Müssen wir an der Maschine lernen, was der Mensch ist?

Von Claus-Peter Röh, Dezember 2020

Das von der Covid-19-Pandemie geprägte Jahr 2020 hat in der pädagogischen Landschaft zu großen Herausforderungen und Veränderungen geführt. Vorrangig stand jede Schulgemeinschaft nach dem Lockdown vor der Aufgabe, die sich ändernden Richtlinien so umzusetzen, dass der Unterrichtsbetrieb wieder stattfinden konnte. Um dieses Ziel zu erreichen, waren viele Umstellungen notwendig, z.B. in Stundenplänen, Gruppen-Einteilungen und Unterrichtsformen bis hin zum deutlich verstärkten Home-Schooling und E-Learning.

Foto: © Charlotte Fischer

In den Gesprächen der Erzieher und Lehrer ging es einerseits vorwiegend um diese äußeren, organisatorischen Aufgaben, andererseits tauchten aber auch innere, existenziell erlebte Fragen auf:

  • Für eine Kollegin trat besonders die Bedeutung des menschlichen Miteinander im Kollegium neu hervor.
  • Ein Kollege beschrieb, dass er nach einer langen Phase des Online-Unterrichts auf neue Weise für die Kraft der unmittelbaren Begegnung mit den Schülern im Klassenraum aufgewacht sei.
  • Auch die Bedeutung der Gemeinsamkeit in der Erziehung durch Eltern und Lehrer trat bei der Realisierung des Fernunterrichts neu in den Blick.

Aus der hier angedeuteten Neu-Besinnung auf grundlegende pädagogische Werte möchte die folgende Betrachtung der Frage nachgehen, ob und wie gerade dort, wo gegenwärtige Krisen und Spannungsfelder als polarisierend und entwicklungsgefährdend erlebt werden, zugleich die Herausforderung mitwächst, sich selbst als Mensch in seinem Menschsein neu zu bestimmen.

Im Jahr 2018 blickt Gerald Hüther zunächst auf alarmierende gesellschaftliche Verhältnisse: Aus der Feststellung, dass trotz all der Jahre des Sprechens von einer ökologischen Wende heute keine Bienen mehr in seinem Lindenbaum summen, benennt er mit deutlichen Worten die Nöte der Gegenwart vom Insekten-Sterben bis zur Mechanisierung des Menschlichen, auch in der Pädagogik: »War es mit Beginn der Industrialisierung die Handarbeit, die getaktet und normiert wurde, so wird jetzt auch die Kopfarbeit zu einem Fließbandjob« (Hüther 2019).

In Bezug auf Kindsein und Schule fährt er fort: »Die Zeit – vorher so endlos wie der Raum – wird jetzt portioniert, zerstückelt in Einheiten von 45 Minuten. Auf jedes Fach folgt ein neues, ohne dass die Dinge zu Ende gedacht werden können. … Und plötzlich wird aus dem Gestalter seines eigenen Seins jemand, der verwaltet wird«. Zusammenfassend stellt er fest, dass es trotz vieler Bemühungen um Verbesserungen kaum wirkliche Durchbrüche gab und entwickelt eine andere Fragerichtung: »Und dabei bin ich auf diesen inneren Kompass gestoßen, … unsere Würde.« Den Entstehungsmoment des Gefühls der Würde oder Unwürde findet er genau dort, wo wir als Mensch durch das eigene Handeln in Einklang oder aber in Widerspruch zu uns selbst und damit zur Welt geraten. Das Gespür für die Würde des eigenen Menschseins wird laut Hüther schon von jedem Kind mit auf die Welt gebracht.

Wo es um die Würde des Menschen geht, kann die Sprache der Gegenwart Bedeutungs-Verschiebungen und Grenzüberschreitungen wie eine Art Zeitzeuge ausdrücken. So tauchte das Wort »individuell« verstärkt dort auf, wenn es um die Technisierung und Digitalisierung des Unterrichts geht. In der Rubrik »Geld&Mehr« wird unter der Überschrift »Revolution im Klassenzimmer« (FAZ, 10.1.2016) ein Computerprogramm vorgestellt, das aus einer Vielzahl »individueller Aktionen« Gesetzmäßigkeiten herausfinden könne. Die Neurowissenschaftlerin Vivienne King beschreibt den Stand der Forschungen, die nach Milliarden-Investitionen nun die Zukunft der Schule von morgen bestimmen sollen: »Wir haben ein System der Schülerbeobachtung aufgebaut, das aus dem, was es über den einzelnen Schüler weiß, genaue Prognosen über dessen Fortschritte machen kann.« Die Daten für dieses Systems sollen aus dem Unterrichtsalltag gewonnen werden, indem dieser stetig aufgenommen und digital analysiert wird. Bemerkenswert an diesem Artikel ist, dass das Wort »Individualisierung« ausdrücklich auf das Datenmaterial eines Schülers und die daraus gewonnenen Algorithmen bezogen wird.

Individuell und technisch – passt das zusammen? Die seelische Empfindungswelt der jungen Schüler-Individualität oder der Lehrkraft kommt dabei offenbar nicht zur Wahrnehmung und Erwägung. Dabei liegt aber gerade in der Unterschiedlichkeit und Vielfalt der selbst hervorge­brachten Empfindungen das seelische Bindeglied des jungen Menschen zur Hinwendung, zur Aufmerksamkeit, zur Entdeckungsfreude und damit zum ganzen Lernprozess. Impulsgebende Quelle dieser Fähigkeiten ist die geistige Individualität, welche sich als menschliches Ich im Laufe ihrer biographischen Entwicklung in der Seele und im Leib beheimatet. Eltern und Pädagogen, die sich mit dem Werdegang einer heranwachsenden Persönlichkeit über Jahre verbinden, lernen ihre Einzigartigkeit kennen. Jene Augenblicke, in denen das innere Wesen des jungen Menschen ganz mit seinem Auftreten, mit seiner Äußerung oder Tätigkeit zusammenklingt, können als besonders würdevoll erlebt werden. Gerade im nicht programmierbaren, im nicht vorhersehbaren Wechselspiel zwischen geistiger Innerlichkeit, zukünftiger Möglichkeit und Lebensäußerung findet diese Würde des Heranwachsenden ihren Ausdruck. Wer in dieser Art Kinder oder Jugendliche in ihrem Werden erlebt hat, kann vom oben beschriebenen, auf äußere Datensätze reduzierten Menschenbild so betroffen sein, daß sich der Impuls zur inneren Gegenbewegung bildet: Wie kann im Blick auf die Not der Zeit die erlebte Wirklichkeit der geistig-seelischen Individualität in ihren persönlichen Lebensimpulsen, Fähigkeiten und Entwicklungszielen noch wachsamer wahrgenommen und im Gespräch mit anderen Erziehern in Worte gefasst werden? Im vertrauten Raum des Elternhauses ist es vielleicht die ureigene Art, Interessen nachzugehen, Fragen zu stellen oder den Geschwistern zu begegnen. Im Unterricht kann es die Art sein, vor den anderen zu sprechen, neue Aufgaben aufzugreifen oder der Moment des Über-Sich-Hinauswachsens in einer künstlerischen Tätigkeit. Bald nach der Begründung der ersten Waldorfschule beschreibt Rudolf Steiner die rasante Zunahme des technischen Maschinenwesens, das die Erde und das Menschenleben immer stärker umspannen wird. Die entscheidende Frage liegt aus der Perspektive der Anthroposophie in der Haltung, wie der Mensch mit der Maschine umgeht. Wird das Maschinenwesen den Menschen bis in seine Bewegungen, seine Gedanken und letztlich bis in das soziale Leben bestimmen und überwältigen? Oder kann der Mensch aus innerer Freiheit eine solche menschlich-geistige Kraft der Selbstbestimmung entwickeln, dass diese ein Gleichgewicht zur äußeren Mechanisierung bildet? »Wenn der Mensch um sich herum durch die äußere Wissenschaft die Welt mechanisiert, dann muss er um so mehr aus seinem Inneren heraus eine innere Wissenschaft, die wiederum Weisheit ist, erstehen lassen. Die wird die Kraft haben, das zu dirigieren, was ihn sonst überwältigen würde« (Steiner 1993). Als Konsequenz daraus wird für die Zukunft eine notwendige Verwandlung des Maschinenwesens beschrieben: »Später wird man finden: Nicht dasjenige, was von den Maschinen kommt, ist die Hauptsache, sondern der Mensch ist die Hauptsache. Deshalb darf es nur solche Maschinen geben, die hergerichtet sind für den Menschen« (Steiner 1991). Im oben genannten Beispiel wird das Ziel des trans­humanistischen Weltbildes, aufkommende Grenzen der menschlichen Entwicklungsmöglichkeit in Zukunft durch Systeme technischer Intelligenz zu überschreiten, konsequent umgesetzt und beworben. So erklärt V. King am Ende den Lehrern, welchen »erheblichen Nutzen« sie aus dem digitalen Beobachtungssystem ziehen können: »Wir können den Lehrern zu jeder Zeit genau sagen, welche Unterstützung welcher Schüler braucht und auf was dieser Schüler am besten reagiert. Sei es einfach nur Zuspruch oder sei es ein besonderer Text oder ein Kurzvideo.«

Der Mensch als technisch-wirtschaftliches Investitionsangebot

Die Reduzierung des Pädagogisch-Menschlichen zu einem technisch-wirtschaftlichen Investitionsangebot, das sein eigenes Programm über die menschliche Freiheit stellt, zeigt sich für Klaus Zierer drei Jahre später bereits in den Lehrerbildungs-Programmen der Hochschulen. Er beschreibt den Einsatz von »Virtual Reality (VR), eine vom Computer hergestellte Wirklichkeit« für Lehramts-Studenten: »Studierende stehen also ausgestattet mit Virtual-Reality-Brillen in einem Seminarraum der Universität … Sie sehen Schüler und Schülerinnen als animierte Zeichentrickfiguren, die bestimmte Verhaltensweisen an den Tag legen. … Tom und Jerry, zwei fiktive Figuren, sind so programmiert, dass sie auf das Handeln der Studierenden reagieren. Gehen die Studierenden im Sinn der Programmierung korrekt mit den Störern um, dann beteiligen sich Tom und Jerry wieder am Unterricht« (Süddeutsche Zeitung, 28.1.2019). In dieser Art, eine »Klassenführung« zu trainieren, sieht Zierer ein Zeichen tiefen Misstrauens gegenüber den Studenten, dass sie Schülern im Unterricht von Beginn an menschlich begegnen könnten. Ausgedehnte empirische Studien – wie in John Hatties Buch Visible Learning gesammelt – belegen für ihn, dass die Lehrer-Schüler-Beziehung der stärkste Wirkungsfaktor im Unterricht ist: etwa die Bereitschaft der Lehrer, menschliche Nähe zu ermöglichen, ohne Distanz aufzugeben, Wertschätzung im Handeln zu zeigen und eine Kultur des Vertrauens und Zutrauens zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund schließt Zierer im Blick auf den Versuch, Virtual-Reality-Welten in die Lehrerbildung hereinzudrängen, mit dem Urteil: »Technische Spielereien am und mit Menschen sind bereits heute aus empirischer Sicht sinnlos. Aus ethischer Sicht betrachtet sind sie verantwortungslos.«

An den Herausforderungen der Nöte, Krisen und Reduktionen des Zeitgeschehens können sich innerlich offenbar Gedanken und Impulse entzünden, die im Sinne geistiger Verantwortung menschliche Kräfte der Orientierung und Wirksamkeit in sich tragen. Diese aus sich selbst an der Welt geborene Kraft der Hinwendung und Selbstbestimmung gehörte für Rudolf Steiner 1919 zu den Grundlagen des Unterrichtens an der Freien Waldorfschule: »Durch das Interesse für die Welt müssen wir erst den Enthusiasmus gewinnen, den wir gebrauchen für die Schule und für unsere Arbeitsaufgaben« (Steiner 2011).

Wenden wir uns abschließend einer Forschung der Gegenwart zu, die in besonderer Weise an der Qualität der menschlichen Gefühle arbeitet: »Lauron hat Angst. Er traut sich nicht, den nächsten Schritt zu machen. Immer wieder setzt er an, hebt einen Fuß, doch dann verlässt ihn der Mut. … Dabei summen seine Lüfter, … Lauron ist ein Roboter« (Wolfangel, DIE ZEIT, 2019, S. 27). Der ZEIT-Artikel »Die Angst der Maschine« beschreibt das Ziel, dem Roboter Gefühle beizubringen. Der Forscher selbst bezeichnet diesen Vorgang als »erwachendes Selbstbewusstsein«: Der Roboter werde sich seines inneren Zustands bewusst und berechne zugleich Risiken. Lauron soll also lernen, »Angst«, »Mut« oder »Risikobereitschaft« zu entwickeln. Deutlich wird bald, dass die Worte für menschliche Gefühle »auf rationeller Basis« benutzt werden. Ziel ist die Aufschlüsselung in Funktionen, die dann in der Optimierung selbststeuernder Geräte zur Anwendung kommt.

So heißt es: »Menschen können Risiken einschätzen – künstliche Intelligenz soll das jetzt lernen«, oder »Glücklich ist man, wenn sich eine Situation bessert. Dieses Gefühl ist programmierbar.«

Sprachlich und menschlich ist eine solch kalte Rationalisierung der Gefühle erschütternd. Für die Zukunft unserer Kinder ist nur zu wünschen, dass sie nicht in eine lebendige Erziehung eindringen kann. Mit ihrer Verbreitung im heutigen Zeitgeschehen stehen wir vor einer neuen Herausforderung: Wäre es denkbar, dass wir erst durch die technisierte Nutzbarmachung der Gefühlsnuancen und ihrer schönen Namen in Zukunft auf einer anderen Ebene neu für die Wirklichkeit des Menschlichen an unseren Gefühlen aufwachen? Gerade in der Pädagogik könnten es dann die Kinder sein, an deren reinen, innerlichen Gefühlsregungen wir als Erzieher das menschlich Wesenhafte erleben. Auf diese Weise gedacht, kann die Begegnung mit reduzierten Menschenbildern zu der erneuerten Frage führen, was denn eigentlich den Menschen zum Menschen macht.

Zum Autor: Claus-Peter Röh ist Co-Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum.

Literatur: G. Hüther: Würde. Was uns stark macht als Einzelene und Gesellschaft, Leipzig 2018 | R. Steiner: Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen, Vortrag vom 28. 11. 1920, GA 202, Dornach 1993, S. 54 | R. Steiner: Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen, Vortrag vom 6. 6. 1923, GA 350, Dornach 1991, S. 68 | R. Steiner: Allgemeine Menschenkunde, Ansprache am Vorabend, Dornach 2011 | K. Zierer: »Schule muss menschlich bleiben«, Süddeutsche Zeitung, 28. Januar 2019 | E. Wolfangel: »Die Angst der Maschine«, Die ZEIT, Nr. 33, 6. August 2019

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