Gegen den Strom. Neue Konzepte für die Oberstufe

Von David Kratzert, Ruben Philipp, Dezember 2014

Die Rudolf Steiner Schule Bochum gilt in ihrer fast 60-jährigen Geschichte als Impulsgeber für viele Neuerungen, von denen einige sogar an öffentlichen Schulen Anklang gefunden haben. Dieser Tradition möchte der Schülerrat nicht nachstehen und organisierte eine bisher wohl einzigartige Oberstufenversammlung unter dem Titel »Waldorfschule im Wandel – Zukunft der Oberstufe«.

Je näher die Schüler dem Abitur kommen, desto größer ist die Unzufriedenheit über die Konzeption unserer Oberstufe. Zwischen der 9. und 12. Klasse lässt sich beobachten, dass eine nicht unbeachtliche Anzahl von Schülern unsere Schule verlässt, um an einer staatlichen Institution ihren Abschluss zu machen. Dies wirft die Frage auf: Können wir gemeinsam konstruktive Lösungsansätze finden, um den Ursachen dieser Unzufriedenheit entgegenzuwirken? Etwa zweihundert Schüler und Schülerinnen kamen im Großen Festsaal der Rudolf Steiner Schule Bochum zusammen. Frank de Vries, Oberstufenlehrer unserer Schule, sensibilisierte die Teilnehmer in einem Eingangsvortrag für das Zusammenspiel von Waldorfpädagogik und staatlichem Abschluss. Dem Plenum folgte eine Phase der Gruppenarbeit. Zu vier Themenbereichen erarbeiteten die Oberstufenschüler Antworten auf das Kernproblem:

Waldorfabschluss und Abitur – ein Widerspruch?

Allein die Tatsache, dass für die eigentliche Vorbereitung auf die Abiturklausuren im Konzept unserer Waldorfoberstufe weniger als ein Jahr veranschlagt ist, führt zu einem vermeidbaren Lernstress. Erhebliche Verbesserung würde schon die Verlängerung der Vorbereitungsklasse auf zwei Jahre bringen. Hiermit einhergehen würde der Beginn eines kursbasierten Unterrichtes in der 12. Klasse – ein Gedanke, den eine Vielzahl der Schüler trägt und der nicht zuletzt eine Leistungsdifferenzierung ermöglichen würde. Um nicht mit unserem Waldorfabschluss zu kollidieren, könnten waldorfspezifische Fächer in den Nachmittag gelegt werden. Frustrierende und demotivierende Auswirkungen hat auch, dass Vorleistungen für die endgültige Abiturzensur keine Rolle spielen. Die Schülerschaft erhofft sich hier dringend eine Verbesserung.

Der geplatzte Traum von der zweiten Fremdsprache

Französisch und Russisch lernen von der ersten bis zur dreizehnten Klasse – ein wohl einzigartiges Angebot in der deutschen Schullandschaft. Doch leider platzt der Traum vom Beherrschen der zweiten Fremdsprache spätestens in der 12. Klasse. Ein neuer, zusammenhängender Kernlehrplan für alle Schuljahre scheint dringend notwendig, damit die Grundgrammatik früher gezielt vermittelt werden kann. Das »Französisch-Russischparadoxon« tritt besonders bei der pflichtgemäßen mündlichen Abiturprüfung zutage, die den dreizehn Jahre Lernenden auf drei Jahre hin prüft. Unterrichtsgespräche auf Deutsch genauso wie eine Fokussierung auf die geschriebene Sprache sind weitere Barrieren. Häufig dient der Unterricht lediglich zur Nachbereitung von Hausaufgaben, durch die das Fortschreiten im Unterrichtsstoff gedrosselt wird. Hausaufgaben sollten nach ihrer eigentlichen Definition gestellt und bearbeitet werden, also dazu dienen, das im Unterricht Erarbeitete einzuprägen, einzuüben und anzuwenden.

Umgang mit verschiedenen Lerngeschwindigkeiten

Jeder Schüler hat eigene Stärken und Schwächen. Sich in einem Fach ausschließlich an der Leistungsfähigkeit der schwächeren Schüler zu orientieren, ist ebenso kontraproduktiv, wie nur die stärkeren Schüler zu berücksichtigen. Auch wenn die Waldorfschule grundsätzlich versucht, alle Schüler möglichst lange gemeinsam zu beschulen, erscheint es aus Schülersicht notwendig, – besonders in den Hauptfächern – nach Leistungs- und Lerninteresse zu differenzieren. Bislang ist die Leistungsdifferenzierung an unserer Schule ein Tabu und wird aus Angst vor der Diskriminierung der leistungsschwächeren Schüler gemieden. Dennoch bringt die Differenzierung beiden Seiten große Vorteile: Von den Schülern mit einer langsameren Lerngeschwindigkeit wird der Druck genommen, der sonst durch die in einem Fach begabteren Schüler entsteht und der zu großem Frust führen kann, und es entsteht Raum für eine gezieltere Förderung. Auf der anderen Seite haben Unterforderte nun die Möglichkeit, sich komplexeren Sachverhalten zu widmen und so ihre verlorengegangene Motivation wiederzufinden. Zusätzlich bieten sich Programme zur individuellen Förderung sowohl leistungsstarker als auch -schwacher Schüler an.

Ein individuelles Abitur – das Kursangebot in der Oberstufe

Ein zweijähriges Kurssystem würde neue Türen öffnen, insbesondere im Bereich der Spezialisierung. Warum werden »Profilfächer« der Waldorfschule, wie Musik und Kunst, bei uns weder als Leistungs- noch als schriftliche Grundkurse angeboten? Es ist uns bewusst, dass für das eingeschränkte Kursangebot die geringe Größe unserer Oberstufe verantwortlich ist. Doch bereits seit Jahrzehnten kooperieren städtische Gymnasien, um ihren Schülern einen möglichst breiten Fächerkanon anzubieten. Gerade im Ruhrgebiet, einer Region in der jede größere Stadt über mindestens eine Waldorfschule verfügt, wäre eine Zusammenarbeit möglich, – so dass ein breites Kursspektrum kein Privileg von Gymnasien bliebe.

Viele der genannten Anregungen wirken wie Selbstverständlichkeiten, sind jedoch nicht Praxis. Einige Punkte erwecken vielleicht den Anschein, Anleihen aus der Pädagogik des öffentlichen Schulwesens zu sein. Unsere Intention ist nicht, eine das öffentliche Schulwesen imitierende Oberstufe zu schaffen, sondern Waldorfschülern den Zugang zum öffentlichen Hochschulwesen zu erleichtern. Da die Entwicklung der Oberstufe primär die Schüler betrifft, sollten sie in deren Gestaltung einbezogen werden. Eine Oberstufenversammlung sollte nichts Einmaliges bleiben.

Den Schülerrat der Rudolf Steiner Schule Bochum und weitere Informationen zur Oberstufenversammlung finden Sie unter: www.sr-rss-bo.de

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