Handwerkszeug im Hortalltag

Von Kathrin Heinz, März 2011

Dass Kinder ihren Tag nach der Schule zu Hause verbringen, da die Eltern beide berufstätig sind, hat heute Seltenheitswert. Immer mehr Kinder, je nach Bundesland bis zu 100 Prozent, besuchen nach der Schule Horte, Nachmittagsbetreuungen und Kindertagesstätten. Auch die Waldorfschulen bieten inzwischen diese Rund-um-Betreuung.

Foto: Ursa Hoogle

Seit vielen Jahren übt sich die »Hortbewegung« in der empathischen Beobachtung und der vertiefenden Betrachtungsweise des Kindes. Dieses »Handwerkszeug« für die Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher im nachschulischen Bereich erschließt mannigfaltige Möglichkeiten.

Hänschen, zum Beispiel, ist ein schlauer Fuchs. Als fünftes und jüngstes Kind in der Familie und durch seine zarte Konstitution erschien er hilflos, etwas dümmlich und noch zu klein, um selbstständig etwas machen zu können. Über einen intensiven Austausch in unserem Mitarbeiterkreis, angelehnt an die Methode von Anna Seydel, kamen wir zu der Erkenntnis, dass sich hinter seiner äußeren Erscheinung ein starkes, aufgewecktes, intelligentes und ausgleichendes Wesen verbirgt. Das veränderte unsere Haltung ihm gegenüber. Nun begegnen wir ihm mit einer gehörigen Portion Humor, den er sofort lachend durchschaut. Seither wendet er sich gerne solch schnöden Aufgaben zu wie Spielzeugkisten sortieren, Bausteine aufräumen oder gar das Puppenhaus auf Vordermann bringen. Bei der Apfelernte konnte er geschickt zu den höchsten Zweigen klettern und freudig überrascht er die anderen mit den leckeren Äpfeln, die er wäscht, schneidet und auf einem Teller schön präsentiert. Er kann sich nun in der Gruppe behaupten und wird ernst genommen. Nun bringt er sich gerne tatkräftig oder mit guten Ideen ein. Seine Klugheit wird von den anderen immer mehr geachtet und er darf zeigen, was er schon alles kann. Das Selbstvertrauen, das er am Nachmittag gewonnen hat, wirkt in die Schule hinein und hilft ihm, seine Rolle als Clown und seine Verträumtheit Schritt für Schritt abzulegen. Sein leicht egozentrischer Umgang mit den Geschwistern und seine Eifersucht auf die Großen stehen ihm nicht mehr im Weg.

Lieschen, auch eine zarte Erscheinung, mit feinen, rötlich blonden Haaren, vielen Sommersprossen, großen ausgeprägten, aber hauchdünnen Ohren und grünen Augen, die feurige Blicke in die Welt schicken, hatte große Mühen, sich irgend etwas zu merken. In einer Kinderbetrachtung nach dem Modell der Kinderkonferenz von Ingrid Ruhrmann vom Lievegoed-Institut in Hamburg, die die Mutter mit genauen, hilfreichen Äußerungen zu ihrer Biographie und gesundheitlichen Entwicklung unterstützte, wurde schnell deutlich, welche Begabungen sich hinter dieser feinen Schale verbargen. Einfühlungsvermögen und Feingefühl für die Nöte und Bedürfnisse der anderen traten hervor. Fast hellsichtig empfindet sie die Gefühle und Stimmungen der Umgebung mit. Das Mädchen begann in uns Ehrfurcht wachzurufen. In Zusammenarbeit mit der Klassenlehrerin, die fast täglich nach der Schule das Einmaleins mit ihr übte, konnte sie bis zur nächsten Rechenepoche die Reihen lernen. Im Hortalltag erlebten wir, wie sie sich ihren eigenen Nöten zuwendete und sich die Aufgaben suchte, die sie stärkten. Über das regelmäßige Mittagessen und immer wiederkehrende Gewohnheiten bekam sie Zugang zu Struktur und Verlässlichkeit.

Immer wieder kann man beobachten, wie nützlich und hilfreich ein aus dem Herzen kommender Blick auf das Kind ist und wie fruchtbar die enge Zusammenarbeit von Lehrern, Erziehern und Eltern ist.

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