Geld geht auch anders. Gute Gründe, Geld neu zu gestalten

Von Margrit Kennedy, Januar 2012

Über die Frage, wer das Geld heute beherrscht, sind sich selbst Fachleute selten einig. Die weltweite Wirtschaftskrise, deren zweite Welle gerade auf uns zurollt, zeigt jedoch, dass diese Frage für die meisten Menschen immer mehr zu einer Überlebensfrage wird. Überlassen wir es den Spekulanten an den Börsen oder dem sogenannten »freien Markt«, zu bestimmen, was unsere Währung wert ist? Oder sind wir in der Lage, selbst zu bestimmen, mit welcher Münze wir bezahlen?

Foto: Wolfgang Schmidt

Erstes Missverständnis 

Das Geld – und damit die Wirtschaft – können dauerhaft quantitativ wachsen. Dabei gilt es zwischen begrenztem und unbegrenztem Wachstum zu unterscheiden. Sowohl unser Körper als auch Pflanzen und Tiere folgen physisch dem begrenzten Wachstum. Ab einer optimalen Größe, also etwa ab dem einundzwanzigsten Lebensjahr, hören wir auf zu wachsen.

Wir verändern uns also die längste Zeit unseres Lebens – mit all unseren Subsystemen – fast ausschließlich qualitativ statt quantitativ. Ein grundlegend unterschiedliches Wachstumsmuster ist das sogenannte exponentielle oder Verdoppelungs-Wachstum. Hier ist das Wachstum anfangs gering, steigt aber dann kontinuierlich an und geht schließlich in ein fast senkrechtes, »unbegrenzt« quantitatives Wachstum über. Es findet – ähnlich dem Krebs – seine Grenze erst beim Zusammenbruch oder der Zerstörung des Organismus, auf dem es wächst. Genau nach diesem Muster verhält sich unser Geld, da sich Geldanlagen durch Zins und Zinseszins in regelmäßigen Zeitabständen verdoppeln.

Das Problem ist, dass der Zins – als wichtigster Preis in unserer Wirtschaft – die Grenze setzt für das, was wir als »wirtschaftlich« betrachten. Wenn nicht wenigstens die Zinsen verdient werden und ein zusätzlicher Profit, ist eine Investition nicht wirtschaftlich. Das heißt, dass die Wirtschaft ein exponentielles Wachstum anstreben muss, und dass die Kluft zwischen Finanz- und Realwirtschaft – im Laufe der Zeit – immer größer wird, sich Spekulationsblasen bilden, diese unweigerlich platzen und der ganze Zyklus wieder von vorn anfängt. Die Folgen exponentiellen Wachstums übersteigen das Vorstellungsvermögen der meisten. Das lässt sich einfach demonstrieren.

Was würden Sie spontan wählen, wenn Sie die Wahl hätten: ein Jahr lang 10.000 Euro pro Woche zu erhalten oder 1 Cent in der ersten Woche des Jahres und das Doppelte in der zweiten und jeder weiteren Woche des gesamten Jahres?

Die meisten Menschen würden sich vermutlich für die erste Möglichkeit entscheiden, weil sie sofort im Kopf überschlagen können, was ihnen das bringt. Und selbst wenn Sie an dieser Stelle ahnen oder gar wissen, dass die zweite Möglichkeit die lukrativere ist, werden Sie weder intuitiv noch rational erfassen, was am Ende eines Jahres dabei herauskommt: nämlich über 45.000.000.000.000,00 Euro oder 45 Billionen Euro.

Das entspricht etwa zwei Drittel des Welt-Bruttosozialprodukts (BSP). Im Durchschnitt wären das für jede Woche rund 800 Milliarden Euro statt 10.000 Euro, wie bei der ersten Option.

Auf die heutige Situation angewandt heißt das, wir stehen ratlos vor dem Machtzuwachs des internationalen Finanzsektors, vor dem exponentiellen Wachstum der Vermögen und Schulden, der Verarmung der großen Mehrheit und dem exzessiven Vermögen einer Minderheit, weil sowohl die geschichtlich erprobten wie auch die neuen Lösungsmöglichkeiten für diese Probleme zu wenig bekannt sind oder nicht mehr angewandt werden.

Zweites Missverständnis

Wir zahlen Zinsen nur, wenn wir uns Geld bei der Bank oder von anderen leihen. Richtig ist, dass in jedem Preis, den wir entrichten, ein Zinsanteil enthalten ist. Nämlich die Zinsen, welche die Produzenten der gekauften Güter und Dienstleistungen der Bank zahlen mussten, um Maschinen und Geräte anzuschaffen. Bei den Müllgebühren zum Beispiel liegt dieser Anteil bei etwa 12 Prozent, beim Trinkwasserpreis bei 38 Prozent und bei der Miete im sozialen Wohnungsbau erreicht er sogar 77 Prozent. Im Durchschnitt zahlen wir etwa 40 Prozent Zinsen in den Preisen für die Güter und Dienstleistungen unseres täglichen Lebens. Könnte der Zins also durch einen anderen Mechanismus ersetzt werden, der die Geldbesitzer anregt, ihr Geld zu verleihen, könnten die meisten von uns ihre Einkünfte fast verdoppeln oder entsprechend weniger arbeiten, um denselben Lebensstandard zu halten.

Drittes Missverständnis

Der Zins ist eine gerechte Gebühr oder Prämie für die Überlassung von Liquidität, die jeder auf Spareinlagen bekommt und die von allen in jedem Preis bezahlt werden müssen.

Nur die wenigsten verstehen, in welchem Ausmaß sie selbst draufzahlen, da der Zins- und Zinseszinseffekt ganz legal für eine ständige Umverteilung des Geldes sorgt. Unterteilt man die deutschen Haushalte in zehn gleiche Gruppen, so zeigt sich, dass neun Teile oder 90 Prozent der Haushalte im Durchschnitt fast doppelt soviel Zinsen zahlen, wie sie einnehmen. Während die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung einnehmen, was die große Mehrheit über den Zins verliert. Das heißt, die »Gerechtigkeit«, die darauf beruht, dass wir alle – über Sparverträge und Geldanlagen – Zinsen zurückbekommen, stellt sich bei näherem Hinsehen als trügerisch heraus. Erst bei Zins schaffenden Anlagewerten in Höhe von über 500.000 Euro können diejenigen, die diese Anlagen besitzen, vom Zinssystem profitieren. Im Jahr 2001 betrug die Summe, die in Deutschland über die Zinsen tagtäglich von der großen Mehrheit der Bevölkerung zu einer kleinen Minderheit umverteilt wurde, rund 600 Millionen Euro.

Versuche, das zerstörerische Potenzial des Geldes zu neutralisieren

Der Zins ermöglicht auf diese Weise im Gegensatz zum viel zitierten Anspruch auf Leistung in einer »Leistungsgesellschaft« ein leistungsloses Einkommen. Er zwingt zu einem krankhaften Wirtschaftswachstum und führt zu einer Verschärfung der ungleichen Einkommensverteilung, das heißt zur Polarisierung der Gesellschaft. Darüber hinaus wird die Spekulation mit Währungen auf den Finanzmärkten weit lukrativer als Investitionen in der Realsphäre, ohne dass dabei wirkliche Werte entstehen.

Alle großen religiösen Führer sowohl im Christentum wie im Judentum wie auch im Islam verstanden das zerstörerische Potenzial eines auf Zins und Zinseszins basierten Geldsystems und hinterließen uns Lösungen, wie es sich neutralisieren lässt.

Die christlichen Kirchen in Europa befolgten im Mittelalter ein striktes Zinsverbot. Diejenigen, die Zinsen nahmen, wurden aus der christlichen Gemeinschaft ausgeschlossen und erhielten kein christliches Begräbnis. Regelmäßige Münzverrufe des Brakteatengeldes sicherten den Umlauf. Der jeweilige Münzherr »verrief« die Münzen alle 3 bis 4 Jahre. Dann mussten sie abgeliefert werden, und man erhielt neu geprägte Münzen mit einem 30- bis 40-prozentigen Abschlag. Der Abschlag war gleichzeitig der Weg, um Steuern einzuziehen. Auf die Nutzung der alten Münzen stand eine Gefängnisstrafe. Es lohnte sich nicht, das Geld zu horten. Wenn jemand ein Darlehen über mehrere Jahre benötigte, bekam er es meistens ohne Zinsen, weil Darlehensgeber froh waren, damit den bisherigen Wert des Geldes erhalten zu können. Anstelle von Spekulation mit Geld investierten die Menschen in alles, was langfristig seinen Wert behielt: solide Häuser, erlesene Möbel, Schmuck, Gemälde, teuren Hausrat. Die Menschen waren so wohl­habend, dass sie es sich leisten konnten, einen zusätzlichen freien Tag – den »blauen« Montag – einzuführen, und gigan­tische Kathedralen zu bauen, und das allein mit den Spenden der Bürger – obwohl man wusste, dass es bis zur Fertigstellung mindestens 200 Jahre dauern würde.

Im Islam verbietet die Scharia nicht nur Investitionen in moralisch oder gesellschaftlich schädigende Projekte, sondern auch Spekulation und überhöhte Zinsen für Darlehen. Konsequenterweise werden Geldgeber, egal ob privat oder über eine Bank, zu Partnern in den Projekten, welche sie mit­­finanzieren. Tragen sie 50 Prozent der Kosten, erhalten sie auch 50 Prozent des Gewinns. Das bewirkt, dass Geldgeber ein starkes Interesse am Erfolg des Projektes haben und sich – wenn Verluste drohen – nicht aus der Affäre ziehen, sondern alles daran setzen, sie zu beheben.

Das Judentum löste das Problem von Zins und Zinseszins dadurch, dass regelmäßig alle sieben Jahre ein Jubeljahr stattfand, in dem die Schulden erlassen wurden. Und im sogenannten Halljahr – nach sieben mal sieben Jahren – wurden nicht nur die Schulden erlassen, sondern auch die Schuldsklaven befreit und privater Grundbesitz fiel an die Gemeinschaft zurück.

Neue Geldentwürfe

Seit Mitte der achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts mehren sich die Versuche, neue Geldentwürfe zu erproben. Heute existieren viele brauchbare Modelle auf allen Ebenen wirtschaftlichen Handelns:

• Die ersten Modelle entstanden auf der lokalen Ebene. Hier beweisen seit Jahrzehnten viele Tauschringe, dass man das »Geld-Geschäft« nicht nur den Banken überlassen muss (www.tauschringe.de).

• Auf der regionalen Ebene zeigt die wachsende Zahl von Regionalwährungen in Deutschland, dass Menschen bereit sind, neue Wege zu gehen, um ihre Region wirtschaftlich zu unterstützen. Im Januar 2011 gab es etwa 30 Initiativen, die bereits ein eigenes Zahlungsmittel herausgaben, und weitere, die das vorbereiten (www.regiogeld.de).

• Auf der nationalen Ebene bietet das WIR-System in der Schweiz seit 1934 ein Vorbild, das mittels einer Parallelwährung 60.000 kleine und mittlere Unternehmen in 15 Regionen mit Geld versorgt (www.wir.ch).

• Auf der internationalen Ebene gibt es den Vorschlag von Bernard Lietaer für eine auf Waren und Dienstleistungen abgesicherte globale Währung, den »Terra« (www.terratrc.org). Er würde – weltweit eingeführt – die vorhandenen Barter- oder Tausch-Systeme (www.barterportal.net) und Counter-Trade-Geschäfte (z.B. Russland liefert Wodka in die USA gegen einen koffeinhaltigen Limonadensirup) ergänzen und teilweise ersetzen.

Diese neuen Geldentwürfe arbeiten ohne Zins und berechnen nur die Kosten für Transaktionen und Risiko. Sie bieten zinsfreie Zahlungssysteme für verschiedene geographische Größenordnungen und werden ergänzt von sektoralen Komplementärwährungen. Letztere werden so gestaltet, dass das Geld dahin fließen kann, wo es den größten sozialen und wirtschaftlichen Nutzen stiftet (www.monneta.org).

Anstelle sozialer Programme, die sich mit dem Transfer finanzieller Ressourcen von Reich zu Arm begnügen, sind Komplementärwährungen ein völlig neuer Weg, dem Anspruch auf soziale Leistungen und mehr sozialer Gerechtigkeit zu genügen. Wenn sie einmal eingeführt sind und funktionieren, können sie sich selbst finanzieren, ohne den Staatshaushalt zu belasten. Das heißt, sie können den Wohlfahrtsstaat ergänzen, ohne selbst ein Wohlfahrtssystem zu sein. Sie sind in diesem Sinne hoch innovative Selbsthilfemittel, die durch kreatives Handeln im Sinne einer »kollektiven Intelligenz« die Eigeninitiative von einzelnen und Gruppen fördern, ihren Selbstwert und damit insgesamt unser »Sozialkapital« stärken.

Zur Autorin: Prof. Dr. Margrit Kennedy ist Autorin des Buches »Geld ohne Zinsen und Inflation«, das in 23 Sprachen übersetzt wurde. Ihr Buch »Regionalwährungen – ein neuer Weg zu nachhaltigem Wohlstand« zusammen mit Bernard Lietaer erschien 2004 und dient als Grundlage für die Einführung regionaler Währungen in Deutschland. »Occupy Money – damit wir zukünftig alle die Gewinner sind« heißt ihre neueste Veröffentlichung. Arbeitsschwerpunkt ist der Entwurf, die Einführung und Erprobung komplementärer Währungen.

Links: www.margritkennedy.de |www.monneta.org| www.kennedy-bibliothek.info

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