Im Anderen sich selbst erkennen

Juli 2018

Im Gespräch mit Klaus-Peter Freitag und Christian Boettger, den zwei Geschäftsführern des Bundes der Freien Waldorfschulen, über ihre Bildungspositionen.

Erziehungskunst | Was sind die zentralen Bildungsfragen heute?

– Klaus-Peter Freitag –

Klaus-Peter Freitag | Das größte Problem ist, dass wir viel zu wenig darauf schauen, was die Kinder mitbringen und ihnen keine Möglichkeiten eröffnet werden, ihren eigenen Weg zu finden.

EK | Stichwort Pisa-Studie. Sie hat für einen Schock gesorgt im deutschen Bildungsystem. Wie stellt man sich dazu?

KPF | Mich interessiert weniger der internationale Vergleich, als die Frage: Wie können sich die konkreten Schülerinnen und Schüler entwickeln? Was für Individualitäten haben wir da? Und wie fördern wir sie bestmöglich?

– Christian Boettger –

Christian Boettger | Die entscheidende Frage ist: Sehe ich den Schüler als ein sich selbst entwickeln wollendes Individuum oder nicht. Wenn wir eine Gesellschaft haben wollen, die aus verantwortlichen Einzelnen besteht, die auch ihre Bildung – natürlich geführt und begleitet – in die Hand nehmen, dann brauchen wir ein anderes System. Es reicht nicht, nur auf einen bestimmten Wissenskanon zu blicken, den es irgendwie zu erreichen gilt. Wer die Fähigkeiten des Kindes entwickeln will, muss auch als Entwicklungsbegleiter die Hindernisse dieser Entwicklung beiseite räumen.

EK | Wie können Waldorfschulen dieses Anliegen konkret umsetzen?

KPF | Waldorfschulen haben die Möglichkeit, ganz andere Wege zu gehen. Sie könnten aber viel mutiger darin sein, an den jeweiligen Orten, mit den jeweiligen Menschen diesen Individualitätsanspruch zu realisieren.

EK | Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

KPF | Inklusion. Aber auch Prüfungen: Wie kann man sie so gestalten, dass sie die tatsächlichen Fähigkeiten der Schüler würdigen und nicht bloß Gedächtnisinhalte.

CB | Wenn wir so stark auf das Individuum, die Autonomie und die Selbstständigkeit abheben, sind wir herausgefordert, uns nicht hinter Normen zu verstecken, sondern dem Anderen zuzugestehen, dass er wirklich anders, also nicht vergleichbar ist. Im Interesse dieser Andersartigkeit, oder besser Individualität, müssen wir die pädagogischen Freiräume gegen Standardisierung und Normierung verteidigen.

EK | Heißt das, dass die Waldorfschulen gegen das antiindividualistische Bildungssystem opponieren?

CB | Die Entwicklung zeigt, dass sich diese Fragestellung immer mehr zuspitzt – auch in den Waldorfschulen. Wie schaffen wir es, die Selbstverantwortlichkeit des einzelnen Lehrers hochzuhalten und ihm diese auch zuzutrauen? Wir schaffen es ja selbst kaum, den Lehrer in seinem eigenen Lernprozess seiner Eigenverantwortung zu überlassen – sowohl in der Schule im Unterricht als auch in der Lehrerbildung. Wir schaffen es immer noch nicht, den Schülerinnen und Schülern größere Freiräume bei der Gestaltung zum Beispiel des Lernwegs in der Oberstufe zu geben, etwa in Form eines individuell mentorierten Programms. 

EK | Das heißt, Waldorfschulen sind in diesem Punkt noch zu zaghaft?

CB | Ja, in der Verwirklichung unseres Anspruchs, in dem Vertrauensvorschuss in das »Prinzip Entwicklung« sind wir noch zu zaghaft.

EK | Wie könnte denn ein Konzept aussehen, das Freiräume für selbstverantwortliches Lernen schafft?

CB | Seit fünf Jahren läuft ein Projekt sehr erfolgreich: eine berufsbegleitende Lehrerausbildung, in der Gruppen von Menschen, die Waldorflehrer werden wollen, sich selbst organisieren und verwalten. Sie gründen einen Verein, um ihre Ausbildung zu organisieren und zu finanzieren. Sie erarbeiten ihr individuelles Ausbildungscurriculum selbst. Sie stellen sich die Frage: Wie lerne ich mit dieser Gruppe von Menschen das, von dem ich glaube, es in meinem Beruf als Waldorflehrer brauchen zu können? Sie gehen in den Unterricht und schauen im Kontakt mit den Kindern und Jugendlichen: Was benötige ich, um dort zu bestehen, in meinem Fach, in dieser Altersstufe? Das kann natürlich auch schief gehen; deshalb werden sie von Ausbildungsbegleitern unterstützt, die diesen selbstverantworteten Lernprozess begleiten. Etwa 40 Menschen haben sich bereits auf diese Art ausge­bildet, weitere 60 bis 80 befinden sich in einem solchen Bildungsgang an neun Standorten in Deutschland.

EK | Und wie viele treten dann tatsächlich in die Schule ein?

CB | Ich müsste schätzen – etwa zwei Drittel bis drei Viertel.

EK | Wie sieht denn diese Selbstbefähigungsstrategie in Bezug auf die Elternarbeit aus?

KPF | Eltern haben wir nicht zu erziehen! Wir arbeiten gemeinsam an der Erziehung der Kinder. Das muss ernst genommen werden, das muss den Dialog prägen. Das heißt auch, immer wieder Möglichkeiten zu schaffen, dass sich Eltern mit ihren Fähigkeiten einbringen können.

EK | Was bedeutet es für eine Schule als Organisation, diesen Dialog zu führen?

KPF | Offenheit, Transparenz und Interesse.

EK | Das ist sehr allgemein gesagt. Trotz vieler Mitsprachemöglichkeiten der Eltern scheint doch eine gewisse Tiefe der Mitgestaltung nicht überschritten werden, wenn es zum Beispiel um das Pädagogische oder den Unterricht geht.

KPF | Das ist auch meine Wahrnehmung. Wir müssen die Eltern, die bereit sind, mitzuwirken, die aktiv in die Trägerschaft eintreten wollen, wirklich ernst nehmen. Ohne das wird eine echte Zusammenarbeit nicht gelingen.

CB | Ganz wichtig ist, die Eltern für Bildung oder Lernprozesse insgesamt erst einmal zu begeistern. Zum Beispiel ein Verständnis dafür zu entwickeln, dass eine Geburt nicht nur das erste In-die-Welt-Setzen eines Kindes ist, sondern dass sich bei ihren Kindern eben mehrere Geburten vollziehen und diese Geburten immer noch in der Verantwortung von Eltern und Lehrern stehen. Also Informationen pädagogischer und organisatorischer Art sind ein ganz wichtiger Bereich; es gilt, dabei neue Blickwinkel zu eröffnen, neue Horizonte zu denken und darüber in den Dialog zu treten. Ich bemerke immer wieder, dass viele wichtige Themen, wie zum Beispiel der Umgang mit Medien, durch politische Einstellungen besetzt sind. Eigentlich müssten wir an vielen Stellen etwas aufbrechen. Waldorfschule muss deutlicher zeigen, dass sie etwas anderes will.

Die Schule darf nicht denken, die Eltern wissen schon, wenn sie an die Waldorfschule kommen, warum sie eigentlich hier sind. Nein! Sie wissen es nicht! Die Chancen dieser Schule für die biographische Entwicklung der Menschen müssen wieder erfahrbar werden. Dafür müssen wir uns Zeit nehmen. Eltern entwickeln sich in der Begleitung ihrer Kinder, es geht darum, die Gesichtspunkte für den wichtigsten Grundsatz der Waldorfpädagogik deutlich zu machen: Jede Erziehung ist Selbsterziehung.

EK | Was können wir also tun, um den »Mehrwert« unserer Pädagogik zu vermitteln?

KPF | In der gemeinsamen Beschäftigung mit der Allgemeinen Menschenkunde entsteht zum Beispiel eine Art Wärmepol unserer Pädagogik. Da begegnet man sich wirklich, wenn man mit anderen Eltern darüber ins Gespräch kommt; dann arbeitet man an Menschenerkenntnis, die immer auch Selbsterkenntnis ist, und das ist einfach unglaublich beglückend.

CB | Es geht in der »Menschenkunde« nicht um fertiges Wissen oder eherne Gesetze, sondern um eine wachsende Erkenntnis des Menschen. Die Allgemeine Menschenkunde Steiners besteht aus einer Reihe von Vorträgen; in einer geplanten Neuausgabe soll das gesprochene Wort wieder stärker zum Vorschein kommen, um damit deutlich zu machen, wie Steiner immer den ganzen Menschen angesprochen hat: die kognitiven Fähigkeiten im sogenannten Allgemeinen Pädagogikkurs, die Herzenskräfte und den Begegnungsaspekt im Methodisch-Didaktischen Kurs und den Tätigkeitsimpuls, die Selbsterziehung des Lehrers in den sogenannten Seminarbesprechungen. Ich denke, man kann mit diesem ersten Lehrerkurs, den Steiner vor nun 99 Jahren, wie eine Art Gesamtkunstwerk gehalten hat, mit einem neuen Schritt beginnen, indem man gerade die Herzens- und Begegnungsaspekte aus dem methodisch-didaktischen Teil in Verbindung mit den Schulungsaspekten aus den Seminarbesprechungen in der Aus- und Weiterbildung und auch in den pädagogischen Konferenzen stark macht und damit die Vortragsthemen aus dem Kurs zur sogenannten »Allgemeinen Menschenkunde« ganz neu beleuchtet.

EK | Warum ist dieses anthroposophische Menschenbild und die daraus entwickelte Menschenkunde so aktuell? Warum beanspruchen wir hier Aktualität oder sogar noch nicht ausgeschöpfte Potenziale?

CB | Steiner hat bei vielen Gelegenheiten den ersten Waldorflehrern gesagt: Beziehe immer Mensch und Kosmos aufeinander, denke immer an Punkt und Umkreis. Denke immer daran, dass der Mensch sich nur über die anderen Menschen – ja die gesamte Umwelt, die irdische und kosmische, definieren kann. Nur über andere und das Andere kann ich mich als Mensch in meinen geistigen, seelischen und physischen Aspekten erleben. Damit werden wir auch nicht so schnell fertig werden.

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