullak-Ublick, Hamburg, 21.07.18 11:07

Sehr geehrter Herr Aretz, ich bitte um Verständnis, dass ich diese Debatte hier nicht führen werde. Erfahrungsgemäß wird daraus fast immer eine argumentative Endlosschleife - und die führt fast immer zu gar nichts.

Hubert Aretz, 24.07.18 13:07

Sehr geehrter Herr Kullak-Ublick,

Sie wollen die Debatte hier nicht führen - wegen „erfahrungsgemäß“ zu nichts führenden „argumentativen Endlosschleifen“.
Wenn Sie auch die anderen Schriftwechsel in dieser Form geführt haben, dann kann ich die Endlosschleife nachvollziehen, zumal Sie z.B. auf wiederholtes Nachfragen kein einziges konkretes Argument genannt haben, das Ihre Zuordnung von Daniele Ganser zu „irgendwelchen Verschwörungstheoretikern“ belegen würde.
Sie bleiben bei Allgemeinplätzen stehen und übernehmen keine Verantwortung für Ihre Behauptungen.
Vielleicht versuchen Sie es mal mit Detailkenntnis und differenzierter Argumentation, um eine schwerwiegende Anschuldigung phänomenologisch zu belegen. Möglicherweise wird es Ihnen dann leichter fallen, den Endlosschleifen zu entkommen und ein echtes Gespräch mit einem anderen Individuum zu führen.

Freundlich grüßend – Hubert Aretz

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